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Der Freier

09.09.2016

05.02.18

Die Kämpfe der Vergangenheit

Die Organisierung im Noedriglohnsektor bei Amazon und anderswo führt zur bürgerlichen Anerkennung, hat aber kein gesamtgesellschaftliches Potential

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Nichts ist einzuwenden gegen Kämpfe zur Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen beim Distributionsgiganten Amazon. So führt die linke Solidaritätskampagne “Make Amazon pay” aus:

“Seit fast vier Jahren kämpfen Beschäftige bei Amazon für die Anerkennung ihrer Forderungen gegenüber der Unternehmensleitung. Längst geht es dabei nicht mehr nur um wenige Euro mehr Lohn, die ein Tarifvertrag absichern würde, sondern um krankmachende Arbeitsbedingungen, entwürdigende Kontrolle und die Respektlosigkeit des Managements. […] Leistungsverdichtung und körperliche Langzeitschäden prägen die Arbeitssituation in den Amazon-Werken. Amazons lernende Lagersoftware gibt Tempo und Ablauf aller Arbeitsschritte vor und übernimmt damit die „Steuerung“ der Beschäftigten, die zu Werkzeugen reduziert werden: Sie erkennen Signale, scannen Waren, greifen, heben, schieben, laufen – 20 km pro Tag, 200 Päckchen jede Stunde. Algorithmen (Computerprogramme) erfassen zugleich alle Bewegungen, erstellen individuelle Leistungsprofile und errechnen Durchschnittsproduktivitäten – eine total-überwachende (panoptische) Fabrik, in der die permanente Erfassung und Bewertung zu psychischem Druck und Stress führt.” (https://makeamazonpay.org/2017/10/08/block-black-friday-24-11-17/)

Jeder Versuch für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen und dem Kapital einen Teil des Werts abzutrotzen ist richtig.
Zugleich geht es darum, sich über die Perspektive dieser Kämpfe klar zu werden: unter welchen historischen Bedingungen entstehen sie, und worauf laufen sie hinaus, im Falle dass sie erfolgreich sein können?
Die Arbeitsbedingungen bei Amazon zählen bekanntlich zu den schlechtesten, die Großkonzerne in Deutschland zu bieten haben. Neben der totalen Überwachung sind auch Berichte über Mobbing und fragwürdige Kündigungen bekannt. Im Vergleich zum Durchschnitt des deutschen, ebenso polnischen, italienischen oder amerikanischen Jobmarktes bedeuten die Arbeitsplätze bei amazon mehr Stress, mehr körperliche und geistige Belastung, bei zugleich weniger Lohn und schnellerer Kündigung. Die Perspektive dieser Kämpfe ist dementsprechend die Durchsetzung der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitsbedingungen – nicht zuletzt eines besseren Tarifvertrags, worauf alle bisherigen Amazon-Streiks zielten. Es geht um nicht weniger als die Anerkennung der ArbeiterInnen als ArbeiterInnen.
Man sollte sich nichtsdestotrotz fragen, was passiert, wenn diese Forderungen erfüllt sind. Eine historische Analogie kann hier der amerikanische Anarchosyndikalismus liefern, der seine größten Erfolge zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte, wo es den Industrial Workers of the World (IWW) gelang, die großen Massen der ArbeiterInnen der Eisenbahnlinien, der Holzfällercamps, der Minen und Häfen zu organisieren, also all die, deren Arbeitsbedingungen und Löhne weit unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Nach den erfolgreichen Streiks der 1910er-Jahre ging die Mitgliedschaft stark zurück. Neben der starken Repression durch die amerikanische Regierung war der Grund, dass das Konfliktpotential mit der erfolgreichen Anerkennung als Normalarbeiter erlosch.
Man könnte gegen diese historische Analogie einwenden, dass wir bei Amazon im Gegensatz zu den amerikanisch-kanadischen Eisenbahnbaustellen nicht die rückständigsten, sondern die am weitesten fortgeschrittenen Ausbeutungsbedingungen unserer Epoche sehen, und ein Kampf gerade hier durchaus gesamtgesellschaftliche Ausstrahlungskraft besitzt. Die Feststellung ist ganz richtig: Amazon betreibt tatsächlich die fortgeschrittenste Gestalt der Reduktion des Arbeiters auf die stumpfsinnige Teilfunktion einer Maschine, die im Gegensatz zu Marxens Zeiten keine Dampfmaschine ist, sondern eine durch Computertechnik vernetzte Transportmaschine. Aus dieser richtigen Feststellung folgt aber keineswegs die gezogene Schlussfolgerung: wenn es stimmt, dass Amazon die fortgeschrittensten Ausbeutungs- und Entfremdungsbedingungen der heutigen Epoche zeigt, so kann die Antwort gerade nicht im Versuch liegen, zur Anerkennung als Normalarbeiter der vergangenen Epoche zurüzukehren, d.h. für die Wiederherstellung der alten, gewerkschaftlich und tarifvertraglich abgesicherten Durschnitts-Exploitationsbedingungen zurückzukehren, sondern gegen die fortgeschrittensten Exploitationsbedingungen wäre die fortgeschrittenste kommunistische Vergesellschaftungsperspektive ins Feld zu führen.
Das Amazon-Kapital, das zunehmende Teile der Konsumgüterversorgung und auch -produktion monopolisiert, erfüllt damit eine zunehmend gesellschaftliche Aufgabe, die als solche zu erkennen ist. Das kommunistische Programm bestünde darin, diese einer bewussten gesellschaftlichen Kontrolle zu unterwerfen, etwa durch ProduzentInnen- und KonsumentInnenräte, was natürlich auf eine Enteignung hinauslaufen würde. Dass hierbei bessere Arbeitsbedingungen mit auf der Agenda stehen, versteht sich von selbst.
Dass eine solche Perspektive nicht an Amazon allein erkämpft werden kann, oder den ArbeiterInnen in ihrem Lohnkampf als äußerlich aufgesetzte Ideologie untergeschmuggelt werden kann, heißt nur, dass die eigentliche Vorarbeit anderswo stattfinden muss, nämlich in einer Kritik und Bewusstseinsbildung.
Der demokratische Konförderalismus in Kurdistan wurde in dieser Zeitung oft kritisiert, aber von ihm könnten gerade was die revolutionäre Perspektive in den Zentren angeht, doch gelernt werden, dass es demokratische, gesamtgesellschaftliche Basisorganisationen braucht, um die Kontrolle über die Gesellschaft zu übernehmen und die staatliche und einzelkapitalistische Verwaltung des Lebens zu überwinden. Arbeits- und Lohnkämpfe sind hilfreich, die Selbstorganisation einzuüben, aber können eine gesamtgesellschaftliche Perspektive und die Verwaltung nicht ersetzen. Wesentlich wäre dabei, diesen politisch verbleibenden kurdischen Ansatz aufs ökonomische Feld auszudehnen, wovor er in Kurdistan zurückschreckt, was aber den entscheidenden Schritt darstellt. Ebenso zu lernen bleibt von Kurdistan, dass jede gesamtgesellschaftliche Perspektive ein langer Diskussions- und Bewusstwerdungsprozess ist.
Ohne eine solche Perspektive führt die Organisierung im Noedriglohnsektor nirgendwo hin, außer zu bürgerlich-kapitalistischer Anerkennung, zum Weihnachtsgeld und zur SPD.

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