Abo  |  Probeabo  |   Login

Meistgelesen im November/Dezember

Der Freier

09.09.2016

01.12.17

“400-800 Millionen Arbeitsplätze werden bis 2030 durch Roboter verdrängt werden”

Eine neue Studie der Unternehmensberatung McKinsey untersucht die zu erwartenden Folgen der Roboterisierung und automatischen Informationsverarbeitung. Die damit einhergende Wandlung dürfte sich aber kaum so friedlich vollziehen, wie es sich die VolkswirtschaftlerInnen vorstellen.

Die Kritische Perspektive finanziert sich über Online-Abos von Leuten wie dir.

Du kannst ohne Abo jeden Monat 2 Artikel deiner Wahl lesen.

Wenn du die Arbeit unserer AutorInnen unterstützen willst, kauf bitte ein Online-Abo. Wenn du die Kritische Perspektive erstmal testen willst, kannst du ein kostenloses 4-Wochen-Probeabo bestellen.

Schon abonniert? » Login.

Man darf sich von der scheinbaren Stabilisierung in Westeuropa und den USA nicht blenden lassen. Die kapitalistische Produktionsweise hat keine Zukunft und wird an ihren eigenen Widersprüchen zusammenbrechen. Ein diese Woche veröffentlichter Report der Unternehmensberatung McKinsey führt die zu erwartenden Entwicklungen der nächsten 12 Jahre aus:

„…unsere neue Untersuchung schätzt, dass [je nach Szenario] zwischen fast Null und 30 % der weltweit verrichteten Arbeitsstunden bis 2030 automatisiert sein könnten, abhängig von der Geschwindigkeit der Anpassung. Wir greifen uns vor allem ein mittleres Szenario heraus, in dem 15 % der gegenwärtigen Arbeiten automatisiert werden. […]

Die potentiellen Wirkungen der Automatisierung auf die Beschäftigung hängen dabei von der Art der Arbeit und dem Wirtschaftszweig ab. Die am ehesten von Automatisierung betroffenen Arbeiten beinhalten physische Arbeiten in vorhersagbaren Umgebungen, wie z.B. die Bedienung von Maschinen und die Zubereitung von Fast Food. Die Sammlung und Verarbeitung von Informationen sind zwei weitere Kategorien, die zunehmend schneller und besser durch Maschinen erledigt werden können, wodurch große Mengen Arbeitskraft umgelagert werden könnten – wie z.B. die Vermittlung von Hypotheken, juristische Assistenzarbeiten, Buchhaltung und Verwaltung. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass die Automatisierung bestimmter Arbeiten nicht notwendig einen Beschäftigungsverlust bedeuten muss, sondern dass die ArbeiterInnen auch neue Aufgaben erhalten können. […]

Die berechneten Veränderungen im Zuwachs oder der Abnahme der Gesamtbeschäftigung setzen voraus, dass eine große Zahl von Menschen in den kommenden Jahren ihre Beschäftigungsfelder ändern muss. Diese Veränderung könnte eine Dimension erreichen, die seit dem Heraustreten der Arbeitsbevölkerung aus der Agrikultur in den frühen 1900ern in den USA und Europa, und in jüngerer Zeit in China, nicht bekannt ist.“ (McKinsey, Übersetzung KP)

Drei Szenarien werden vorgerechnet, „langsame“, „mittlere“ und „schnelle“ technologische Anpassung; je nachdem werden bis 2030 10 Millionen („langsam“), 400 Millionen („mittel“) oder 800 Millionen Arbeitsplätze („schnell“) durch Roboter und automatische Computerprogramme ersetzt werden. Der weltweit größte Anteil der ArbeiterInnen, die „ihren Beschäftigungszweig wechseln werden müssen“ (O-Ton McKinsey) betrifft China, wo bis zu 100 Millionen oder 12 % der Arbeitsbevölkerung betroffen sind, aber auch in Deutschland (bis zu 12 Millionen, 33 % der Arbeitsbevölkerung) oder den USA (bis zu 54 Millionen, 32 der Arbeitsbevölkerung) sind die prognostizierten Auswirkungen gewaltig. Grund für den zunehmenden Einsatz sind nicht allein die technischen Fortschritte in der automatischen Erfassung und Auswertung von Bildern, Sprache und anderen Daten, sondern auch die zunehmende Verbilligung der Roboter- und Automatisierungstechnik. Die VolkswirtschaftlerInnen von McKinsey lassen auch keinen Zweifel darüber, zu welchen Beschäftigungszweigen die durch Roboter und Computerprogramme ersetzten ArbeiterInnen dann „wechseln“ dürfen:

„Arbeiten in nicht vorhersagbaren Umgebungen – Berufe wie Gärtner, Klempner oder in der Kindererziehung und Altenpflege – werden ebenfalls bis 2030 weniger von Automatisierung betroffen sein, zum einen weil sie technisch schwer automatisierbar sind, zum anderen weil sie relativ gering entlohnt werden, wodurch die Automatisierung eine weniger attraktive Geschäftsoption ist. […]

Unsere Analyse zeigt dass die meisten neu geschaffenen Jobs in den USA und anderen entwickelten Volkswirtschaften in Bereichen erfolgen wird, die derzeit am oberen Ende der Einkommenspyramide liegen. Einige Beschäftigungsbereiche die derzeit am unteren Ende liegen, etwa PflegeassistentInnen und LehrassistentInnen, ebenfalls zulegen werden, während ein großer Bereich an Beschäftigungsfeldern mit mittlerem Einkommen die größten Beschäftigungsverluste haben wird.“ (ebd.)

Man sollte einen Moment damit verbringen, sich vor Augen zu führen, was diese hübsche ökonomische Prognose bedeutet. 100 Millionen ArbeiterInnen in China, 12 in Deutschland und 50 in den USA, die in den nächsten 12 Jahren auf die eine oder andere Weise durch Roboter und Computerprogramme ersetzt werden, bis zu 800 Millionen weltweit: es wäre grundfalsch sich nun vorzustellen, dass diese Millionen friedlich auf den chinesischen, deutschen oder amerikanischen Bordsteinen sitzen werden. Der Verlust der Arbeitsplätze ist unabwendbar, aber dass dieser letzten Endes in der Wirtschaftsweltmacht China, beim Exportweltmeister Deutschland, oder bei der militärischen Supermacht USA passieren muss, ist keinesfalls ausgemacht. Anstatt in China können die Arbeitsplätze genausogut in Vietnam, Pakistan, Iran, Irak oder Afrika verschwinden – entlang der „neuen Seidenstraße“ eben. Anstatt in den USA ebensogut in Mexiko oder Guatemala, und anstatt in Deutschland auch in Rumänien, der Türkei oder Griechenland. In den braven ökonomischen Hochrechnungen kommt es nicht vor, dass die führenden kapitalistischen Staaten auch in den nächsten 12 Jahren alles daran setzen werden, den Jobverlust zu externalisieren.

Und eine Weile kann dies für Stabilität sorgen, wenn auch nur in den Zentren: Ein Kapital, das neue, billigere und schnellere Produktionsmethoden einführt, verliert dadurch erstmal keine Arbeitsplätze, sondern expandiert seine Märkte – zu Lasten seiner Konkurrenten, denen das Kapital zur Automatisierung fehlt. Für 100 anderswo aufs Pflaster geworfene Bauern entsteht vielleicht in Stuttgart oder Shenzen ein neuer Arbeitsplatz im Bau selbstfahrender Erntemaschinen oder in der Programmierung insektengiftversprühender Drohnen.

Was also wird die Folge sein? – Natürlich auch die von McKinsey dargestellte Umgestaltung in den kapitalistisch entwickelten Ländern: Billiglohn, Altenpflege und – ja – „Gärtner und Klempner“, die den VolkswirtschaftlerInnen als Illustrationen in den Kopf kamen. Die Hauptwirkungen der Automatisierung in den fortgeschrittensten Ländern werden aber anderswo erscheinen: nämlich im Osten Europas, in Afrika, auf dem großen asiatischen Kontinent und in Süd- und Zentralamerika, also in der kapitalistischen Peripherie und Semiperipherie. Die dortigen, sich oftmals nur noch mühevoll über Wasser haltenden Volkswirtschaften sind es, in denen die Strukturanpassung voll durchschlagen wird, auf die die vernichteten Arbeitsplätze abgewälzt werden, und die in den Bankrott getrieben werden: durch deutsches Billigfleisch, kalifornische Tomaten und chinesische Textilwaren.

Und dieser Bankrott wird alles andere als idyllische Folgen haben: anstatt müßig auf der Straße sitzenden und Karten spielenden Jugendlichen sind die absehbaren „Folgen der Automatisierung“ in den abgehängten Ländern ihre scheinbaren Gegenteile: radikale Islamisierung, ethnische Massakern, Söldnerbanden, Selbstmordattentäter, Sklavenhandel und Bürgerkrieg. Der gesamte arabische Frühling, der libysche und syrische Bürgerkrieg und die gesamte „Flüchtlingskrise“ sind in dieser Hinsicht nur Oberflächenphänomene: ehemals stabile, auf Transferzahlungen und Elitenbestechung beruhende Regimes beginnen in dem Augenblick zu bröckeln, in dem ihre Einkommensgrundlage abschmilzt. Mit den sozialen Spannungen erhalten ethnische und radikalislamische Strömungen zunehmende Attraktivität. Nächste ökonomische Zusammenbruchskandidaten sind z.B. die Türkei, Iran, Saudi-Arabien, Pakistan oder die meisten afrikanischen Staaten.

Keine dieser Entwicklungen aber wird heute für das gelesen, was sie ist, sondern in falschen Oberflächenkategorien abgebildet: als „Flüchtlingskrise“, „ethnischer Bürgerkrieg“, „Terrorismus“; und dies wird auch in den nächsten 12 Jahren so sein. Die Fabrik, die 300 Arbeiter durch 50 Roboter ersetzt, macht keine Schlagzeilen, sondern der eine ehemalige Regierungsangestellte, der sich auf dem Marktplatz in die Luft sprengt. Der Titel des McKinsey-Reports hätte daher ebenso lauten können: „Roboter und automatische Datenverarbeitung werden in den nächsten zwölf Jahren 5 Millionen Bürgerkriegstote und 50 Millionen Flüchtlinge schaffen.“

*

Was hieran sichtbar wird, sind die Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Im berühmten „Maschinenfragment“ in den „Grundrissen“ schrieb Marx 1858:

„Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.“ „In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder […] Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift.“ (MEW 42, S. 602, 601)

Das, was hier als trockener ökonomischer Prozess des Überflüssigmachens der Arbeitskräfte diskutiert wird, wird sich nicht friedlich vollziehen, sondern in Formen von Gewalt und Terror in einer Dimension, „die seit den 1900er […] nicht bekannt ist“. Die bürgerliche Propaganda definiert diese Gewalt als bloßes „Sicherheitsproblem“, das mit mehr Drohnen und Sprengbomben bearbeitet werden muss. Unsere Aufgabe ist es, auf die tieferliegenden Ursachen hinzuweisen.

Wenn dir dieser Artikel gefällt, unterstütz uns mit einem Online-Abo.

Oder teste die Kritische Perspektive mit einem kostenlosen 4-Wochen-Probeabo.

Weiterhin diese Woche:

Kritische Perspektive 2017 | Kontakt | Impressum | Über uns