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Der Freier

09.09.2016

18.11.17

Geld, Macht, Intellekt und #metoo

Es reicht nicht aus, einzelne Täter zu skandalisieren. Die Alltäglichkeit der von tausenden Frauen geschilderten sexuellen Übergriffe hat benennbare gesellschaftliche Ursachen.

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Die große Flut von Berichten sexueller Übergriffe, Anmachen und Gewalt, die Frauen unter #metoo veröffentlicht haben, belegt auf krasse Weise, dass solche sexuellen Übergriffe zur Lebenserfahrung der meisten Frauen gehören, in der Filmindustrie und anderswo. Es beweist der einzelnen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein ist, und sich an andere zur Unterstützung wenden kann, und andere unterstützen muss. #metoo spricht eine angestrengt unterdrückte Wahrheit aus und zerrt die Tatsache der Allgegenwärtigkeit der sexuellen Übergriffe ans offene Tageslicht. Folgen wird daraus aber erstmal nichts.

Mit der Nennung des bloßen Faktums ist die Sache nicht begriffen und nichts an ihr verändert. Natürlich hat die öffentliche Bezichtigung der Täter präventive Folgen: die Möglichkeit, für das eigene private Verhalten gegenüber Frauen öffentlich angeklagt zu werden, muss ab sofort einkalkuliert werden, und schafft Frauen einen gewissen Schutz im privaten Umgang und in der Intimität mit Männern; also genau dort, wo sich der Staat bekanntlich fein heraushält und Gerichte im Zweifel gegen die Frau entscheiden. Dieser Zwangseffekt ist zugleich stark beschränkt und entfällt überall, wo ein Gang an die Öffentlichkeit nicht befürchtet werden muss.

Ein Verhalten, das täglich praktiziert wird und zur Lebensrealität von Millionen von Frauen und – in anderer Rolle – Millionen von Männern gehört, hat gesellschaftliche Ursachen. Mehr als alles andere verweist #metoo auf die Stellung von Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft, sowohl objektiv bezüglich Geld und Macht wie subjektiv bezüglich der Vorstellungen in den Köpfen von Männern. Auch im Jahr 2017 gibt es kaum ein Kinder- und Jugendbuch oder einen Film oder eine Fernsehserie, in der nicht die meist einzige Frau in der Hauptrolle am Ende als Preis an den Helden geht; von TKKG bis zur Harvey Weinstein-Produktion „Der Herr der Ringe“ ist das individuelle Streben nach Ruhm, Geld und Macht für Männer sexuell aufgeladen. Kaum eine Heldentat auf der Leinwand, die nicht für eine Frau vollbracht wurde. Zu einer Gesellschaft, die als Ziel nicht individuelles Glück und gelungene zwischenmenschliche Beziehungen, sondern Geld und Macht setzt, gehört notwendig auch eine Sexualität, deren Inhalt kein erfüllter und einvernehmlicher Kontakt, sondern der Zugriff auf Frauen ist. Was Leute wie die lange Liste der angeklagten Hollywood- und Medienstars umtrieb, war kein Missbrauch ihrer Macht, sondern der ersehnte Preis ihrer errungenen Macht selbst.

Und zu Geld und Macht ist unbedingt eine dritte männliche Leistung zu zählen, nämlich der Intellekt, der erworbene Geist. Seine Filme seien vor allem „intellektuell“, wie Weinstein in einem alten Interview nicht müde wurde, zu betonen. Intellektualität nicht als sein Ziel in sich selbst besitzendes Begreifen einer Sache, sondern als individuelle Leistung und Eigenschaft, ist die Währung des Underdogs, und er erwartet dafür ebenso eine Belohnung. Die gesellschaftliche Institution der Prostitution, die Möglichkeit, das individuell erarbeitete Geld in den Kauf von Frauen umzusetzen oder den Zugriff auf Frauen von anderen Männern als Gefälligkeit zu erhalten, fügt sich in dieses Bild nahtlos ein, und ist nicht ohne Grund gerade bei Intellektuellen ein Vorrecht, auf das kein Adorno verzichten möchte.

Und damit sind wir beim zweiten Punkt, der objektiven Seite. In den Köpfen der Männer mögen sich alle möglichen kulturellen Vorstellungen festsetzen, dass sie diese so umsetzen können wie sie es tun, hat seinen Grund in handfesten gesellschaftlichen Bedingungen. Alle Macht, alles Geld und alles Kapital sind ausschließlich in männlicher Hand. Zur Verletzbarkeit von Frauen gehört es, dass sie überall als Bittstellerinnen auftreten, ökonomisch ein Leben lang von der Hand in den Mund leben, und beständig auf das Wohlwollen von mächtigen Männern angewiesen sind. Das betrifft die kellnernde Studentin ebenso wie das Hollywood-Starlet. Und auch die linke Schülerin oder Studentin wird unweigerlich auf die Tatsache stoßen, dass der Intellekt von Männern gepachtet ist, von deren Wohlwollen ihre Anerkennung abhängt. Egal wohin sie gehen, überall treffen Frauen auf Männer, die über sie entscheiden und in deren Kopf sie zugleich ein Preisobjekt für ihre eigene Stellung sind. Die Drohung, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, mag Männern in diesen ungleichen Sozialverhältnissen nun etwas Zurückhaltung auferlegen, an der grundsätzlichen ökonomischen Stellung von Frauen ändert sie nicht das geringste.

Dies wäre ein einzulösendes Potential von #metoo, eine Erkenntnis der gesellschaftlichen Zustände, die die Millionen von Einzelfälle verbinden und erst möglich machen. Die ungleiche Verteilung von Geld und Einfluss ist ein streng gehütetes Geheimnis der liberalen Gesellschaft, genauso wie sie höchst ungern über ihre kulturellen Idealbilder spricht. Es handelt sich um die unterdrückte Schattenseite der Gesellschaft, die sich durch keine Gesetzesnovelle ändern lässt, sondern am Ende eine Revolution erfordert. Glaubt wirklich jemand im Ernst, diese männlichen Übergriffe abstellen zu können, ohne eine andere Verteilung der gesellschaftlichen Macht, in der Frauen nicht als Bittstellerinnen und Mitarbeiterinnen auftreten, sondern unmittelbar mitentscheiden über die gesellschaftliche Produktion und Verteilung?

 

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