Abo  |  Probeabo  |   Login

Meistgelesen im November/Dezember

Der Freier

09.09.2016

18.11.17

„Der Siemens-Konzern kündigt seinen Mitarbeitern obwohl er bestens dasteht“

Über ein vollkommen falsches Urteil darüber, wie es im Kapitalismus zugeht und die aus ihm resultierende Empörung.

Die Kritische Perspektive finanziert sich über Online-Abos von Leuten wie dir.

Du kannst ohne Abo jeden Monat 2 Artikel deiner Wahl lesen.

Wenn du die Arbeit unserer AutorInnen unterstützen willst, kauf bitte ein Online-Abo. Wenn du die Kritische Perspektive erstmal testen willst, kannst du ein kostenloses 4-Wochen-Probeabo bestellen.

Schon abonniert? » Login.

Siemens wird in Sachsen zwei Standorte schließen und damit 920 ArbeiterInnen entlassen. Begründet wird der Schritt mit dem Wandel in der Nachfrage in Bezug auf fossile Energieerzeugung. Diese würde im Zuge der „Energiewende“ immer mehr abgelöst durch die Erzeugung “erneuerbarer Energie”. Die Gasturbinenwerke in Görlitz und Leipzig bedienen anscheinend kein rentables Geschäftsfeld mehr und müssen folglich, vom unternehmerischen Standpunkt her, geschlossen werden.

Der Betriebsrat des Konzerns sieht in der Ankündigung eine „unzureichende Verhandlungsgrundlage“. Offenbar hat er kein Verständnis für die Begründung des Konzerns, dass sich in Zeiten der Energiewende Gasturbinen nicht mehr verkaufen ließen. „Mir fehlen die Worte, anders kann man das nicht sagen.“ ließ sich die Sprecherin des Betriebsrats in der Tagesschau zitieren und fügte dem noch ein theatralisches „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ hinzu. Bornierte Empörung darüber, dass so ein kapitalistisches Unternehmen sein Personal auf die Straße wirft, wenn es das Profitinteresse damit gewahrt sieht, anstatt genau das zur Kenntnis zu nehmen und sich der Stellung der Arbeiter in einem kapitalistischen Betrieb gewahr zu werden.

Das wiederum ginge z.B. so: Zwar stellen die „Siemensianer“ dem Konzern das ganze Zeug, in diesem Fall z.B. Gasturbinen, als dessen Eigentum her, damit er es gewinnbringend verkaufen kann und ihnen im Gegenzug einen kleinen Bruchteil vom Erlös ihres Arbeitsprodukts als Lohn auszahlt. Das tut er aber nur, weil die so geartete Anwendung der ArbeiterInnen für den Konzern (und damit für seine Eigentümer) rentabel ist. Und das wiederum heißt, der Abstand zwischen dem Erlös und dem, was der Konzern davon den ArbeiterInnen als deren Lohn abgeben muss, muss schon groß genug sein, damit die Rendite der Eigentümer des Konzerns stimmt. Und diese Rentabilität – das sagt der Konzern in seiner Begründung selbst – sieht er durch die Energiewende, d.h. durch den erwartbaren Ausbau von Kraftwerken für erneuerbare anstatt fossile Energieträger gefährdet. Wo der Siemens-Konzern kein rentables Geschäft sieht, benutzt er auch die Arbeiter nicht mehr dazu, sich dort mittels der Ausnutzung ihrer Arbeitskraft Gewinne einzufahren und schmeißt sie eben auf die Straße. Dieses muntere Gegeneinander, in dem die Arbeiter nur schäbiges Anhängsel der Kapitalverwertung und des Geschäfts sind, die kann man an diesem Fall wieder einmal hervorragend studieren – und eben damit die heuchlerische Empörung zurück weisen, dass Siemens die „Mitarbeiter“ rausschmeiße obwohl es ihm bestens ginge. Nein, die Logik ist genau umgekehrt: Gerade weil das Geschäft floriert und der Gewinn weiter sprudeln soll, befreit Siemens das für diesen, den wirklichen Zweck der Produktion überflüssige Menschenmaterial von seiner Einkommensquelle. Was gut für „die Wirtschaft“ ist eben schlecht für die Arbeiter und umgekehrt. Damit das Eigentum an den Produktionsmitteln der Klasse der Eigentümer ihnen einen Profit (z.B. in Form der Aktiendividende) abwirft, muss die unrentabel gewordene Arbeit wegrationalisiert werden, vollkommen egal, ob es vernünftige Gründe dafür gibt, die Gasturbinenproduktion weiterzuführen.

Dass der Betriebsrat das als „unzureichende Verhandlungsgrundlage“ ansieht, sagt einiges über dessen Stellung innerhalb des Konzerns aus: Er versteht sich als „Verhandlungspartner auf Arbeitnehmerseite“ zur Verständigung über die reibungslose Umsetzung der Konzerninteressen. Mit einem solchen Standpunkt und damit der völligen Ignoranz der antagonistischen Verhältnisses zwischen Arbeitern und Kapital, kann man natürlich nur zu der Empörung über die persönlichen Schicksale der Betroffenen kommen. Ja, Leid tut’s einem schon irgendwie um die Leute, aber dass es für das Fortkommen des Kapitals namens Siemens und damit für die „Erhaltung“ des Rests der von ihm „geschaffenen Arbeitsplätze“ notwendig ist, sieht man schon auch irgendwo ein.

Und die Betroffenen? Ihren Gesichtern sieht man an, dass ihnen (und ihren Familien) hier ihr einzig möglicher Zugang zu Lebensmitteln versperrt wird; zurückgeworfen auf die fordernde und fördernde Betreuung durch den Sozialstaat steht ihnen die Angst ins Gesicht geschrieben, wie sie dort früh morgens vor dem Werktor stehen und protestieren – die Angst vor der Armut namens Hartz-IV, das ihnen in einem Jahr blüht oder wahlweise vor dem Wegzug aus der „strukturschwachen Region“ unter Zurücklassung des ganzen bisherigen Lebens, nur um dem nächsten Kapital hinterherzureisen, dem sie sich anbiedern dürfen. Und trotzdem finden Sie sich vor dem bald für immer ruhenden Werk und klopfen, in bunte Mülltüten gekleidet, kräftig auf leeren Metalltonnen herum, als wollten die geschassten Beschäftigen an diejenigen, die ihnen gerade ihre Unbrauchbarkeit für ihre Zwecke attestiert haben, appellieren: „Wir haben uns doch stets bemüht. Womit haben wir das verdient?“ – eine Forderung nach Gerechtigkeit an genau diejenigen, in denen sie gerade in diesem Moment ihre Feinde erkennen könnten.

Von den Staatslenkern und Organisatoren der Bedingungen der Profitmacherei auf Kosten der Beschäftigten kommt ebenfalls eine Menge Empörung. Auch wenn die naturgemäß etwas anders aussieht. Der sächsische Ministerpräsident auf Abruf Stanislav Tillich nannte das Ganze „unverantwortlich“ und vermittelt damit heuchlerisch den Eindruck, dass ein deutsches Unternehmen, wie Siemens dazu da ist und dafür Sorge zu tragen hätte, dass Leute in Deutschland Arbeit haben, „von der sie leben können“.

Der sächsische Wirtschaftsminister ist sogar „wütend“ über die Entscheidung geworden. Dem Staatsfernsehen wutschnaubte er ins Mikro: „Der Siemenskonzern hat Milliardengewinne gemacht und kann jetzt nicht auf dem Rücken von Regionen, Beschäftigten und von diesen Industriezweigen hier diese ganze Region schrumpfen. Das geht nicht.“ (gesteigerte Empörung im Original).

Da hat aber einer ein Ideal im Kopf. Dass das offensichtlich geht, macht Siemens doch gerade vor. Und wenn es seine Aufgabe wäre ehrlich zu sein, könnte der Arbeitsplatzminister auch ergänzen, dass der Konzern das genau auf der Grundlage von Freiheit, Gleichheit und Eigentum des Staates kann und deswegen macht, dessen eine Provinzsektion er gerade mitverwaltet. Dem tobenden Wirtschaftsministerchen geht es dabei aber um mehr als die paar auf die Straße geworfenen Siemensianer, denen er bald sagen kann, dass sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt doch gefälligst zu nutzen hätten: Er sieht „Regionen schrumpfen“. Gemeint ist, dass das Geschäftemachen nun auch für Zulieferbetriebe, Konsumartikelhersteller und den Tante-Emma-Laden in Görlitz schwieriger wird und was dadurch schrumpft ist eben auch des Kollegen Finanzministers Staatssäckel, was seinen Kollegen vermutlich wahrhaftig wütend macht. Da aber das Geschäftemachen nicht nur bei Siemens sondern überall im Kapitalismus die Grundlage für die zu diesem Zweck beschäftigten ArbeiterInnen ist, ist so eine Werksschließung nicht nur unmittelbar für die Entlassenen sondern mittelbar für alle in der Region vom Lohn Abhängigen eine Katastrophe.

Nur wäre es für Letztere ratsamer sich das Verhältnis klar zu machen, in dem sie als diejenige Klasse stecken, die den Reichtum der Eigentümer von Produktions- und Lebensmitteln und die materiellen Möglichkeiten des Staates produzieren, der ihnen ihr Leben genau so und nur dafür einrichtet, um genau dieses Verhältnis irgendwann abschütteln zu können, anstatt lediglich einzustimmen in den Chor der heuchlerischen Herren, die ihnen das eingebrockt haben und auf nichts weiter zu kommen, als das eigene Schicksal und vielleicht noch das “der Region” zu beklagen.

Wenn dir dieser Artikel gefällt, unterstütz uns mit einem Online-Abo.

Oder teste die Kritische Perspektive mit einem kostenlosen 4-Wochen-Probeabo.

Weiterhin diese Woche:

Geld, Macht, Intellekt und #metoo

Es reicht nicht aus, einzelne Täter zu skandalisieren. Die Alltäglichkeit der von tausenden Frauen geschilderten sexuellen Übergriffe hat benennbare gesellschaftliche Ursachen.

Weiterlesen

Kritische Perspektive 2017 | Kontakt | Impressum | Über uns