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Der Freier

09.09.2016

13.10.17

Eine Meinung haben

Über die Schwierigkeiten, jemanden von seiner falschen Erklärung der eigenen Welt abzubringen.

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Bei dem Versuch, seine Mitmenschen von einer richtigen Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft zu überzeugen, z.B. dass Arbeit nicht Quelle des Reichtums der Arbeitenden sondern Bedingung ihrer fortwährenden Armut ist, dass Geld für sie nicht Zugang zum Reichtum bedeutet, sondern seine beschränkte Menge im Portemonaie vor allem den Ausschluss davon, oder dass „der Konsument“ nicht die Macht hat, darüber zu entscheiden, was ihm zur Abschöpfung seines zahlbaren Bedarfs vorgesetzt wird, usw. –, bei dem Versuch also, die falschen Erklärungen der Leute, für das, was ihnen in ihrem Alltag so begegnet zu beseitigen, um der richtigen Erkenntnis der Dinge Platz zu machen, stößt man auf folgendes Problem: Die Menschen fühlen sich angegriffen, ja beleidigt und wehren deshalb die Kritik an ihren Erklärungen ab. Warum ist das so?

Die Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft mit vergleichsweise freiheitlichem Zuschnitt (z.B. in der BRD) haben eben nicht nur eine Meinung und auch ein verfassungsmäßig garantiertes Recht darauf, sondern die gängige Form des Urteils über die Welt, in der sie leben, ist die Meinung, die sie von ihr haben.

Eine Meinung zu etwas kann man folglich haben oder halt nicht. Man kann hohe Meinungen haben oder geringschätzige, elaborierte oder oberflächliche; man kann sich seine Meinung noch bilden und wird sogar permanent dazu angehalten oder man hat zu etwas eben gerade mal keine Meinung. Was man innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft in jedem Fall nicht haben kann ist – eine verkehrte Meinung. Bekommen die geschätzten Mitmenschen eine solche Aussage vorgesetzt, fühlen sie sich beleidigt und fragen sich: „Wie kann es sein, dass der dort etwas als verkehrt ausmacht, was ich ganz allein zwischen mir und einem Gegenstand ausmache, zu dem ich mir die Meinung gebildet habe?“ – und sieht nur ganz konsequent die Fähigkeit als Individuum eine solcherart gebildete Meinung herauszubilden, angegriffen. Die Konsequenz ist ein – aus diesem Standpunkt – nachvollziehbares Beleidigtsein gegenüber demjenigen, der die Kritik geäußert hat, der also – wiederum aus diesem Standpunkt – nichts anderes gemacht hat, als einem die Fähigkeit des bürgerlichen Individuums zu dieser höchsten Art geistiger Tätigkeit (nämlich eine Meinung zu haben), abgesprochen hat. Die betroffene Person glaubt für dumm gehalten zu werden. Was dann folgt ist – wieder aus diesem Standpunkt – ebenso nachvollziehbar –; die beleidigte Person geht zum Gegenangriff über und hält einem entgegen: „Dann glaubst du wohl, dass du die Wahrheit erkannt hast?!“

Eine solche Aussage, als Vorwurf vorgebracht, beinhaltet nichts anderes, als die Unterstellung, dass jemand so etwas wie Wahrheit gar nicht erkennen kann, mithin, dass letztere gar nicht vorhanden ist. Was im Bereich der Naturwissenschaften völlig absurd erscheint („Meiner Meinung nach ist 1+1 gleich 5 und wer das anzweifelt, behauptet wohl, die Wahrheit erkannt zu haben!?“), ist in Bereichen von Politik und Gesellschaft (einschließlich Ökonomie) Gang und Gäbe. Woran liegt das?

Daran dass, im Gegensatz zur Naturwissenschaft, das Urteil über einen Gegenstand innerhalb der Sphäre des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die begriffliche Auffassung davon nicht am Gegenstand festmacht, sondern am Individuum, welches das Urteil fällt. Das ist dann auch schon der wesentliche Inhalt dessen, was eine Meinung ist: der individuelle geistige Bezug zu einem Gegenstand, festgemacht am Individuum. Und der Rahmen für ein so geartetes „Urteilsvermögen“ ist dann auch die Meinungsfreiheit: Jeder darf seinen subjektiven Bezug zu den Dingen haben, dessen Gültigkeit sich, der Natur der Sache nach, am subjektiven Bezug des Nächsten relativiert. Dieses staatlich gesetzte Recht auf ein individuell nur gültiges, subjektives Urteil über die Dinge von gesellschaftlichem Belang, das über das Individuum hinaus jede Gültigkeit verliert, lässt im Denken der Bürgerinnen und Bürger es nur konsequent logisch erscheinen, es allen ernstes als Vorwurf zu äußern, wenn jemand die Wahrheit über eine Sache erkannt haben will. Die gibt es im Horizont des bunten Meinungspluralismus nämlich wirklich nicht, weil es beim Meinunghaben nämlich in Wirklichkeit auch gar nicht um den zu erkennenden Gegenstand geht, sondern um das Individuum, das diese Meinung hat und das genau das auch betont, wenn es jede Aussage über die Wirklichkeit mit einem „Meiner Meinung nach“ einläutet. Der zentralen Gewalt solls Recht sein. Nach dem Motto „Ihr könnt brabbeln, was ihr wollt, solange euer Gebrabbel nicht den Anspruch erhebt, gültige Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen und damit eventuell noch irgendwelche praktischen Ansprüche zu verbinden.“, erkennt sie die mit Meinungsfreiheit beglückten in ihrer bürgerlichen Subjektivität an. Und nichts weiter.

Dieser Zusammenhang besteht nebenbei bemerkt bis hinein in die kritischsten linken Kreise, wo es auch nicht heißt: „Wenn es zwei Ansichten zu einem Gegenstand gibt, dann muss mindestens eine falsch sein.“, sondern dann hat man eben einen Dissens. Und dann spalten sich über den Dissens eben Gruppen und die Leute werkeln ungeachtet ihrer dissenten Meinungen halt weiter an ihrem linken Projekt und wundern sich nicht selten darüber, dass es gerade dort Streit gibt, wo doch jeder seine Meinung haben darf. Es geht auch hier nicht um eine irgendwie geartete Erkenntnis des Gegenstands und einer praktischen Konsequenz daraus, sondern um Anerkennung als jemand mit einer Meinung, als bürgerliches Individuum.

Zurück zum Ausgangspunkt: Eine Schwierigkeit bei der Überzeugung der Menschen von der richtigen Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft besteht also darin, diesen Zusammenhang zwischen Meinung und Anerkennung als Individuum stets bei seinem Vorhaben mit einzukalkulieren, dem bisweilen formal gerecht zu werden, indem man vielleicht zu Beginn auch mal ein „Meiner Meinung nach…“ fallen lässt oder besser noch, diesen Zusammenhang von Meinung, Subjektivität und Anerkennung als bürgerliches Individuum bei der Kritik ihrer falschen Erklärung den potenziell Beleidigten gleich mit liefert.

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