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Der Freier

09.09.2016

06.10.17

Aus der Bierzeltrede eines katalanischen Patrioten

Zum katalanischen Unabhängigkeitsreferendum

Europa

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„(…) und deshalb fordere ich Freiheit für Katalonien! Wir wollen endlich unserer eigenen Herrschaft unterworfen sein! Die Knebelung des katalanischen Volkes durch spanische Gesetze währt nun lang genug! Jahrhunderte lang habe ich dem nun zugesehen. Jetzt sind wir an der Reihe. Und damit meine ich uns, die wir hier geboren sind und eine Heimat haben; die wir so Stolz sein können auf unsere Hochzeitstänze und die Essenszubereitung mit z. B. Reis und Fisch, aus der man die ganze Seele unseres katalanischsprachigen Volkes schmeckt!“

(Geifern und Schmatzen befällt die ersten Reihen der geneigten Zuhörerschaft)

„Befreien wir uns von den Fesseln spanischer Unterdrückung, lassen wir uns nicht mehr von spanisch sprechenden sondern von katalanischen Polizisten verprügeln, katalanische Steuern zahlen, katalanischen Hausbesitzern unser letztes Geld für unsere Wohnung aushändigen, endlich in unseren Schulen für Staat und Kapital Kataloniens zurechtgebogen und selektiert werden, eine rot-gelbe Fahne mit senkrechten, statt waagerechten Streifen anhimmeln, und endlich auch voller Stolz in unserer Sprache dem Chef gehorchen: Katalanische Herren für katalanische Knechte!“

(schallender Applaus)

„Neben dieser wirklichen Freiheit erreichen wir die wirkliche Gleichheit unter den Nationen auch nur dann, wenn die anderen Leute vor der Herrschaft über uns nicht das gleiche gelten, wie wir, die wir so schön fließend Katalanisch sprechen können. Stolz verkünden wir, dass unser Boden mit unserem katalanischsprachigen Blut verwoben ist, dass schon unsere Großväter für Übersetzungen von Ortsnamen auf Autobahnschildern einen Heldentod gestorben sind. Eine Tradition, die uns ein Recht auf einen gebührenden Platz in der Familie der Völker verschafft.“

(überschwengliches Jubelgeheul der aufgepeitschten Menge setzt ein)

„Ein Recht auch darauf, dass Ausländer endlich auch in unserem Namen rausgeschmissen werden! Türken, Deutsche, Marokkaner? Ständig heißt es, sie seien Schuld am Elend der spanischen Nation, sie nähmen nur den Spaniern die Arbeitsplätze weg, lägen Spanien auf der Tasche usw. Doch was ist mit dem katalanischen Elend, an dem die Ausländer schuld sind? An unserem Wirtschaftsstandort Katalonien wird ein Fünftel der spanischen Wirtschaftsleistung erbracht. Wir schuften, bis wir umfallen, in der Angst unseren katalanischen Arbeitsplatz zu verlieren, uns das Ticket für das nächste Barça-Spiel nicht mehr leisten zu können, oder mit dem Kredit auch unser Haus an die katalanische Bank zu verlieren. Und die Ausländer machen nur den Spaniern das Leben kaputt? Aber nicht genug damit! Wenn uns erstmal eine katalanische Regierung sagt, was wir zu tun und zu unterlassen haben, dann geht’s auch den Spaniern hier an den Kragen! Schließlich füttern wir die Spanier mit dem Reichtum durch, der uns von unseren katalanischen Arbeitgebern und dem spanischen Staat abgepresst wird, wo letzter Teil doch einem katalanischen Staat gebührt! Wir sind doch hier nicht das Sozialamt Kastiliens!“ (Gejauchze und Gegluckse durchwirkt die patriotisch glühende Masse. Fisch und Reis fliegt durch die Gegend)

„Ich komme zum Schluss: Ich fordere eine Heimstätte samt zentraler Gewalt über allen jenen Menschen, die rund um die Uhr bemüht sind, sich als glühende Katalanen zu verstehen; die hier vielleicht nichts großartig ihr Eigen nennen können, aber verdammt nochmal ein Recht darauf haben, gleich den Patrioten anderer Gegenden, wenigstens von „ihrem Land“ zu schwärmen; deren ganzes Glück und nationale Pflicht darin besteht, im ewigen Ringen der Völker, unter den paar Herren und mit den jeweils verschiedenen nationalen Vorwänden, auch mal von ihrer Herrschaft und in ihrem Namen als Kanonenfutter gegen die zahlreichen Ausländer verheizt zu werden, die uns dann ebenbürtig gegenüberstehen werden! Ich fordere Freiheit für Katalonien!“

(In einer Art kollektiven epileptischen Anfall rasselt die schreiende Menge samt patriotischem Einheizer, mit Abstimmungszetteln und nationalem Willen bewaffnet, dem nächsten Wahllokal entgegen.)

Dafür haben sich am Wochenende mehr als 700 Menschen verprügeln lassen.

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