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Der Freier

09.09.2016

01.09.17

Der nationale Standpunkt

Über einen Grund, wählen zu gehen.

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Der nationale Standpunkt fordert und freut sich über den abgeschobenen Ausländer genauso wie über „gelungene Integration“. Schließlich geht es ihm nicht darum, die Zumutungen abzuschaffen, unter denen jeder und jede Einzelne im Kapitalismus leidet, z.B. dass Menschen anhand ihres zugewiesenen Status als Inländer und Ausländer be- und verurteilt werden, sondern um das Fortkommen des jeweiligen nationalen Kollektivs. In ihm enthalten ist die „Freiheit für Kurdistan“, oder die Freude darüber eine verbotene kurdische Fahne durch die Gegend zu schleppen, ebenso, wie die Hetze eines Akif Pirinçci, der auch nur ahnt, dass er auf alles, was die MontagsdemonstrantInnen von Pegida so von sich geben, noch einmal rhetorisch eine Schippe drauflegen muss, weil er den völkischen Kriterien, die sie an Menschen anlegen qua seiner Herkunft doch niemals genügen wird.

Dem nationalen Standpunkt ist das Bekenntnis zur Sache der Nation, also zum Gedeih des eigenen Staatswesens derart wichtig, dass er alle, die dem nicht dienen, als Störfaktor begegnet – mal mit Einfühlungsvermögen, mal mit Gewalt. Je nach moralischer Vorliebe reicht die Skala der Gewalttätigkeit in der Betreuung von Obdachlosen, Ausländern, Arbeitslosen, Schulverweigerern, etc. von „an der Gesellschaft teilhaben lassen“, also sie sozialarbeiterisch zu beackern, bis hin sie einzusperren, auszusperren oder eben umzubringen.

Dem nationalen Standpunkt geht es nicht darum, dass die Menschen ihren individuellen Bedürfnissen gemäß leben können, sondern um eine „starke Wirtschaft“ und Arbeitsplätze, um „Zukunftsfähigkeit“, also dass der Kapitalismus funktioniert – am besten für immer – schließlich können wir doch froh sein hier zu leben.

Als deutscher Patriot (was nur eines der vielen Bezeichnungen für einen mit nationalem Standpunkt ist) freut man sich darüber, wenn ein deutscher Diskuswerfer im Wettkampf mit Angehörigen anderer Nationen die Scheibe 80 Meter weit über den Rasen schmeißen kann, man interessiert sich plötzlich für Fußball, wenn es „gegen Frankreich“ geht und zählt fleißig mit, wieviele Deutsche beim letzten Terroranschlag ums Leben gekommen sind.

Der nationale Standpunkt hält die Einsätze des Militärs anderer Staaten für ungerecht, weil sie ja „nur deren Interessen“ bedienen. Wenn hingegen deutsches Militär im Ausland unterwegs ist, helfe es der dortigen Bevölkerung, schafft Frieden und Stabilität. Überhaupt finden Nationalisten die staatliche Gewalt, die überall Menschen mordet, misshandelt, foltert, ein- und aussperrt hier mal angemessen und dort fehl am Platz. Was jeder Staat aus denselben Gründen, nämlich für das eigene Vorankommen in Feindschaft zu den anderen, finden sie hier gut und dort böse: So gibt es gute, weil der eigenen nationalen Sache entsprechende, zweckmäßige Gewalt (Bomben auf Jugoslawien, Zwangsräumung von Wohnungen) und es gibt schlechte, weil (für die eigene Nation) unzweckmäßige Gewalt. Im Bezug auf die Ukraine, Libyen oder Nordkorea firmiert nichts anderes. Dabei ist die moralische Abwägung von gerechter und ungerechter Gewalt durchaus notwendig, weil man sich sonst eingestehen müsste, dass auch das eigene Staatswesen zum „Völkermorden“ fähig ist, wenn es das denn für angemessen hält. In Deutschland ist das jedoch lang her und gehört einem ganz anderen, schon dem Wesen nach bösartgen Nazireich an. In selteneren Fällen identifizieren sich Nationalisten auch mal mit einem anderen Staat, legen aber an dessen Politik dieselbe (undurchschaute) Moral an.

Dem nationalen Standpunkt geht es grundsätzlich nicht darum, die Zumutungen von Staat und Kapital abzuschaffen – sonst würde er sich ja nicht mit deren Anforderungen identifizieren. Er fordert „Rechte“ (wahlweise Freiheiten genannt) ein und will verbessern. So soll es „gerechter“ zugehen innerhalb der Nation, schließlich sollen alle (Mitglieder der Nation) den ihnen zugemessenen Teil vom Kuchen abbekommen, ihre „Chancen“ erhalten sich in der nationalen Sache zu bewähren, darin ihr Glück sehen und dann gefälligst die Schnauze halten oder auswandern, wenn sie damit nicht zufrieden sind.

Dem nationalen Standpunkt scheint es vernünftig Aussagen als Vorwürfe zu tätigen, wie: „Die kommt wohl auch nur auf Arbeit, damit das Konto gefüllt ist!“ oder „Die machen ja, was sie wollen!“ oder „Sei doch froh, dass du in Deutschland lebst!“.

Im Sinne des eigentlich richtigen Vorgehens, dass das doch in einer so fortgeschrittenen (also um das eigene Fortschreiten im Gegensatz zu anderen bemühten) Nation nicht so sein kann, beschwert sich der deutsche nationale Standpunkt über alles mögliche: Zu schlechte Ergebnisse bei der Pisa-Studie, die Polizeigewalt bei G20, mal die offenen, mal die geschlossenen Grenzen und wedelt bisweilen auch mal mit dem Grundgesetz, um den Souverän, dem er alle vier Jahre seine eigene Ohnmacht bezeugen darf, auf die Spielregeln zu verweisen, die dieser sich bekanntermaßen so einrichten kann, wie er es gerade für angemessen hält. Manchmal sagen die AnhängerInnen des nationalen Standpunkts „Wir müssen die hegemonialen Machtstrukturen im Staat verschieben.“ dazu.

Dem nationalen Standpunkt geht es logischerweise nicht darum die Nation, den Staat, das nationale Kapital und die von ihnen seinem Träger täglich aufgebürdeten Zumutungen zu beseitigen, er will die nationale Sache unter richtigen Vorzeichen richtig verwaltet wissen.

Deshalb gehen seine TrägerInnen ja auch zur Wahl.

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