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Der Freier

09.09.2016

11.08.17

Frauenmorde in Deutschland

Offiziell gibt es hiermit kein Problem in Deutschland. Tatsächlich verweist die in den Frauenmorden zum Vorschein kommende Gewalt auf die Zuspitzung des Patriarchats.

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In Südamerika haben Frauen vergangene Woche eine erneute Kampagne gegen die Frauenmorde gestartet. 761 Frauen wurden in Kolumbien im vergangenen Jahr ermordet, die meisten von Ehemännern, Freunden, Ex-Freunden oder Familienmitgliedern.

Aus den Nachrichten dieser Woche:

Diese Nachrichten sind wohlgemerkt der Boulevardpresse entnommen; die seriösen Medien bringen nur, was sich in ein rationales Weltbild einordnen lässt. Die praktisch täglichen Morde an Frauen in Deutschland gehören nicht dazu.

Der Bildungsbürger kann und will die Gewalt an Frauen nicht begreifen; dem liberalen ist immer Einzelfall, der andere führt sie auf die Ausländer zurück.

Aber Gewalt ist weder Einzelfall noch Kultur. Beide Verarbeitungsweisen sind Verdrängungen, denn sie vermeiden die Konfrontation mit den Tätern und ihren Morden. Weder der deutsche noch der ausländische Täter braucht näher angeschaut zu werden, die Kulturabstraktion hat dieselbe Wirkung wie die Auflösung in den Einzelfall. Und Solidarität mit den Opfern wie den potentiellen Opfern kann brav vermieden werden.

Woher kommen die Morde an Frauen? – Die aufgezählten folgen alle demselben Muster: Ehemänner, Freunde, Ex-Freunde. Sie wollte sich trennen; sie hatte einen neuen Freund (oder er glaubte das); sie wollte sich nach Jahren der Gewalt nicht erneut mit ihm treffen. In einer rationalen Welt wäre es undenkbar, darauf durch Mord zu reagieren; in einer rationalen Welt gibt es aber auch kein Patriarchat. Die Trennung war den Tätern in allen Fällen ein Angriff auf ihre Männlichkeit, weil sich Männlichkeit über das symbolische Verhältnis zu Frauen definiert. In äußerst vielen dieser Fälle waren die Männer schon lange vorher gewalttätig; oftmals waren es die Frauen, die sich um die Kinder, um das Geld und um die Wohnung kümmerten, während sich die Männer mit Drogen und Affären beschäftigten und als Schmarotzer durchfüttern lassen; im übrigen eine gerade für die Dritte Welt und Südamerika typische Konstellation. Aber es ist nicht allein, dass der Mann überraschend mit seiner eigenen materiellen Abhängigkeit konfrontiert wird; es ist der symbolische Akt, durch den er sich in seiner Männlichkeit zerstört fühlt. Der Riss in seinem Weltbild, dass die Frau selbst Subjekt ist. Keinesfalls zufällig erklären viele der Mörder später vor Gericht, dass sie sofort gewusst hätten, dass die Frau einen neuen Freund haben müsste, sowenig können sie sich ihr eigenständiges Auftreten vorstellen. Bei den meisten deutschen Richterinnen und Richtern können sie sich durch den Verweis auf ihre Eifersuchtsphantasien zugleich milderer Behandlung sicher sein.

Durch den Mord glaubt er, sich wiederherstellen zu können, und in den meisten Fällen bringt er danach sich selbst um oder versucht es zumindest. Wie der muslimische Selbstmordattentäter hängt er dem Wahn an, sich selbst zu reinigen durch Mord an anderen.

Die Gewalt gegen Frauen, deren Geschichte sich durch die gesamte aufgeklärte moderne Gesellschaft zieht und gerade in der Krise massiv wird, lässt sich durch ein rationales Weltbild von Fortschritt und Sozialstaat nicht erklären. Sie verweist auf die Unwahrheit all der linken und liberalen Versuche, das Patriarchat wegzureden und als etwas vormodernes darzustellen. Tatsächlich handelt es sich um die zu Tage tretende patriarchale Grundstruktur und Verfassung der kapitalistischen Subjekte; kein Kapitalismus ohne Patriarchat.

Die Kolumbianerinnen zeigen, dass hierum ein öffentlicher Kampf geführt werden muss. Ein kleiner Schritt wäre die Denunziation der Täter und die Verweigerung jeder Rechtfertigung für ihre Tat: genau wie der Begriff des „Sex-Täters“ gehört der des „Familiendramas“ kassiert. Aber mehr noch: die Täter selbst, meist jahrelang gewalttätige Schmarotzer, sind zu denunzieren; auf dass kein Mann auf die Idee kommt, dass der Mord irgendeine Heldentat wäre.

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