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Der Freier

09.09.2016

14.07.17

Was sagen eigentlich die Hamburger Hafenarbeiter?

Gerd Müller, Hafenarbeiter im Ruhestand, gab am 06.07.2017 ein ausführliches Interview über seine Geschichte innerhalb des Hamburger Hafens, Gewerkschaftsapparate, die Veränderungen der Arbeitsbedingungen und die Reaktionen der KollegInnen auf die Blockadeaktionen im Rahmen der G20-Proteste. Das Interview führte Helene Flick.

Containerschiff

Kannst du uns ein wenig davon erzählen, wo wir uns hier befinden und was dich hier her verschlagen hat?

Wir befinden uns hier im Medienpädagogikzentrum. Wir machen seit 1973 Dokumentarfilme, Ausstellungen und Publikationen von der Idee der Gegenöffentlichkeit her. Ich selbst bin zum MPZ gekommen als wir 1978 im Hamburger Hafen gestreikt haben. Da hat die Gewerkschaft ÖTV entdeckt, dass es eine Auseinandersetzung zwischen Lohnarbeit und Kapital gebe, was sie sonst immer geleugnet haben – und dann wurde seit sehr langer Zeit zum ersten Mal wieder gestreikt. Laut Gewerkschaft zum ersten Mal seit 1896. Der sehr kurz gewerkschaftlich unterstützte und dann wilde Streik von 1951, der von der KPD gestützt wurde, wird dabei unter den Tisch fallen gelassen. So radiert man ein bisschen Geschichte aus.

Jedenfalls wollten wir unseren Streik im Hafen (1978) von einer kritischen Seite her dokumentieren und sind dann zu den Menschen im MPZ gekommen und haben damals einen Film gemacht. Seit dem bin ich hier im MPZ geblieben. Zu mir: Mein Name ist Gerd Müller. Ich habe 1972 bei der „Hamburger Hafen und Lagerhaus“ (kurz: HHLA; heute: „Hamburger Hafen und Logistik“; Anm. d. Red.) als Kaiarbeiter angefangen. Zuvor habe ich Germanistik, Geschichte und Soziologie studiert. Ich gehöre also zu den Leuten, die dachten: Lehrer ist auch schön, aber vielleicht ist es sinnvoller am Ort des Geschehens mit den Erwachsenen etwas zu machen. Und dann war die Idee: Geh mal irgendwas arbeiten, sozusagen in einen Betrieb, an die Wurzel des Kapitalismus und versuch dort eine kritische Gewerkschaftsarbeit zu machen. So habe ich dann das Studium abgebrochen. Vor 1972 habe ich diverse andere Sachen gearbeitet, bin auch hier und da mal gekündigt worden, weil der Verfassungsschutz durchaus wusste, wo die Leute herkamen. Ich war beispielsweise mal bei der Norddeutschen Affinerie (heute Aurubis; Anm. d. Red.) – das ist ein Rüstungsbetrieb – und da haben sie mich relativ schnell nach sechs Wochen gekündigt. Ich habe dann 1972 bei der HHLA angefangen, war seit 1978 im Betriebsrat und bin 2009 in Altersteilzeit ausgeschieden und bin seit Mai 2010 Rentner, mache aber noch sehr viel mit Kollegengruppen im Hafen, mache eine Art Beratungstätigkeit und versuche Erfahrungen weiterzugeben, damit die nicht einfach verschwinden.

Zudem hatten wir bei der HHLA seit 1975 eine vom Kommunistischen Bund in vielen Betrieben angestoßene gewerkschafts-oppositionelle Gruppe, nicht in dem Sinne, dass wir Gewerkschaften ablehnten, sondern eine oppositionelle Gruppe zum offiziellen Gewerkschaftsapparat und hatten bei Betriebsratswahlen mit dieser Gruppe, so ca. 15 bis 25 Leute, eigentlich immer ein Drittel der Stimmen. Das ist für eine Gruppe, die sich klar links positioniert, recht viel. Die letzten sechs Jahre meines Arbeitslebens hatte ich auch noch das Vergnügen einen Betriebsteil zu leiten, weil der geschlossen werden sollte und dann hat man mich gefragt: „Sagen Sie mal, wollen Sie das nicht machen?“, und ich dachte mir, dass ich mit den KollegInnen rede und habe gesagt: Man muss das ja irgendwie lernen. Wie würde man selber das denn machen? Und das muss man auch innerhalb des Kapitalismus lernen, weil, wenn man es nicht innerhalb des Kapitalismus lernt… Da wird nicht irgendwann jemand einen Schalter umlegen und sagen: „Jetzt machen wir alles neu und alles ist ganz anders.“ Und dann habe ich mit den KollegInnen gesprochen und gefragt, was sie wollen. Entweder wir machen so weiter und dann ist in einem Jahr hier Schluss oder wir überlegen, sehr nah auch an euch: Wie kann man innerhalb dieser Rahmenbedingungen so einen Betriebsteil (gemeint ist eine Containerpackstation; Anm. d. Red.) führen?, und die KollegInnen haben sich dann dafür entschieden, das gemeinsam zu machen. Und wir waren auch durchaus relativ erfolgreich, d.h. dass man sich keinen faulen Lenz machen kann, aber auch geschaut wird, dass das Unternehmen sich keine goldene Nase daran verdient, sich in dem Marktfeld bewähren kann und gleichzeitig über die Gestaltung der Arbeitsbedingungen gesprochen werden kann. Da muss man dann eben auch sagen: „Du, wenn du einen Videorekorder für 19,90 kaufen willst, dann musst du eben auch an der Packstation einen Container mit Videorekordern in einer bestimmten Zeit auspacken, sonst kriegst du ihn nicht für 19,90.“ D.h. mir kam es auch darauf an, solche Lerneffekte zu erzielen. Und ich habe auch immer betont, dass es nicht nur die Leute sind, die in Ostasien die Dinger für drei Euro zusammenkleben, sondern: „Da hängen auch eure Arbeitsbedingungen dran und wenn ihr daran etwas ändern wollt, dann müsst ihr eben was tun.“

Wie sind solche Versuche, Zusammenhänge zu vermitteln, im ja auch sehr männlich dominierten Hafenarbeitermillieu angekommen?

Dadurch, dass ich das die letzten sechs Jahre gemacht habe und vorher bereits 30 Jahre mit den Menschen zusammen gearbeitet habe, wir zusammen Arbeitskämpfe geführt haben, haben sie eine Figur vor sich gehabt, wo das mit „Der da oben…“ nicht so funktioniert. Natürlich wird auch genörgelt, aber um darauf zu reagieren musst du bei den Menschen sein. Das machst du nicht, indem du dich auf eine Betriebsversammlung hinstellst und den Menschen die Welt erklärst, sondern du musst authentisch sein, du musst mit den Menschen zusammen gehen und sagen können: „Guck mal, wenn wir so gehen, ist es vielleicht nicht vollkommen, aber da wird was von.“ Das versuche ich auch den Menschen im Hafen zu vermitteln, mit denen ich noch zusammenarbeite, die teilweise aus dem linken Spektrum kommen. Die meisten der Hafenarbeiter sind ja woanders aufgehoben, traditioneller Weise in der SPD oder sie bewegen sich im Schoß des offiziellen Gewerkschaftsapparates. Auch dort wurde ich zu meinen aktiven Zeiten als Sprecher der Vertrauensleute gegen jemanden aus dem eher rechts-sozialdemokratischen Spektrum reingewählt, habe aber nach 3 Jahren die Mandate wieder abgegeben, weil ich festgestellt habe, dass ich hier vom Gewerkschaftsapparat am Nasenring durch die Manege gezogen werde. Schließlich kam ein Gewerkschaftsfunktionär auf mich zu und meinte: „Weißt du Gerd, für einen Gewerkschafter bist du einfach zu geradlinig.“

Soviel vielleicht erstmal zu meiner Person, dass man mich grob einordnen kann.

Kannst du noch etwas zu den Besonderheiten deiner gewerkschafts-oppositionellen Gruppe sagen?

Uns war es immer wichtig, zu betonen, dass wir nicht die Gewerkschaften oder die Organisation der Menschen generell ablehnen, sondern dass wir ein Problem mit dem Gewerkschaftsapparat haben. Wir haben uns ‘Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter der Alternative’ genannt, mit dieser Betonung auf „Gewerkschaft“ und auf „Alternative“. Um die Betonung auf die Gewerkschaft zu legen aber gleichzeitig auch zu sagen: „Nein, so nicht. Da wird nie was von. Wir machen das nicht mit.“ Klare Strukturen und eine Form von Entscheidung sind in einer Organisation immer nötig, aber die Entscheidung muss von unten nach oben gehen und nicht umgekehrt. Und die Gewerkschaften nach dem Zweiten Weltkrieg sind Apparate, die bis heute von oben nach unten funktionieren. Da wird oben die Marschrichtung vorgegeben und die wird nach unten durchgesetzt und nicht etwa wie man die Leute von der Basis mitnimmt oder gar entscheidungsfähig macht.

Beispielsweise bei einer Lohnforderung, da wird oben hereingerufen, die angemessene Lohnforderung für dieses Jahr sind 3,5%. Da wird dann höchstens noch über kleine Änderungen der Prozentzahl gesprochen. Wir haben Themen diskutiert, wie: „Was soll eine Lohnforderung? Wer profitiert davon? Wie ändern sich Lohnscheren? Sind nicht Festgeldforderungen sinnvoller? Wie verteilen wir das Geld und wieviel?“ Diese Diskussionen werden bis heute wenig basisgewerkschaftlich geführt, sondern Parolen ausgegeben, weil der Hauptvorstand etwas beschlossen hat. Und da findet ja in der Regel ein sehr, sehr enger Schulterschluss mit der Unternehmerseite statt.

Beispielsweise wurde der Streik von 1978 organisiert, weil die ÖTV das Gefühl hatte, sie müsste mal Stärke demonstrieren und hat sich überlegt „Wie kriege ich die Leute dafür?“ und dann werden plötzlich radikale Sprachmuster benutzt. Ein sehr SPD-naher und unternehmerfreundlicher Gewerkschaftssekretär sprach auf einmal von einer Auseinandersetzung zwischen Lohnarbeit und Kapital. Da bin ich fast aus dem Stuhl gefallen, weil der solche Worte sonst nie in den Mund genommen hatte, diesmal aber schon, schlichtweg, um Stimmung zu erzeugen. Dann wurden sehr hohe Streikgelder gezahlt, sodass die Leute im Schnitt mehr mit dem Streik verdient haben, als wenn sie arbeiten gegangen wären. Aber das ist eine Methode, wie ich mir Leute zum Streik kaufe.

Das Ende vom Lied war, dass sich die meisten Hafenarbeiter während des Streiks in der Hamburger Innenstadt am Gewerkschaftshaus in der Nähe eines Vergnügungsviertels befanden und wir von linker Seite sehr viel Mühe reingesteckt haben, um zu sagen: „Unser Platz ist im Hafen, da wo Streikposten sind.“ Diese Mühen waren, nicht zuletzt aufgrund von Videoaufnahmen, die wir im Hafen gedreht und im Gewerkschaftshaus gezeigt haben, sehr erfolgreich, denn auf einmal gab es Diskussionen zwischen den Kollegen, woraufhin uns von der Gewerkschaft der Stecker (vom Fernseher) gezogen wurde. Dann sind aber 50 Leute zur Streikleitung hochgetrampelt – das machen die Menschen dann – und dann hatten wir auch wieder Strom.

Der Streik sollte dann recht schnell wieder beendet werden; man hatte Stärke gezeigt und einen Kompromiss ausgehandelt und da haben wir relativ viel Aufklärungsarbeit geleistet, weil der Kompromiss ein einziger Beschiss war. Die damalige Forderung war 12% Lohnerhöhung – eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Größenordnung – und der Kompromiss sah 7 % auf elf Monate vor, was ein einziger Beschiss ist, weil die Vereinbarung statt über die normale Laufzeit auf zwölf Monaten angelegt war. Die Lohnerhöhung für den zwölften Monat fehlte also. Nachdem wir darüber breite Aufklärungsarbeit geleistet hatten, kam es dann dazu, dass der Kompromiss in einer breiten Urabstimmung von den Hafenarbeitern abgelehnt wurde. Das hat die Gewerkschaftsleitung absolut geschockt, die sich ja gedacht hatte: „Jetzt ist Streik. Und wenn wir sagen ‘Schluss’, dann ist auch Schluss.“ D.h. wenn kritische Leute im Betrieb sind, die zusammen mit den Menschen arbeiten, dann kannst du eine ganze Menge bewegen.

In den letzten 50 Jahren hat sich einiges geändert, nicht nur was die Arbeitsbedingungen angeht, sondern es scheint auch der Gedanke verloren gegangen zu sein, dass man etwas erreichen kann, wenn man sich organisiert, mit einander spricht und sich gemeinsam fortbildet und auch praktisch wird. Teilst du diese Einschätzung, gerade im Bezug auf die HafenarbeiterInnen?

Selbstverständlich sind Veränderungen zu bemerken. Am Hafen lässt sich das relativ gut erklären: Der Hafen ist lange Zeit ein Bereich gewesen, der wenig industrialisiert war. Als ich 1972 angefangen habe, da war die Hafenarbeit eher noch auf der Manufakturebene, also noch eine relativ ausgeglichene Mischung aus Handarbeit, Kopfarbeit und Maschinenarbeit; die Menschen waren aufeinander angewiesen und es gab ein sehr hohes Kommunikationsniveau. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Hafenarbeiterschaft auch eine relativ lange politische Tradition hat. Im Hamburger Hafen ist traditionell die KPD immer sehr stark gewesen, was zu meiner Zeit aber keine Rolle mehr gespielt hat, auch die DKP nicht. Aber dieses Gefühl der gemeinsamen Arbeit, des Auf-einander-angewiesen-Seins ermöglicht eine ganz andere Form der Solidarität, als eine industrialisierte Arbeit. Es gab dann zwei wesentliche Tendenzen:

Durch die Containerisierung sind nach und nach sehr viele Einzelarbeitsplätze entstanden. So ein Containerbrückenfahrer ist absolut isoliert in 50m Höhe; der kann sich vielleicht hier und da mal über Funk verständigen, aber im Zeitalter der Digitalisierung der Aufträge ist selbst das zurückgegangen. Wir haben in der Belegschaft darüber diskutiert, ob die Aufträge nur noch per Display übermittelt werden sollen und da waren die Meinungen gespalten. Schließlich ist Funk auch nervig und da wurde die Digitalisierung von vielen begrüßt. Irgendwann haben sie aber festgestellt: da fehlt etwas. Teilweise fahren die Van-Carrierfahrer dann Kanzel an Kanzel, um sich überhaupt noch mit jemandem unterhalten zu können. Das spitzt sich heutzutage so zu, dass es nicht mal mehr gemeinsame Pausen gibt. Heutzutage arbeitet man ja in „Pausenfenstern“, um den kontinuierlichen Betrieb zu gewährleisten, das bedeutet, die Menschen haben alle zu unterschiedlichen Zeiten Pause und somit fallen die meisten Kommunikationsstrukturen zwischen den HafenarbeiterInnen in einem zentralen Bereich des Hafens, nämlich der Containerabfertigung, weg.

Daneben gibt es noch das allgemeine gesellschaftliche Phänomen, bei dem die neuen Technologien eine große Rolle spielen, nämlich die Tendenz zur Individualisierung. Wenn ich die jungen Leute am Tisch sitzen sehe und jeder guckt in sein Handy, da merkt man: es hat sich was am Kommunikationsverhalten geändert und das sieht man auch bei den Hafenarbeitern – und Hafenarbeiterinnen – in den letzten zehn Jahren hat sich der Anteil der weiblichen Belegschaft enorm ausgeweitet.

Also hier wäre es eine große gewerkschaftliche Aufgabe, dass allein durch den Wandel der Arbeitsbedingungen eine enorme Vereinzelung stattgefunden hat und aus dem gewerkschaftlichen Organisationsgesichtspunkt heraus stellt sich die Frage: Wenn ich die Leute organisieren will, dann muss ich sie auch irgendwie zusammenkriegen. Und das kann ich nicht machen, indem ich ab und zu mal ein Flugblatt schreibe, sondern mir die Frage stelle: Wie komme ich überhaupt wieder zu Arbeitsplätzen, die die Leute wieder kommunikationsfähig machen?

Jetzt lässt sich aber die Automatisierung nicht zurückdrehen…

Aber ich kann sie gestalten! Wenn ich dem Kapital und den technologischen Strukturen die absolute Gestaltungsmacht einräume, dann nehme ich mir dabei meine eigene. Zwar kann und will ich diese Entwicklung nicht zurückdrehen, aber zumindest die Frage stellen: Wie machen wir das dann? Wie schaffen wir Freiräume für Kommunikation? Wie erreichen wir, dass die Menschen nicht immer dieselbe Arbeit machen?

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einem jungen Kollegen aus dem Hafen, da ging es um Ablösesysteme. Momentan funktioniert es so, dass die Fahrer von Van-Carriern ausschließlich einander abwechseln und die Leute sich nicht zwischen den verschiedenen Tätigkeitsbereichen ablösen. Die Frage der Mischarbeitsplätze ist völlig aus dem Fokus geraten. Die verschiedenen Technologien lassen eben auch Gestaltung zu. Wenn ich aber von vornherein sage: „Das ist jetzt eben so. Das wollen die bestimmt nicht“, ändere ich garantiert nichts.

Was viel schwieriger zu beeinflussen ist, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir haben große Probleme überhaupt Gruppen zusammen zu kriegen. Die treffen sich alle in ihren Chats und auf Facebook und können völlig entspannt auf dem Sofa über die Welt herziehen. Ich persönlich halte, aus verschiedensten Gründen, nichts davon. Zusammengefasst halte ich diese Form der Kommunikation für eine Art Methadon-Programm (medizinische Ersatzdroge zur Bekämpfung einer Heroin-Abhängigkeit; Anm. d. Red.), was den Leuten das Gefühl vermittelt, dass sie wahnsinnig viel bewegt haben, wenn sie sich in ihren Internetforen austauschen oder sich über etwas aufregen. Letztlich bewegen sich dort aber nur die Finger, aber nicht die Menschen. Hierbei handelt es sich aber um ein generelles, kulturelles Problem, das die nachfolgenden Generationen zu lösen haben.

Ich beneide die junge Generation keinesfalls. Es gibt da die einen, die möchte ich mal als „wohlstandsverwahrlost“ bezeichnen, die keinerlei Zwang haben sich was erkämpfen zu müssen und zu sagen, wie mache ich das mit anderen zusammen. Und bei den anderen ist es so erschwert, dass sie oft keine Möglichkeit sehen. Jemand im MPZ hat einen Film gemacht über den Streik bei Neupack hier in Hamburg. Acht Nationen, die da alle arbeiten, alles prekäre Arbeitsverhältnisse. Da was zu organisieren, das ist immens schwerer. In meiner Zeit haben wir es da aus unterschiedlichen Gründen viel leichter gehabt. Wenn wir etwas wollten mussten wir oft dafür kämpfen, ohne die Möglichkeit Umwege zu gehen und es gab stärker eine kollektive Lebenssituation. Ich beneide da heute niemanden.

Stichwort „nachfolgende Generationen“. Jetzt haben sich an diesem Wochenende zahlreiche, zu großen Teilen jüngere Leute in Hamburg eingefunden, um gegen den hier stattfindenden G20-Gipfel zu protestieren. Siehst du in den jüngeren Generationen Ansätze etwas zu bewegen?

Ich sehe recht viele Ansätze, die aber oftmals zu kurz gesprungen sind. Es ist nachvollziehbar, wenn Menschen über die gegenwärtigen Verhältnisse wütend werden. Ich halte das aber in vielerlei Hinsicht für kontraproduktiv. Ich halte das auch für eine Mischung aus Jugendrevolte einerseits und Auffassungen, die meiner Meinung nach nirgendwo hinführen, andererseits. Wenn aber massenhaft Leute zusammenkommen, die überhaupt mal registrieren, was hier passiert und eine Gegenwehr entwickeln, wenn sie am eigenen Leib erfahren, was es für Auswirkungen hat, wenn sich so ein Privatklub von Leuten trifft, der sich selbst zu den Herrinnen und Herren der Welt ernannt hat, dann passiert mit den Leuten etwas, sie bekommen ein unangenehmes Gefühl. Die Leute, die die Macht über die Medien, diese Stadt und anderes haben, geben sich unheimliche Mühe die Schuldfrage zu klären. Indem sie nämlich behaupten, wenn es diese furchtbaren Radikalen nicht gäbe, würde hier alles friedlich zugehen. Es würde dann hier auch nicht friedlich zugehen. Wenn nämlich sichergestellt werden könnte, dass alles friedlich zugeht und keine Schaufensterscheiben eingeschlagen werden, dann würden sie trotzdem identische Maßnahmen treffen. Hamburg wäre auch im Ausnahmezustand, weil sie nichts mehr fürchten, als dass viele Leute sehen, was die da tun, wie die sich bedienen an der Welt. Es kommt aber auf die richtige Vermittlung an und darauf, dass etwas anderes passiert als in den großen Medien. Und immer dann, wenn viele Leute zusammenkommen, hat das einen Wert.

Wenn man aber meint, dass man es den Mächtigen in diesen Tagen ordentlich zeigen kann, halte ich das für Blödsinn. Denen kann man nämlich überhaupt nichts zeigen, gerade weil sie die Macht haben und das demonstrieren sie hier sehr deutlich. Du kannst dich mit dem Auto nicht mehr bewegen, mit dem Zug oder dem Bus usw. Ich steig in Elmshorn in den Bus, da stehen schon die Bullen am Bahnsteig. Und das ist 40 km von Hamburg entfernt. Das sehen die Leute und die Frage ist, wie man das in den Alltag transportiert.

Bevor ich missverstanden werde: Ich will nicht sagen, dass „die da oben“ an allem Schuld wären und wenn wir sie beseitigen, dann wäre alles besser. Aber es gibt nun einmal Leute, die die Macht haben, im Staat, in den Medien etc. und die sind aber auch nur so stark, weil wir sie lassen. Weil wir ständig behaupten, wir könnten daran eh nichts ändern. Von sich aus sind die gar nichts. Ich mach mein ganzes Leben eigentlich nichts anderes, als mit Menschen zu üben, zu sagen : „Du, wir können was machen. Komm, lass doch was machen.“

Kommen wir wieder ein wenig zurück zur Arbeitswelt im Hamburger Hafen und der Frage, wer da was machen kann. Was hältst du von der angedachten Blockadeaktion des linken „…ums Ganze“-Bündnisses?

Toll fände ich es, wenn angesichts des G20-Gipfels hier im Hafen am Wochenende die Arbeit ruhen würde. Aber so weit sind die Menschen noch lange nicht. Und diejenigen, die jetzt den Hamburger Hafen blockieren, haben einen offenen Brief geschrieben, „an alle die im Hamburger Hafen arbeiten müssen.“ Die Formulierung finde ich höchst ärgerlich. Wir arbeiten doch nicht nur, weil wir arbeiten müssen. Jeder macht doch irgend etwas. Was machst du denn bitteschön, wenn du jetzt nicht arbeiten musst? Liegst du auf dem Sofa oder in der Sonne oder schläfst du die ganze Zeit? Ich behaupte ja nicht, dass wir uns durch Lohnarbeit definieren, aber wir definieren uns doch als Menschen dadurch, dass wir etwas gestalten, etwas schaffen und dazu gehört selbstverständlich auch alles, was der Reproduktion des Lebens dient: dass man Möbel baut, dass man eine Zeitung macht usw. Und dass man die Dinge, die man dort produziert vernünftig verteilt. Ich stelle fest, dass Menschen, die keine Beschäftigung haben krank werden. Das sieht man ganz gut an den Leuten in den Flüchtlingsheimen, die teilweise nichts anderes tun können, als in ihren Betten herumzuliegen und darüber krank und depressiv werden. Und wenn du die Leute, die im Hafen arbeiten, mal fragst: Ja die finden das gut, was sie da arbeiten; vielleicht nicht jeden Tag und manchmal denken sie auch zu wenig darüber nach, was sie da eigentlich machen, das will ich ja gar nicht in Abrede stellen.

Wie wurde denn der offene Brief bei den HafenarbeiterInnen aufgenommen?

Das haben doch 90% der Leute im Hafen gar nicht mitbekommen. Ich wurde von Leuten aus dem anti-kapitalistischen Camp angesprochen, ob ich nicht Leute kenne, die im Hafen arbeiten und etwas zum Hafen machen könnten. Dem habe ich geantwortet, dass bestimmt 90% der Leute im Bezug auf G20 bewegt: Wie komme ich zur Arbeit? Was passiert, wenn ich nicht hinkomme? Und wie komme ich von der Arbeit wieder weg, wenn die dort irgend etwas machen? Usw. Die registrieren das doch gar nicht, weil das überhaupt nicht dort hin vermittelt wird. Das ist doch auch nicht damit getan, dass ich im Netz einen offenen Brief streue und hoffe, dass der gelesen wird. Ich habe nichts dagegen, dass etwas in die Richtung versucht wird. Mich ärgert die relativ arrogante Diktion des „Alle, die im Hamburger Hafen arbeiten müssen.“ Auch dass man dort Aufmerksamkeit erregen will, um sich zu artikulieren, ist völlig in Ordnung, dann aber möglichst auch in einer Sprache, die die Menschen verstehen. Ich muss ja irgendwo bei den Leuten andocken und bei dem, was sie verstehen.

In den 70ern und 80ern, als es noch relativ viele kommunistische Gruppen gab, wie auch immer sie hießen, haben wir auch festgestellt, dass das Maß bei den Leuten ein ganz anderes ist. Ich kam auch frisch aus dem Studium und dachte mir in einer ähnlichen Arroganz, jetzt erklär ich den Leuten mal die Welt und habe aber relativ schnell gemerkt, dass bloß weil ich gut lesen kann und gut Texte verstehen kann, weiß ich nicht mehr als andere mit anderen Fähigkeiten. Es kommt darauf an, sich gegenseitig zu akzeptieren und zu versuchen, sich zu verstehen. Und da musste man sich eben denken: Bevor ich jetzt hier etwas lostrete, versuche ich erstmal mit den Menschen zu reden und zu fragen: „Du, was meint ihr denn, wo könnte man da etwas ändern? Sollten wir vorher mal Flugblätter verteilen? Man muss ja nicht unbedingt eine Blockade vorher ankündigen, damit die Gegenseite dann schon da ist, aber man muss über Ziele und Absichten miteinander reden. Es kommt darauf an, bei den Menschen etwas zu erreichen. Und das fehlt. Es gibt eine irrsinnige Kluft zwischen denjenigen, die sagen, wir wollen hier richtig was reißen und den Menschen mit denen sie das machen wollen. Das wird nichts bewegen, wenn du die Menschen nicht erreichst.

Jetzt gibt es gerade unter jungen Leuten die Tendenz, sich mit aktuellen, teilweise auch individuellen Anliegen auseinanderzusetzen und sich entlang einzelner Probleme, wie beispielsweise dem nächsten Naziaufmarsch oder der Gentrifizierung zusammen zu tun und politisch aktiv zu werden. Auf der anderen Seite bekommt man das Gefühl, dass gerade die Arbeiten um die Organisation der ArbeiterInnen und langwierige Gewerkschaftsarbeit bei den jüngeren Leuten eher gering geschätzt werden. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?

Die Frage ist doch hier, was überhaupt politische Arbeit ist. Es gibt ja Leute, die meinen, wenn sie von einer individuellen Position ausgehen, sich mit einer mehr oder weniger großen Gruppe von Gleichgesinnten zusammentun und ausgehend davon etwas verkünden und machen, dass man damit wesentliche Dinge erreichen könnte; andersherum die unangenehmen Teile, nämlich sich mit unangenehmen Zeitgenossen und Strukturen auseinanderzusetzen, meidet. Ich glaube nicht, dass das auf lange Sicht besonders produktiv ist. Solche Leute gab es aber schon immer. Solche, die lieber im Inner Circle gearbeitet haben, weil man sich da so schön wohl fühlen kann, anstatt dort, wo einem der Wind ordentlich um die Nase weht. Es war überhaupt nicht spaßig, als ich in einem sehr rechts-sozialdemokratischen Betriebsrat und anderen Gremien als einziger oder mit einer kleinen Minderheit in der Runde mit einer anderen Auffassung gesessen habe. Da kann ich mir etwas besseres vorstellen. Wenn du aber – und das versuche ich den jüngeren Leuten, die heute noch im Betriebsrat arbeiten, zu vermitteln –, wenn du dich dem unangenehmen nicht aussetzt, dann wirst du keine zwischenmenschliche Beziehung hinbekommen, dann wirst du nichts erreichen. Das habe ich auch in Zweierbeziehungen noch nie erlebt: Wenn du dich den unangenehmen Sachen nicht aussetzt und dich einbringst, dann bewegst du nichts. Dann kannst du dich höchstens isolieren.

Hinzu kommt, wenn das Gemeinschaftsgefühl zu einem Ingroup-Verhalten führt, dann schafft man sich selbst ein riesiges Problem. Dann macht man nämlich nichts anderes, als sich abzugrenzen und andere auszuschließen. Das ist ausgesprochen fatal. Das müssen Menschen lernen. Dazu gehört Toleranz, dazu gehört Konfliktfähigkeit, dazu gehört Selbstkritikfähigkeit. Und das musst du üben, damit du die Menschen auch im Alltag erreichst. Dazu gehört eben nicht allein auf dem Camp zu üben, wie man sich bei einer Sitzblockade verhält, wenn die Bullen anrücken und dich wegtragen sollen, sondern du musst auch irgendwie lernen – am besten in Gruppen – wie verhalte ich mich in meinem täglichen Alltag, damit mehr Menschen aus Konflikten, die jeden Tag da sind, handeln lernen und zwar nicht nur das Handeln zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, sondern Handeln zur Verbesserung von gesellschaftlichen Verhältnissen. Das musst du üben und da musst du dich eben auch irgend einem Scheiß aussetzen, z.B. in den derzeitigen gewerkschaftlichen Strukturen zu arbeiten. Eine andere Möglichkeit etwas zu erreichen, sehe ich nicht.

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