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Der Freier

09.09.2016

16.06.17

Just another Event. Zur Kritik des neuesten linken Gipfelhypes, diesmal G20 in Hamburg

Erinnert sich noch wer an Blockupy 2015?

Containerschiff

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Ich war 2015 bei einem Mobi-Vortrag für die Blockupyproteste gegen die EZB-Eröffnung in Frankfurt, ausgerichtet von einem deutschlandweiten Bündnis linksradikaler Gruppen. Mit Hilfe einer Powerpoint-Präsentation erklärten die beiden aus Berlin angereisten Vortragenden, was die EZB mache, wie sie die Austeritätspolitik bestimme, und warum es deshalb wichtig sei, in Frankfurt massenhaft dagegen zu protestieren.

An die genaue Begründung kann ich mich nicht erinnern, dafür ist mir in Erinnerung geblieben, dass sich die beiden von ihrer Berliner Politgruppe in die Provinz ausgesandten Vortragenden an mehreren Stellen dafür entschuldigten, dass sie die von ihnen präsentierten Powerpoint-Folien ja nicht selbst ausgearbeitet hätten, an dieser Stelle nicht so genau wüssten, was sie sagen sollten, an einer anderen die Sache nicht ganz so schlimm sähen, und allgemein für inhaltliche Diskussionen die falschen AnsprechpartnerInnen wären. Letztere gab es dann natürlich nicht, dafür einen hübsch gemachten und mit Musik aufgepeppten Werbefilm für die Mobilisierung.

Aber nichts drückte die Sinnlosigkeit und Folgenlosigkeit solcher Veranstaltungen an jenem Abend besser aus, als dass im Nachgang einer der Vortragenden selbst bekundete, wie er von der Architektur des 1 Milliarden-Euro-Baus der EZB in Frankfurt eigentlich sehr fasziniert sei, ebenso wie auch vom Commerzbank-Tower nebenan, wo man es nämlich geschafft hätte, in der 20. Etage oder so begrünte Innenhöfe zu integrieren, mit denen auch die innenliegenden Mitarbeiterbüros Tageslicht abkriegen würden. Den Organisationsgruppen war es scheinbar noch nichteinmal gelungen, wenigstens ihre eigenen Mitglieder zu befähigen, solche kapitalistischen Wohlfühlideologien zu durchschauen, und danach bewerte man, wie sie es mit Theorie und Praxis halten.

Nicht, dass Proteste gegen solche Anlässe nicht gerechtfertigt wären, oder dass es falsch wäre, zu einer Blockade des Hamburger Hafens aufzurufen, wie dieselben linken Gruppen es nun tun; Streiks und Störungen gegen das Kapital sind immer zu begrüßen. Aber irgendwie ist es jedesmal dasselbe. Jeder dieser Gipfelproteste ist neu, glitzernd, niedagewesen. Erst im Rückblick erscheint die Tristheit dieser Mobilisierungen, wenn man sich fragt: was war beim letzten Mal eigentlich rausgekommen? Was war von Frankfurt 2015, wo als besonderer Marketinggag zur Mobilisierung gar ein eigener Sonderzug von Berlin nach Frankfurt gechartert wurde, übrig geblieben? Bei genauerem Hinsehen erscheint das diesjährige Gadget, dass man halt den Hafen und „die Logistik des Kapitals“ blockieren will, alt und blass, ebenso wie die braven „queer-feministischen“ Aufrufe, die bei keiner Demonstration fehlen dürfen, 2017 genausowenig wie 2015. Die einzige Veränderung zwischen 2017 und 2015, dass außerhalb der linken Szene niemand mehr an den Bindestrich zwischen Queer und Feminismus glaubt, ist hier am Bewusstsein vorbeigegangen. Und bei genauerem Hinsehen sind doch auch die Mobi-Videos damals wie heute eigentlich identisch. Ein paar Sätze Antikapitalismus, ein paar Emotionen, ein bisschen Massenfeeling. Die überdrehte linke und linksradikale Euphorie dieser Mobilisierungen entspricht genau ihrem Charakter, dass hinter dem jedesmal-neuen Anstrich eigentlich nur schale Wiederholung steckt.

Wir wollen keine Spielverderber sein, aber wenn eine Sache nach wiederholten Anläufen entgegen aller jedesmal erneuerten Absichtsbekundungen und Zielsetzungen immer wieder scheitert, muss man damit Schluss machen, in der Politik wie im eigenen täglichen Leben. Diese Gipfelmobilisierung schafft es weder, linke Gesellschaftskritik zu verbreiten, noch verhilft sie den teilnehmenden linken Publikum selbst zur Reflexion. Die Kritik endet, trotz aller Veranstaltungsreihen, Mobi- und Hintergrundvorträge, sobald das Kapital im 20. Stock seines Bürohochhauses einen hübschen Innengarten einrichtet. Wir haben kein alternatives Erfolgsrezept in der Tasche; aber wir denken nach wie vor, dass unsere vordringlichste Aufgabe heute die Weiterentwicklung und Verbreitung der radikalen Kritik dieser Gesellschaft ist. 15.000 schwerbewaffnete PolizistInnen, bewaffnete Drohnen aus Kriegsgebieten und ausgebildete Scharfschützen können das Bestehende locker gegen jeden Ansturm vermummter Demonstrantinnen schützen; sie sind lächerlich machtlos gegen die Überzeugungskraft einer unitären Gesellschaftskritik, sobald sie einmal ins Rollen kommt.

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