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09.09.2016

03.06.17

Buchbesprechung: Radical feminism for men – Radikaler Feminismus für Männer (Robert Jensen)

Robert Jensens „The end of patriarchy. Radical feminism for men“ beginnt langsam und bescheiden. Am Ende hat Jensen den Lesern aber eine unumstößliche Basis für eine radikale feministische Kritik mitgegeben.

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Follow your fear, folge deiner Angst, so beginnt das Buch:

„Der Ratschlag unserer Zeit, wie er routinemäßig an alle die vor großen Lebens- und Karriereentscheidungen stehen verabreicht wird, lautet: „folge deinen Interessen“. Man kann gegen das Klischee nichts einwenden, wenn es Leute davon abhalten soll, zum Zweck des materiellen Auskommens seelentötende Jobs zu akzeptieren, oder es uns auffordert, nicht stumm zu bleiben auch wenn die Leute um uns herum anderer Meinung sind. Aber in einer Gesellschaft, die von mehrfachen, sich aufeinander türmenden sozialen und ökologischen Krisen bedroht ist, kann diese Fixierung, die eigenen Interessen zu verfolgen, eine gefährliche Ablenkung sein, sobald uns unsere Interessen dazu führen, grausame Realitäten zu ignorieren. Der wichtigere Ratschlag – für uns alle, als Einzelne wie kollektiv – ist zuvorderst: „folge deinen Ängsten“.“ (S. 9)

Jensen beschreibt sein Buch als Versuch, seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Ängste zu verstehen. Er will nicht den Feminismus erklären oder für Frauen oder Feministinnen sprechen, sondern sich selbst erklären; und damit sind wir beim ersten wichtigen Punkt des Buches: der Frage nach dem Verhältnis, als Mann, zum radikalen Feminismus:

„Die Rechtfertigung für dieses Buch kann weder in der Gutheißung durch feministische Kameradinnen liegen, noch in der Behauptung, dass es sich um eine bloß strategische Handreichung für Männer handelt. Ich schreibe weil ich denke, dass ich etwas nützliches zu sagen habe, aufbauend auf mehreren Jahrzehnten Lehre, Forschung, Organizing und kritischer Selbstreflexion. Ich schreibe nicht, um Frauen ihre eigenen Erfahrungen zu erklären, sondern um mithilfe der Arbeiten feministischer Frauen meine eigenen Erfahrungen mit dem gegenwärtigen Sex/Gender-System der USA, in dem auch ich lebe, zu erklären. Feministische Kritiken des Patriarchats entstanden aus den Kämpfen von Frauen heraus, aber eine Kritik des Patriarchats ist ebenso Teil eines größeren Kampfes für eine gerechte und nachhaltige Gesellschaft.“ (S. 16)

Robert Jensen ist nun kein Unbekannter in der radikalen feministischen Theorie oder Bewegung, seit seinem ersten Kontakt mit radikalfeministischer Theorie vor dreißig Jahren – er kannte Andrea Dworkin noch persönlich – wurde er, nach einer langen Phase der Aneignung und des langsamen Verstehens, u.a. in der Anti-Pornographie-Bewegung aktiv und hat eine Vielzahl von Texten und Büchern geschrieben, am bekanntesten wahrscheinlich „Getting off: Pornographiy and the end of masculinity“, eine der radikalsten Kritiken der Pornographie und ihrer zerstörenden Wirkung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Das Buch beginnt bei Null. Jensen erklärt, was Sex und Gender – biologisches Geschlecht und gesellschaftliche Geschlechterrolle – sind, nicht ohne dabei einen quellenreichen Überblick über den amerikanischen radikalen Feminismus der letzten vierzig Jahre zu geben. Aber „dass er etwas zu sagen hat“, zeigt schon an dieser Stelle seine Differenz zu einem Kernpunkt radikalfeministischer Kritik: Jensen ist sich mit den meisten radikalen Feministinnen ganz einig, dass es ein unabweisbares biologisches Geschlecht gibt und dass das soziale Geschlecht – die Rollenzuweisungen und Geschlechterbilder – eben ein gesellschaftliche Produkt ist, das dringend verändert werden muss; aber er hält es für unplausibel und gar nicht für wünschenswert oder möglich, dass ein soziales Geschlecht überhaupt abgeschafft werde:

„Wir können uns eine Welt ohne „Rasse“ als Kategorie vorstellen, aber es ist unmöglich – außerhalb von Science Fiction – eine Welt ohne die Kategorie des biologischen Geschlechts [sex] zu konstruieren. […] Biologisch bestimmte Geschlechterkategorien sind unverhandelbar, aber können wir nicht die sozial konstruierten gesellschaftlichen Geschlechtskategorien [gender] ablehnen? Denn wenn gesellschaftliche Geschlechterkategorien sozial konstruiert sind, wobei diese Konstruktion örtlich und zeitlich anders aussehen kann, dann sollten wir doch darauf verzichten können, ein gesellschaftliches Geschlecht überhaupt zu konstruieren, nicht wahr? Ist es möglich, jede Konzeption eines sozialen Geschlechts – abgesehen vom stets vorhandenem Wissen, welcher Teil der Menschheit Kinder gebären kann – aus unseren Leben zu eliminieren? Ich denke nicht, und zwar aus zwei einfachen Gründen: erstens, weil die Fortpflanzung wesentlich für alle Organismen ist, und die Geschlechtsunterschiede (männlich und weiblich) wesentlich für die menschliche Fortpflanzung sind; und zweitens, weil wir Menschen unser Gehirn immer verwenden werden, um unsere Welt zu verstehen, selbst wenn wir zu keinem klaren Begriff kommen, und dann darüber sprechen. Was auch immer die Grenzen unserer kognitiven Fähigkeiten sind, wir sind sinnsuchende und Erzählungen schaffende Organismen; wir wollen verstehen, was in uns und um uns herum vorgeht. Wenn wir keinen klare Vorstellung über eine Sache haben (was die meiste Zeit und bezüglich der meisten Sachen der Fall ist), schaffen wir immer noch Erzählungen darüber, was sie bedeutet (d.h., wir erfinden eine).

Wenn wir diese beiden Punkte verbinden – die Bedeutung der Geschlechtsunterschiede für unsere weitere Existenz, und unsere sinnsuchende/Erzählungen-produzierende Vorliebe – ist es schwer vorstellbar, dass irgendeine menschliche Gemeinschaft keine über die offenkundige Biologie der Fortpflanzung hinausgehenden Erzählungen über den Sinn der Geschlechtsunterschiede entwickelt. […] Kann man sich wirklich vorstellen, dass Menschen irgendwann keine Fragen nach dem tieferen Gehalt eines solchen grundsätzlichen Unterschieds stellen – keine künstlerischen Werke schaffen, die die Bedeutung der Geschlechtsunterschiede über die Fortpflanzung hinaus erkunden, keine Symbole für die Geschlechtsunterschiede konstruieren? […]

Einige Feministinnen haben vorgeschlagen, dass wir versuchen sollen uns die Abschaffung von sozialer Geschlechtlichkeit vorzustellen, wozu auch Feministinnen gehören, auf deren Arbeiten ich mich stütze und/oder mit denen ich persönlich befreundet bin. Aber an diesem Punkt in ich anderer Meinung: wenn irgendeine Form von sozialen Geschlechtervorstellungen sowieso unvermeidbar ist – als sozialer Bedeutung der biologischen Geschlechtsunterschiede, die über die Anerkennung der Fortpflanzung hinausgeht –, dann sollten wir versuchen, innerhalb dieser sozialen Geschlechtlichkeit zu arbeiten anstatt über sie hinauszugehen zu versuchen. Die Tatsache dass das soziale Geschlecht innerhalb des Patriarchats ein System ist, dass von Männern genutzt wird um Frauen zu unterdrücken, heißt nicht, dass wir nicht ein soziales Geschlecht im Sinne der Befreiung konstruieren können, Erzählungen die Gemeinschaft und Egalitarismus zum Inhalt haben anstelle von Hierarchie und Unterdrückung. Menschen können Erzählungen und Symbole über Geschlechtsunterschiede kreieren, und haben das in der Vergangenheit auch getan; vor-patriarchale menschliche Gesellschaften zeigen dass Differenzierungen im sozialen Geschlecht durchaus kompatibel mit egalitären Ansichten sein können.“ (S. 29-31)

Andere Gesellschaften werden auch andere Geschlechterbilder haben, und es ist anzunehmen, dass auch sie dem biologischen Geschlecht irgendeinen sozialen Sinn zuweisen, es irgendwie sozial repräsentieren, was nicht heißt, dass sie deshalb Hierarchien und feste Rollenzuschreibungen erzeugen müssen. Das ist neu und bleibt genauer zu diskutieren, gerade weil es bei Jensen in einem größeren Zusammenhang steht: der Frage, wie wir mit den biologischen Grundlagen des menschlichen Lebens umgehen und wie wir sie gesellschaftlich repräsentieren wollen.

Im gleichen Zusammenhang steht auch eine andere Frage, die selten in dieser Schärfe sich jemand zu formulieren getraute: „What is sex for?“ – Wofür ist Sex/Geschlechtsverkehr da?:

„Bezüglich der Frage, „wofür ist Sex da?“ bin ich mit definitiven Ansichten zögerlicher. Ich denke dass Sex in einer ausgeglichenen Gesellschaft weder auf die Fortpflanzung noch auf die Suche nach persönlicher Lustbefriedigung reduziert werden sollte. Aber Sex kann, und tut das tatsächlich, verschiedene Rollen in unserem Leben spielen, und ändert sich dabei auch im Laufe des eigenen Lebens und unterscheidet sich bei verschiedenen Individuen und Kulturen. Jede Antwort wird nur für einen besonderen Ort und eine bestimmte Zeit gültig sein. Wenn wir jung sind zum Beispiel mag Sex vor allem eine Möglichkeit der Selbsterfahrung in unserer emotionalen Entwicklung sein. Als spätere Erwachsene kann Sex für uns ein Weg sein, um stabile Bindungen mit einem Partner zu erhalten. […]

Vor mehr als zwei Jahrzehnten, als ich über diese Frage nachzudenken begann, benutzte ich gern einen Ausdruck, der eine Diskussion bezeichnet, die zwar intensiv ist, aber unser Verständnis nicht voranbringt: wir sagen, dass eine solche Diskussion „mehr Hitze als Licht produziert.“ Bei vielem von dem, was über Sex heute geredet wird, geht es um Hitze: ist der Sex den du hast heiß?

Was, wenn unsere Diskussion über sexuelle Aktivität – unsere körperlichen Beziehungen zu einer anderen Person – weniger über Hitze und mehr über Licht wären? Was, wenn wir, anstatt verzweifelt nach heißem Sex zu suchen, stattdessen nach Wegen suchen, durch Berührung Erleuchtung zu schaffen? […] Wie berühren wir uns und sprechen zusammen, um diese Erleuchtung zu bringen?

Auch wenn es kein Sexhandbuch gibt, das uns erklärt wie wir diese Erleuchtung schaffen, zögere ich nicht mit der Feststellung, dass der sexuell-industrielle Komplex uns im Dunkeln lässt.“ (116f)

Jensen ermutigt uns auch hier, über den gesellschaftlichen Sinn der scheinbar bloß biologisch selbstverständlichen Tatsachen nachzudenken; denn dass ihnen ein gesellschaftlicher Sinn zugeordnet wird, lässt sich sowieso nicht vermeiden, und daher kommt es auf uns an, das selbst in der scheinbaren Beliebigkeit versteckte Urteil deutlich zu machen und stattdessen über bessere, wünschenswerte Inhalte nachzudenken, natürlich immer eingedenk unserer eigenen Verhaftung am Bestehenden und intellektuellen Beschränkung. Jensen traut sich hier, von der feministischen Tradition der letzten drei Jahrzehnte abzuweichen, gerade weil der Frage nach der ökologischen Überlebensfähigkeit angesichts der drohenden planetaren Katastrophe heute viel stärkere Bedeutung zugemessen werden muss; dass diese Frage, angesichts der patriarchalen „extraktivistischen/expansionistischen Wahnvorstellungen unserer heutigen energieabhängigen Hochtechnologie-Welt“ (S. 10) eine feministische Frage ist, darüber besteht kein Zweifel.

Die zweite Hälfte des Buches ist drei großen Themen gewidmet: der Vergewaltigungskultur (Rape culture), dem Komplex von Prostitution und Pornographie, und der Transgender-Ideologie (Transgenderism). Ich muss zugeben, dass ich bei der Lektüre lange Zeit enttäuscht war: im Vergleich zu radikalen feministischen Vordenkerinnen wie Andrea Dworkin oder Kajsa Ekis Ekman mit ihrer scharfzüngigen und vernichtend eloquenten Kritik kommt Robert Jensens Darstellung fast träge daher. Im Gegensatz zu ihnen liefert Jensen keine immanente Kritik – er entwickelt seine Gegendarstellung nicht aus den Widersprüchen anderer Autorinnen –, sondern verfolgt einen Common Sense-Ansatz: er beruft sich auf wissenschaftliche Studien, auf den gesunden Menschenverstand, auf Plausibilität. Nichts davon ist unerhört, nichts davon revolutionär. Ich habe lange gebraucht, um Jensen hier zu verstehen, aber ich denke, dass darin doch eine wichtige Erkenntnis dieses Buchs liegt. Seine Wahl lässt sich natürlich erstmal als taktische ansehen, mit dem er uns Männern überhaupt einen möglichst voraussetzungslosen Zugang schaffen will. Aber zum zweiten leistet er damit zugleich mehr, denn wenn man das Buch zuklappt, sind diese drei Punkte, die Vergewaltigungskultur, Prostitution/Pornographie und die Transgender-Ideologie nicht bloß kritisiert, sondern tatsächlich erledigt. Dass hinter allen Vergewaltigungsstatistiken eine herrschende sexuelle Norm steht, nach der Sex etwas ist, dass man als Mann von der Frau erhält; dass Prostitution/Pornographie eine grundsätzliche Ungleichheit im Kauf und der sexuellen Benutzung von Frauen voraussetzen; und dass die Transideologie, die ein biologisches Geschlecht jenseits der biologischen Geschlechtsmerkmale behauptet, ein schlecht-individualistisches Ausweichen vor der notwendigen Kritik an den gesellschaftlichen Geschlechterrollen ist: diese drei Punkte haben sich nach der Lektüre stärker eingeprägt, als es durch jede scharfzüngige immanente Kritik möglich wäre. Jensens Darstellung liefert damit einen ungemein hilfreichen Leitfaden für Diskussionen zu diesen Themen.

Aber drittens schließlich, und damit sind wir wieder beim Anfang, unserem Verhältnis als Männer zum Feminismus, ist es für uns Männer ehrlich nur schwer möglich, eine scharfzüngige und vernichtende immanente Kritik in dieser Sache zu führen, wie man sie etwa bei den meisten amerikanischen Femistinnen findet. Es wäre eine Pose, die immer Gefahr liefe, von der eigenen Verstricktheit und Privilegierung bloß abzulenken und das notwendige Eingedenken an die eigene patriarchale Prägung zu verlieren. Robert Jensen erklärt uns damit nicht nur nocheinmal deutlich, was radikaler Feminismus ist, und macht Vorschläge zur Weiterentwicklung angesichts der neuen Anforderungen von technizistischem Größenwahn und Transgender-Ideologie; er liefert uns auch ein Modell, wie man sich als Mann ehrlich feministische Kritik aneignen und weitertragen kann.

Robert Jensen: The end of patriarchy. Radical feminism for men. Spinifex Press, ISBN 978-1742199924, ca. 19 Euro.

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