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30.05.17

Männer, die Frauen „Sex antun“

Über „Sex-Täter“ und andere Begriffsverirrungen. Ein Gastbeitrag von Anneli Borchert.

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Am 23. Mai veröffentlichte der Wiesbadener Kurier einen Artikel über einen Taxifahrer, der, obwohl er zuvor eine 16-jährige sexuell genötigt hatte, weiter seinem Gewerbe nachgehen durfte und damit Gelegenheit hatte, Übergriffe auf weitere weibliche Fahrgäste zu begehen. Derzeit sitzt er in Haft, unter Anklage, im Mai diesen Jahres eine weitere Passagierin vergewaltigt zu haben.

In dem Artikel wurde die Frage gestellt: „Warum aber konnte der Sex-Täter weiter als Taxifahrer arbeiten?

In einer Facebook-Diskussion wurde diese Wortwahl („Sex-Täter“) von mehreren Betroffenen sexueller Gewalt heftig kritisiert. Ein Steuerhinterzieher kann als Steuer-Täter, ein Dieb als Diebstahl-Täter bezeichnet werden; wer jemanden vergewaltigt, ist aber Vergewaltiger und kein „Sex-Täter“

Da der Autor des Artikels, Wolfgang Degen, in der Facebookdiskussion leider nicht zu überzeugen war, seine Wortwahl zu berichtigen, und da wir des Öfteren in den Schlagzeilen Begriffe wie „Sex-Täter“, „Sex-Gangster“ oder gar „Sex-Strolche“ lesen, möchte ich hier mal ganz kurz darlegen, warum der Begriff „Sex-Täter“ falsch und inakzeptabel ist.

Der Autor schreibt in der Facebookdiskussion: Mit der Formulierung “Sex-Täter” wird m.E. nicht ausgedrückt, dass eine Vergewaltigung für Sex steht.“ Aber „Sex“ steht nun mal umgangssprachlich für Geschlechtsverkehr in seinen verschiedenen Formen, also etwas, das zwei oder mehr Menschen tun, und zwar der Intention nach gerne und lustvoll) und nicht für „Sexualstraftat“. Das Wort „Tat“ kann man im Strafrechtssinne auslegen, muss man aber nicht. Es kommt von „tun“ und ist damit wertfrei. Ein strafrechtlich relevantes Tun muss damit nicht gemeint sein. Wenn ich morgens aufstehe, ist das auch eine Tat.

Habe ich also jetzt eine „Sex-Tat“ bzw. einen „Sex-Täter“, dann habe ich jemanden, der „Sex tut“ bzw. „Sex antut“. Sex zu tun ist keine Straftat, und wenn, dann wird mit „Sex-Tat“ höchstens etwas gemeint sein wie „hat in der Öffentlichkeit am Badesee gevögelt und damit andere Leute gestört“. Das zwischen „Sex tun“ und einer Vergewaltigung ein eklatanter Unterschied besteht, dürfte eigentlich allen klar sein.

Selbst wenn man annimmt, dass der „Sex-Täter“ nicht „Sex tut“ sondern „Sex antut“ ist das immer noch eine Verharmlosung, denn die Bezeichnung „einer Frau Sex antun“ hat auch nicht mehr Niveau als Bezeichnungen wie „er hat ihr ungewollten Sex verpasst / gegeben / versorgt“. Unter der Hand ist „Sex“ hier vorgestellt – als die gewaltsame Penetration, denn die allein ist es, die man jemanden ohne dessen Zustimmung oder aktive Beteiligung „antun“ kann.

Und wer Vergewaltigung als (ungewollten) Sex bezeichnet, der ist auch der Meinung, dass gefesselte, gequälte Mastgänse, die keine Wahl haben aber ein Rohr im Mund, über das sie zwangsernährt werden, „essen“.

Liebe RedakteurInnen, Sprache ist wichtig. Ihr wisst das, denn ihr arbeitet damit. Solche Übergriffe sind keine „Sex-Tat“, kein „Sex-Skandal“, kein „Sex-Vorwurf“.

Sie sind: Nötigung, Vergewaltigung, Missbrauch. Übergriffe.

Männer, die diese Taten begehen sind keine „Gangster“ (das klingt irgendwie als hätte jemand eine Frau überfallen und ihr Sex „gestohlen“ oder sie um Sex „beraubt“), auch keine „Strolche“ (hallo?! Ein Strolch ist vielleicht ein niedlicher kleiner Babyhund, der was vom Esstisch klaut. Ein Vergewaltiger ist jedenfalls kein Strolch, sondern ein Verbrecher!) und ebenso keine „Sex-Täter“.

Sprachwissenschaft und das Bestehen auf korrekter Sprache sind keine Meinungen, die ihr ja „nicht teilen müsst“, wie Wolfgang Degen in der Kommentarfunktion so schön behauptet hat. Ihr arbeitet mit Worten, ihr wisst, wo sie sich herleiten und wie sie wirken. Bei Grammatik würde auch keineR sagen: „Das ist deine Meinung, dass hinter den Satz ein Satzzeichen gehört, aber diese Meinung muss ich ja nicht teilen.“

Ebenso ist Sprachwissenschaft keine Ideologie. (Degen: „Ich finde eine ideologisch unterfütterte oder motivierte Debatte auch wenig hilfreich.“ / „Jetzt soll ich auch noch SprachwissenschaftlerInnen befragen?“ / „Sorry meine Damen, aber euren feministisch-ideologischen Gaul müsst ihr alleine reiten.“)

Wenn sich SprachwissenschaftlerInnen und Feministinnen zu Wort melden, um eine unangemessene Bezeichnung zu kritisieren und wenn sich Opfer zu Wort melden um um eine Wortwahl zu bitten, die die an ihnen begangenen Taten nicht verharmlost und als „Sex“ hinstellt, dann wird es nicht Zeit, die „Oh Gott, ihr seid ja alles Feministinnen und verblendet“-Keule rauszuholen, sondern sich mal zu fragen, welche Begriffe man hier eigentlich verwendet und ob dieses Kleinreden von sexueller Gewalt, dieses Reduzieren von Übergriffen auf „Sex“ nicht die erste Stufe einer Gewaltpyramide ist, die letztlich eben in der gesellschaftlichen Akzeptanz oder Ignoranz genau solcher Taten oder eben in solchen Taten mündet.

Es gibt keinen einzigen guten Grund dafür, Begriffe wie „Sex-Täter“ zu verwenden, aber viele dagegen.

Anneli Borchert

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