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Der Freier

09.09.2016

21.05.17

Das Amazon-Prinzip. Wie die Ausbeutung der intellektuellen Elite funktioniert

Sag ihnen was sie tun sollen, und du erntest Rebellion und Sabotage. Gib ihnen die Verantwortung für ein Projekt, und sie arbeiten für dich, bis sie umfallen

Ordnung schaffen

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Unsere Vorstellungen der kapitalistischen Ausbeutung ist antiquiert. Wir kennen die Ausbeutung, wie sie Marx darstellte: zwangsweise Verlängerung des Arbeitstags durch den Kapitalisten; dazu heimliche oder offene Erhöhung der Arbeitsintensität, Verdichtung der Arbeit; schlussendlich absolute oder relative Absenkung des Arbeitslohns. Es ist die Ausbeutung der Handarbeit, die Ausbeutung des 19. Jahrhunderts, die sich heute noch überall dort vollzieht, wo mit der Hand gearbeitet wird: in den Mega-Fabriken in China und Bangladesch ebenso wie in der europäischen Automobilproduktion, in der Landwirtschaft oder auf jeder Baustelle. Ausbeuter und Ausgebeutete sind hier klar erkennbar, ebenso ihr Interessengegensatz, der zur gewerkschaftlichen Organisation seitens der Lohnabhängigen führen muss.

Die Ausbeutung der intellektuellen Elite, der vom System besser ausgebildeten und besser bezahlten KopfarbeiterInnen, sieht anders aus. Es geht um die Ausbeutung und systematische Überarbeitung der IngenieurInnen, ProgrammiererInnen und NaturwissenschaftlerInnen, aber auch der KulturmanagerInnen, der Marketing- und der MedienarbeiterInnen.

Um diese Ausbeutung zu begreifen, muss man wie überall ihre am weitesten fortgeschrittenen Formen in den Blick nehmen, und nirgendwo zeigt sich das besser als beim weltweiten Online-Versand Amazon, inzwischen mit einem Marktwert von 950 Mrd. US-Dollar das teuerste Unternehmen der Welt. Genauso wie Amazon die Ausbeutung der Handarbeit in der Logistik revolutionierte (siehe dazu Artikel in der vorletzten Ausgabe), revolutionierte Amazon auch die Ausbeutung der intellektuellen Elite. Einem aufwändig recherchierten Artikel der New York Times aus dem Jahr 2015 verdanken wir ein klares Bild der Situation:

„Sie werden aufgefordert, die „schlechten Arbeitsgewohnheiten“ ihrer alten Jobs zu vergessen, erinnert sich ein Mitarbeiter. Wenn sie angesichts des erbarmungslosen Arbeitstempos „auf die Mauer treffen“, gäbe es nur eine Lösung: „überwinde die Mauer“, erinnern sich andere. […] Während die Firma daran arbeitet, Produkte per Drohne zuzustellen und Toilettenpapier per Knopfdruck im Badezimmer ordern zu lassen, experimentiert sie im Stillen daran, wie weit sie ihre Verwaltungs- und EntwicklungsmitarbeiterInnen in ihrer Arbeit treiben kann, wobei die alten Grenzen dessen, was akzeptabel ist, neu definiert werden. Die Firma, gegründet und nach wie vor geleitet von Jeff Bezos, widerspricht den meisten Managementweisheiten, zu denen sich andere Firmen wenigstens auf dem Papier bekennen, und hat stattdessen etwas entwickelt, was viele ArbeiterInnen als eine komplexe Maschine bezeichnen, durch die sie angetrieben werden, Bezos’ unablässig wachsende Ziele zu verwirklichen.“ (nytimes.com, 16.08.2015, alle weitern Zitate ebd.)

Die Folgen für die IngenieurInnen, ProgrammiererInnen und die vielen kleinen und großen ManagerInnen sind desaströs. Der Artikel beschreibt 75-Stunden-Wochen als Normalität:

„„Einmal habe ich vier Tage am Stück nicht geschlafen“, sagt Dina Vaccari, die 2008 zu Amazon kam, um Amazon-Geschenkgutscheine an andere Firmen zu verkaufen und die ihr eigenes Geld verwendete, um einen Assistenten in Indien zu bezahlen um Daten für sie einzugeben, damit sie mehr Arbeit schaffte. „Diese Projekte waren meine Babies, und ich tat was ich konnte, um ihnen zum Erfolg zu verhelfen.““

Selbst viele AmazonierInnen die früher an der Wall Street und bei Start-Ups gearbeitet hatten, erzählen dass das Arbeitspensum […] extrem sein kann: mehrstündige Telefonkonferenzen am Ostersonntag und zu Thanksgiving [Feiertage in den USA], Rügen vom Chef für unregelmäßige Internet-Erreichbarkeit im Urlaub, und stundenlange Nachtarbeit an den meisten Tagen zu Hause oder an den Wochenenden.“ Eine ehemalige Angestellte wird zitiert: „Wenn du nicht absolut alles von dir geben kannst, 80 Stunden pro Woche, ist das für sie ein großes Problem.“ Und ein interviewter ehemaliger Mitarbeiter beschreibt, dass sein bleibendes Bild von Amazon der Anblick ist, wie KollegInnen nach Meetings „an ihren Schreibtischen zu heulen anfingen“. „Du siehst, wie Leute praktisch zerbersten“, erinnert sich ein anderer. Am Amazon-Campus in Seattle ist Burnout an der Tagesordnung, und der jährliche Rauswurf einer Quote der leistungsschwächsten Teammitglieder ist feste Praxis bei Amazon, ein Prozess, den das Management stolz als „planmäßigen Darwinismus“ bezeichnet. Dass die Amazon-Belegschaft überwiegend jung und männlich ist, und dass Frauen mit Kindern ungern gesehen und hinausgedrängt werden, versteht sich von selbst.

Aber auch wenn diese Berichte eine klare Sprache sprechen, würde man, wenn man die Sache damit als abgehakt ansieht, einen entscheidenden Fehler machen und das eigentlich entscheidende übersehen: dass die meisten sich freiwillig auf die 75-Stunden-Woche einlassen und sich selbst als geradezu süchtig nach der Arbeit bei Amazon beschreiben, viele sich bewusst dafür entscheiden, andere Jobs zugunsten der Arbeit bei Amazon auszuschlagen:

„Im Interview sagten einige, dass sie sich bei Amazon gerade deshalb entfalten konnten, weil Amazon sie über ihre Grenzen trieb. Viele MitarbeiterInnen würden dadurch motiviert, „dass sie in großen Bildern denken dürfen und erfahren können, dass wir noch nichteinmal einen Bruchteil dessen umgesetzt haben, was technisch möglich ist“, erklärt Elisabeth Rommel, eine Verkaufsleiterin, die zu denen gehört, die von Amazon für Pressekontakte autorisiert wurde.

Andere, die die Firma durchlaufen hatten, sagten dass das, was sie in der kurzen Zeit bei Amazon lernten, ihnen zum entscheidenden Durchbruch in ihrer Karriere half. Und nicht wenige von denen, die Amazon den Rücken kehrten, sagten, dass ihnen später klar wurde, dass sie von der Arbeitsweise bei Amazon wie bei einer Sucht abhängig geworden sind.“

Die Arbeitsweise, von der sie abhängig wurden:

„Wenn die Neuankömmlinge sich bei Amazon einrichteten, fühlten sie sich oft geblendet, geschmeichelt und eingeschüchtert von dem Maß an Verantwortung, dass ihnen die Firma gibt und wie unmittelbar Amazon ihre Leistung an den Erfolg der ihnen zugewiesenen Projekte knüpft, ob es der Verkauf von Wein ist oder Versuche, Pakete den KäuferInnen direkt in ihre Kofferräume zu liefern.“

Ja, sie waren erstaunt, wieviel Verantwortung sie erhielten; genau über diesen Mechanismus ist ihre Ausbeutung organisiert.

Es ist eine List, die die College-studierten jungen MitarbeiterInnen an ihrer Wurzel packt.

Ihnen wird nicht gesagt, was sie tun sollen, sondern sie erhalten ein Projekt. Gemessen werden sie nicht an ihren Tätigkeiten, sondern am Resultat. Eine Mitarbeiterin erzählt, dass es ihre Aufgabe war, die notwendige Logistik zu schaffen, um in amerikanischen Großstädten die bestellten Produkte innerhalb von weniger als einer Stunde an die Kunden liefern zu können, und dass ihr größter Moment war, als es ihr damit gelang, einem Kunden in New York eine Spielzeugpuppe in Rekordzeit zu liefern. Mit der Projektverantwortung beginnt die Teufelsspirale. Der Chef sagt dir nicht, dass du am Samstag und Sonntag arbeiten und dies oder das machen sollst; damit würde er nur deinen Widerstand und schlussendlich deine Sabotage ernten. Er sagt dir, dass du die Verantwortung für das Gelingen des Projekts trägst – und alle Freiheiten, dafür zu tun, was notwendig ist.

Und damit ist er verschwunden, dein Chef.

Und du setzt dich hin, beginnst zu arbeiten. Dein Ehrgeiz ist geweckt. Du kennst das Projekt am besten, du kennst die Knackpunkte, die Probleme, die Aufgaben, die gelöst werden müssen. Das Projekt stellt sich als kniffliger heraus, als gedacht, aber du willst dich beweisen. Dein Ehrgeiz ist geweckt. „Sobald du merkst, dass irgendetwas nicht so perfekt ist, wie es sein könnte, würdest du es nicht verbessern wollen?“, erwähnt eine ehemalige Angestellte. Natürlich kannst du Freitag früher nach Hause gehen, aber würde dein Projekt nicht vorankommen, wenn du es noch schaffst, die Emails gleich in der Nacht zu beantworten? Würde das nicht am Ende nur dir selbst helfen? Dass das Projekt scheitert, heißt plötzlich, dass du selbst gescheitert bist; aber wenn das Projekt erfolgreich ist, heißt das auch, dass du selbst als Person diesen Erfolg hattest.

Und es ist Samstag und Sonntag, und du arbeitest und arbeitest. 70 Stunden, 80 Stunden, auf Urlaub verzichtest du.

Die großen Amazon-Chefs, allen voran Gründer Jeff Bezos, werden nicht müde zu betonen, wie wichtig ihnen die Unternehmenskultur ist. Die Führungsprinzipien von Amazon, die Amazon Leadership Principles, eine Liste von 14 Geboten für Amazon-MitarbeiterInnen, stellten Verantwortungsübernahme, volle Haftung und volles Engagement als entscheidende Eigenschaften für „Leader“ heraus – d.h., als persönliche Eigenschaften der idealen Amazon-MitarbeiterInnen. Unter der Hand geht es nicht mehr um deine Arbeit, sondern um dich als Person: bist du eine Führungsperson, übernimmst du die volle Verantwortung, tust du alles, was zum Erfolg notwendig ist, übergehst du deine eigenen Grenzen? Bist du jederzeit bereit, dich der vernichtenden Kritik deiner KollegInnen zu stellen und akzeptierst du keine Entschuldigungen, wenn es um den Projekterfolg geht? Bezos wird von der New York Times mit dem Satz zitiert: „Du kannst hart arbeiten, oder lange arbeiten, oder smart arbeiten, aber bei amazon.com kannst du dir von diesen drei Sachen nicht zwei aussuchen.“ Seine Unternehmenskultur der persönlichen Verantwortung und des „Leaderships“ sind genau die Tricks, mit denen er dies durchsetzt.

Und es funktioniert hervorragend. Der New York Times- Artikel schreibt, dass die meisten der Interviewten nie ein Problem gehabt hätten, bei einem Rauswurf bei Amazon in irgendeinem anderen High-Tech-Unternehmen einen genauso gut bezahlten Job zu finden. Was sie bei Amazon rotieren machte oder macht, war und ist ihr eigener Ehrgeiz, das Streben, sich auch als „Leader“ zu beweisen: „Ich war davon abhängig, bei Amazon erfolgreich zu sein. Für alle die dort arbeiteten war es wie eine Droge, von der wir unser Selbstwertgefühl bezogen.“ Das ist das Amazon Prinzip in Aktion: Der Chef ist verschwunden, aber das Management hat die Zentrale in deinem Ich besetzt und dich als Individuum an der Wurzel gepackt. Am Samstag und Sonntag die Arbeit zu verweigern, Emails bis Montag früh unbeantwortet liegen zu lassen, dies erscheint nun nicht mehr als Widerstand gegen die AusbeuterInnen, sondern als Verrat an deinem Projekt, als Scheitern vor den „Leadership Principles“, als persönliches Scheitern.

An die Stelle des äußeren und durchschaubaren Kampfs zwischen Arbeiter und Kapitalist wird der innere Widerspruch gesetzt, in dem jede Verweigerung als Verrat an sich selbst erscheint. Im Idealfall braucht es in einer solchen Konstellation überhaupt kein Management mehr, denn noch das eigene Scheitern ist dem Individuum klar und durchsichtig, niemand muss es ihm erklären, dass es halt nicht geschafft hat, das Spielzeug schneller liefern zu lassen oder die Verkaufszahlen in der Weinabteilung hochzutreiben. Im Idealfall haben sich die gescheiterten Individuen dann bereits durch Burn-Out selbst eliminiert: „planmäßiger Darwinismus“ halt. Nur dort, wo das nicht der Fall ist, braucht es die helfende Hand des Managements, die das bereits gesprochene Urteil vollstreckt, und die Gescheiterten terminiert. Man muss schon sehr genau hinschauen, um hinter allem Schein des persönlichen Strebens die Ausbeutung als autoritäres Gewaltverhältnis noch zu erkennen.

Wie sich dagegen wehren? Der allererste Schritt besteht darin, sich über den Mechanismus dieser Ausbeutung und Überarbeitung bewusst zu werden; sich insbesondere bewusst zu werden, dass er durch Ausnutzung der eigenen Schwäche funktioniert: durch Ausnutzung des eigenen Antriebs, sich persönlich zu beweisen, sich selbst als Subjekt zu beweisen, in der kreativen Bewältigung konkreter Aufgaben. Die „Amazon Leadership Principles“ sind im positiven Stil der kapitalistischen Freiheitsversprechen formuliert und erscheinen als selbstevident; sie sind es, die dich ruinieren, in den Burnout und in die soziale Isolation treiben. Sie sind es, die dich dein Leben für die Optimierung irgendwelcher Scheiß-Logistik-Ketten und zum Steigern der jährlichen Verkaufszahlen verschwenden lassen, und sie funktionieren genau deshalb, weil sie an dein eigenes Selbstbild, an deinen eigenen Ehrgeiz und dein eigenes Bedürfnis nach sozialer Anerkennung anknüpfen: sie setzen dir ein Idealbild gegenüber, an dem du dich misst und das dich antreibt. Der erste Schritt ist diese individuelle Selbstreflexion auf das, was dich für diese Ausbeutungsprinzipien anfällig macht; eine wirksame Gegenwehr muss dann kollektiv erfolgen.

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