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09.09.2016

08.04.17

Nichts als Professoralkohl. Rückblick auf die Marx-Konferenz in Oldenburg

Die Arbeit am Marxschen „Kapital“ muss weitergehen. Die Tagung „150 Jahre Das Kapital“ zeigte, dass hierzu von akademischer Seite kein Beitrag zu erwarten ist

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Bericht zur Tagung „150 Jahre Das Kapital. Das Kapital in der Kritik.“ Oldenburg, 24./25.3.2017

Es gibt zwei Punkte im Marxschen „Kapital“, deren Weiterentwicklung heute von dringendster Bedeutung ist: erstens die Theorie des Finanzkapitals (bei Marx: zinstragendes Kapital), und zweitens die Geldtheorie in Bezug auf das gegenwärtige Kreditgeld. Beide sind bei Marx fragmentarisch geblieben, beide brauchen zur Darstellung die Lektüre aller drei Bände des „Kapitals“, und beide sind von enormer Wichtigkeit, um die heutige weltkapitalistische Situation begreifen und kritisieren zu können. Wenn sich heute, wie in jeder historischen Krise, die rechts- und linksbürgerlichen Rattenfänger mit ihren Rezeptchen versammeln und erklären möchten, wie der Kapitalismus doch noch Ludwig-Erhard-Wohlstand für alle produzieren könnte, dann ist es Aufgabe der MarxistInnen, diese Ideologien auseinanderzunehmen. Dazu braucht es aber einer konkreten Analyse der heutigen weltkapitalistisch-historischen Situation. Vergessen wir nicht, dass die Anziehungskraft der Marxschen Theorie historisch darin lag, dass sie in der Lage war, die Wirklichkeit zu erklären.

Was also wird man auf einer Tagung zum Thema “150 Jahre Das Kapital” finden? – Nichts dergleichen. Zwei lange Tage, gefüllt mit Vorträge zum Verhältnis von Marx und Hegel. Brave Vorträge zum „Begriff der XYZ bei Marx“. “Zur Analyse von XYZ bei Marx.” Für XYZ setze man beliebig „Freiheit“, „Substanz“, „wissenschaftliche Kritik“ oder irgend ein anderes philosophisches Promotionsthema ein, und nicht nur jede beliebige Marx-Tagung ist im Nu gefüllt, sondern auch die Dissertationsbestrebungen des akademischen Nachwuchses für die nächsten 100 Jahre abgesichert.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: es ist notwendig und richtig, sich mit dem Inhalt der Marxschen Begriffe zu befassen und meinetwegen noch mit dem Verhältnis der Marxschen Theorie zur Hegelschen Philosophie, oder welcher Philosophie auch immer. Das Problem ist, dass diese Fragestellungen heute hinreichend gelöst sind, aber in ganz anderer Weise, als sie die deutschen ProfessorInnen auf ihren Philosophie-Lehrstühlen gern behandeln würden.

Der Eingangsvortrag etwa, „Hegels Begriff des Begriffs und der Begriff des Wertes in Marx’ Kapital“, fand heraus, dass es interessante Parallelen zwischen dem Hegelschen Begriff des Begriffs und dem Marxschen Begriff des Wertes gäbe und Marx mit seiner dialektischen Methode dem “Hegel hier weitgehend folgt” (Ankündigungstext); und der Professor wies im Vortrag Marx nach, dass die Marxsche Methode gar nicht — wie von Marx behauptet — die Umkehrung von Hegel sei, sondern, wie es in etwa hieß, „die Marxsche Darstellung vollständig im Rahmen der Hegelschen Logik darstellbar“ sei. Marx also doch ein braver Hegelianer.

Was ist davon zu halten? – Natürlich ist es richtig, dass es Parallelen zwischen dem Marxschen Wert und dem Hegelschen Begriff gibt; beide entäußern sich in die Materie, und kommen zu sich zurück, der Hegelsche Begriff in seiner Selbstbewegung als absoluter Geist, der Marxsche Wert in seiner Selbstbewegung G-W-G’. Dies aber belegt nicht, wie es dem Professor passen würde, dass Marx gegen seine eigene Selbstdarstellung braver Hegelianer wäre, der nun in die Familie der Philosophen zurückgeholt werden darf, sondern dass Marx eine umfassende Kritik der Hegelschen Denkfiguren lieferte. Denn wenn Marx indirekt zeigt, dass realexistierende Wert sich genauso verhält wie der Hegelsche Begriff, so steckt darin keine korrekte Befolgung der Hegelschen “Methode”, sondern Marx zeigt damit, dass die Hegelsche Philosophie die bewusstlose, zum philosophischen System erhobene Widerspiegelung dieser materiellen Verhältnisse ist. Hegels Größe und zugleich Grenze besteht darin, dass er das, was materiell vorliegt — die dialektische Selbstbewegung des Wertes — philosophisch abgebildet hat. Hegels Philosophie ist also eine historische Form des Denkens, die keine Erkenntnis der Gesellschaft liefert — und schon gar nicht zur abstrakten “Methode” taugt –, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse werden von Hegel philosophisch verdoppelt. Mit der Abschaffung des Wertes wird auch die Wahrheit der Hegelschen Dialektik verschwinden.

Die Grundierung der Hegelschen Philosophie in den materiellen Verhältnissen ist genau die Pointe der Marxschen Darstellung im “Kapital” — eine Darstellung die dem Professor natürlich fern lag. Er hätte sie nachlesen können etwa im Buch von Moishe Postone, wo es hierzu heißt:

Die Struktur der dialektischen Entfaltung der marxschen Argumentation im Kapital sollte als ein Meta-Kommentar zu Hegel gelesen werden. Marx hat Hegel auf die klassische politische Ökonomie nicht „angewendet“, sondern bezog Hegels Philosophie auf die Verkehrsformen der kapitalistischen Gesellschaft. Das heißt die Kritik an Hegel ist der Entfaltung der Kategorien im Kapital immanent: indem die Darstellung den gleichen Weg nimmt, auf dem Hegel seine Begriffe entfaltet, verweist sie auf den bestimmten soziohistorischen Kontext, der sich in ihnen ausdrückt. Was die Analyse von Marx betrifft, drücken Hegels Begriffe der Dialektik, des Widerspruchs und des identischen Subjekt-Objekts zwar grundlegende Aspekte der kapitalistischen Realität aus, können sie jedoch nicht adäquat begreifen. Weder erklären Hegels Kategorien das Kapital als das Subjekt einer entfremdeten Produktionsweise, noch analysieren sie die historisch spezifische Dynamik der Formen, die durch besondere, ihnen immanente Widersprüche vorangetrieben werden. Vielmehr setzt Hegel den Geist als das Subjekt und die Dialektik als universelles Bewegungsgesetz. Anders gesagt: Marx unterstellt, dass Hegel zwar die abstrakten, widersprüchlichen gesellschaftlichen Formen des Kapitalismus begriff, aber nicht in ihrer historischen Besonderheit. Stattdessen hypostasierte er sie und fasste sie idealistisch. Dennoch sind diese Formen in Hegels Idealismus enthalten, wenn auch unzureichend: er präsentiert sie vermittels Kategorien, die die Identität von Subjekt und Objekt darstellen und so erscheinen, als besäßen sie ein Eigenleben.“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, S. 136)

Damit ist die Frage nach dem Verhältnis von Hegel und Marx gelöst. Postones Buch nun erschien im englischen Original 1993, in deutscher Übersetzung 2003, und ist außerhalb der akademischen Marxologie weit bekannt und diskutiert. Wie man im Jahre 2017 den Standpunkt, dass Marx doch die Hegelsche Methode korrekt anwende und braver Hegelianer sei, als Neuheit ausgeben kann, ist schleierhaft; die Scheuklappen, die man sich aufsetzt, müssen riesig sein.

Genau das scheint aber das Problem der akademischen Marxologie überhaupt: sie ist 20 Jahre hinter dem Stand der außerakademischen Theoriebildung zurück. Sie kaut noch an der Neuen Marxlektüre von 1968. Wie etwa kann man, ein anderer Vortrag, „Zum Begriff der Substanz bei Marx“ sprechen, und die 2004 und 2005 erschienenen Aufsätze eines Robert Kurz – tituliert „Die Substanz des Kapitals“ – überhaupt nicht wahrnehmen oder kennen? Würde es nicht zu einer Auseinandersetzung gehören, vom aktuellen Stand der Diskussion auszugehen, um daran anzuknüpfen?

Aber der Grund für die Scheuklappen gegen die außerakademischen Theoriebildung ist ein tieferer. Den paar Solitären, die in den letzten Jahren eine Weiterentwicklung der Marxschen Theorie versuchten, ging es dabei – wie Marx selbst – um eine radikale Zuspitzung der Gesellschaftskritik. Den Damen und Herren von Oldenburg ging es um nichts. Einer bewies in einem einstündigen Vortrag, dass das achte Kapitel des „Kapitals“ – „Der Arbeitstag“ – von Marx schon richtig platziert sei, nach dem siebenten, das die Voraussetzungen liefert, und vor dem neunten, das daran anknüpft. Ein anderer führte aus, dass Marx „beim Begriff der Freiheit genötigt ist, wieder in die Philosophie hineinzuspringen“. Alles das mag irgendein, gleichwohl geringes, Interesse beanspruchen; aber es bleibt zu handzahm. An so einem Thema kann man brav drei Jahre promovieren, finanziert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, aber man bringt damit keine Gesellschaftserkenntnis und schon gar keine Kritik voran. Die in Oldenburg behandelten Themen waren alle unverfänglich und ungefährlich. Die Rekonstruktion irgendeines Details im Marxschen Begriffsapparat – warum Marx diesen oder jenen Begriff so und nicht anders dargestellt hat – ist keine Theoriebildung, die sich mit der heutigen Wirklichkeit messen muss, und damit auch keine Möglichkeit des Scheiterns impliziert. Mehrere der Vorträge hatten noch nicht einmal eine These, sondern plätscherten gemütlich über die gewährte Stunde Redezeit vor sich hin. Anstatt mit dem Marxschen Werk gegen die gegenwärtige Gesellschaft anzurennen, flüchten die MarxologInnen immer tiefer ins Marxsche Werk hinein, bis die objektive Gesellschaft nur noch ein Rufen aus weiter Ferne ist.

Die Zahnlosigkeit der Veranstaltung wurde komplettiert durch ein geradezu hündisches Publikum, bestehend einerseits aus anderthalb Dutzend ProfessorInnen, andererseits aus 100 meist jüngeren Leuten zwischen 20 und 30. Wortmeldungen gab es mit zwei, drei Ausnahmen über die zwei Tage und zehn Vorträge allein von den anwesenden anderen ProfessorInnen. Einwände blieben höflich. Höfliche Nachfragen, ob der/die Vortragende seine Darstellung auch auf Thema X anwenden wolle. Ob seine/ihre Thesen nicht Parallelen zur Philosophierichtung Y aufwiesen. Wie sich die Thesen zu AutorIn Z verhielte. Bloß keine Kritik, und dementsprechend war auch das Publikum eingestellt. Es lauschte und sinnierte andächtig über die dargestellten Trivialitäten und Langweiligkeiten und war auch in Gesprächen nicht zu bewegen, seine Ehrfurcht vor der akademischen Tiefgründigkeit der professoralen Erörterungen aufzugeben. Der Höhepunkt war die wohlwollend aufgenommene Ankündigung, dass es in Oldenburg jetzt eine Seminarreihe geben wird, in der über ein ganzes Semester die über das Wochenende gehaltenen Vorträge durchgekaut werden, jede Woche ein anderer. Beim Plätzchenbacken wird der Teig nach wiederholtem Ausrollen irgendwann zu dünn, um noch etwas ausstechen zu können. Für die Marxologie scheint das nicht zu gelten.

*

Marx selbst hatte ein Wort für diese Art von Räsonieren, wie es in Oldenburg betrieben wurde: „Professoralkohl“. Schon zu Marx’ Lebzeiten fanden deutsche Professoren einzelne Bruchstücke der Marxschen Begriffsentwicklungen „interessant“ und sahen sich dadurch zu allerlei Spekulationen angeregt, wenn auch damals noch mit dem ausgesprochenen Ziel, Marx zu widerlegen. Marx hatte für diese Versuche, gesellschaftstheoretische Begriffe zurück in die Philosophie zu holen, nur Verachtung übrig, wie er auch in den “Randglossen zu Adolph Wagner”, Marx’ letzter ökonomischer Schrift, notierte:

„Es ist “das natürliche Bestreben” eines deutschen Ökonomieprofessors, die ökonomische Kategorie “Wert” aus einem “Begriff” abzuleiten […] Alles das sind “Faseleien”. Von vornherein gehe ich nicht aus von “Begriffen”, also auch nicht vom “Wertbegriff”, und habe diesen daher auch in keiner Weise “einzuteilen”. (Randglossen zu Adolph Wagner, MEW 19, S. 364, 367f)

Von der akademischen Marxologie, das hat die Tagung bewiesen, ist für die Kritik dieser Gesellschaft nichts zu erwarten.

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