Abo  |  Probeabo  |   Login

Meistgelesen im September

Der Freier

09.09.2016

25.02.17  | Nachrichten

In den USA entsteht eine Widerstandsbewegung in Küchen und Wohnzimmern

Die amerikanischen "Dinnerclubs" sind ein neues Phänomen der sozialen Vernetzung und des Widerstands. Es gibt einiges daraus zu lernen.

Hallo im Wohnzimmer

Die Kritische Perspektive finanziert sich über Online-Abos von Leuten wie dir.

Du kannst ohne Abo jeden Monat 2 Artikel deiner Wahl lesen.

Wenn du die Arbeit unserer AutorInnen unterstützen willst, kauf bitte ein Online-Abo. Wenn du die Kritische Perspektive erstmal testen willst, kannst du ein kostenloses 4-Wochen-Probeabo bestellen.

Schon abonniert? » Login.

In den USA entwickelt sich im Schatten der Anti-Trump-Proteste ein neuer Trend – die politischen Dinnerclubs:

„In den Monaten seit der Wahl sind Millionen AmerikanerInnen auf die Straßen gegangen, insbesondere beim Women’s March am 21. Januar und bei den Flughafenprotesten gegen Trumps Exekutiverlass zur Einreisebeschränkung. Während die großen Proteste die Aufmerksamkeit der Nation erhascht haben, entwickelt sich eine leisere Bewegung in Wohnzimmern und an Esstischen in New York und dem ganzen Land.

Menschen haben ihre Häuser für Nachbarn und Fremde geöffnet wie noch nie zuvor. Einige, die in ihrem Leben noch nie politisch aktiv waren und zu Hause vielleicht nicht mal häufige Gastgeber waren, haben die Erfahrung gemacht dass ihr Wohnzimmer eine nützliches Mittel sein kann, wenn ein Platz gebraucht wird, um sich zu organisieren und um die eigene Community zu erweitern. Und in Zeiten in denen viele Menschen, insbesondere ImmigrantInnen, sich bedroht fühlen, kann eine private Wohnung Schutz gewähren.“ (New York Times, 17.2.)

Anstoß war in vielen Fällen die angekündigte und z.T. bereits umgesetzte verschärfte Verfolgung von ImmigrantInnen durch Trump, aber auch seine Attacken auf Frauen. In der Mehrzahl der Fälle sind die Clubs von Frauen organisiert, mehrere der in dem New York Times-Artikel vorgestellten bezeichnen sich als Feministinnen:

„Nimm etwa die Gruppe „Solidarity Sundays“. Drei Frauen aus Alameda, Kalifornien, begannen die Facebook-Gruppe vor einem Jahr, aufgeschreckt durch die Unruhen in Ferguson und die Schießerei im nahen San Bernadino. Ein Jahr lang traf sich die Gruppe, die etwa 800 Mitglieder [auf Facebook] hat, monatlich in den Wohnungen von zwei der Organisatorinnen zum essen, trinken und Briefeschreiben an Abgeordnete zu spezifischen Anlässen, etwa Polizeigewalt. Babysitter kümmern sich derweil um die Kinder.“ (Ebd.)

Man mag vom Briefeschreiben an Abgeordnete halten, was man will; es ist unabweisbar, dass die Dinnerclubs zur Politisierung und zur Entstehung solidarischer, auch politischer Netzwerke geführt haben:

„Die Dinners haben auch geholfen, engere Kontakte zwischen Nachbarn zu entwickeln, wie der, der sich zwischen Frau Meyer und ihrer Nachbarin im nächsten Haus, Reba Frankel, 37, entwickelt hat, nachdem die beiden im Dezember ein Dinner-Treffen mit ihren Partnern in der Sunset-Park-Kooperative ausgerichtet hatten. „Wir hatten uns Brotrezepte ausgetauscht und sie haben sich um unsere Katze gekümmert, während wir verreist waren“, sagt Frau Meyer. „Jetzt gehen wir gemeinsam zu den Protesten und organisieren zusammen und schreiben uns jeden Tag Emails.“ (Ebd.)

Einige der auf Facebook organisierten Gruppen haben mehrere tausend Online-Mitglieder, der Bericht erzählt von Dinner Club-Treffen mit mehr als 100 TeilnehemrInnen:

„Und dann kam die Wahl. Drei Tage später hatte die Gruppe [die oben erwähnten „Solidarity Sundays“] ein Krisentreffen in der Wohnung von Kate Schatz, einer der Gründerinnen. Das Meeting, bei dem sich 100 Anwesende im Wohnzimmer drängten, war „unglaublich intensiv“, wie Frau Schatz, 38 […], sagt. „Wir haben die ganze Nacht Ideen gesammelt.“ Jetzt hat die Gruppe 12.000 Facebook-Mitglieder, mit knapp 100 Ortsgruppen in 27 Bundesstaaten. In Manhattan gibt es vier, in Queens einen und in Brooklyn sechs Gruppen.“ (Ebd.)

Zwischen der Zahl der Facebook-Mitglieder und der Zahl der Aktiven gibt es bekanntlich einen gehörigen Unterschied, wie jeder weiß, der schonmal auf Facebook zu einer Veranstaltung aufgerufen hat, und sah, wie trotz sich die dutzenden oder hunderten „gefällt-mir“- und „ich-bin-dabei“-Klicks am Tag darauf auf die üblichen Verdächtigen reduzierten. Aber der Trend der Dinnerclubs scheint real zu sein, und wirft für uns natürlich die Frage auf, was daraus zu lernen ist.

Was daraus zu lernen ist

Die Dinnerclubs sind interessant, weil sie die Antithese zur gängigen linken Praxis sind, alles in öffentlichen Räumen abzuhandeln; ein Widerspruch, über den sich nachzudenken lohnt. Die in der New York Times interviewten Organisatorinnen berichten einstimmig, wie es anfangs Überwindung erforderte, Fremde in die eigene Wohnung einzuladen. Es dürfte weniger der Einblick in die eigene Wohnungseinrichtung sein – die sich am Ende doch, allen individuellen Eigenheiten zum Trotz, kaum vom Durchschnitt unterscheiden dürfte –, als vielmehr die ungewohnte emotionale Schutzlosigkeit, die an dieser Situation verstört. Man gibt mit der Herausgabe der eigenen Adresse und Hausnummer auch ein stückweit die eigenen Schutzwälle auf, und begegnet den anderen auch auf andere Weise. Im öffentlichen Raum, etwa in einem linken Kneipenkeller oder bei einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung, ist es einfach, sich nicht als konkrete Individuen, sondern gewissermaßen in der politischen Löwenhaut als öffentliche Person, etwa als politische Kombattanten auszutauschen. Ein Phänomen, das etwa dazu führt, dass man etwa auf Diskussionsveranstaltungen die abstrusesten Meinungen vertreten kann, denn man bürgt dafür nicht als konkretes Individuum. Man kann sich im Anschluss – sei es nach der Diskussinsveranstaltung, sei es nach Ende der politisch aktiven Jahre – immer ins Private zurückziehen, wo man diese politische Haut abgestreift hat und wo für einen ganz andere Regeln gelten. Diese Möglichkeit entfällt ein stückweit bei den Dinnerclubs, und dies ist auf den ersten Blick wohl so verstörend. Es gibt keinen Rückzug mehr in eine andere, nicht-politische Existenz.

Aber im Tausch für die eigene Verletzbarkeit – also dafür, die eigenen Ansichten tatsächlich im persönlichen Gespräch vertreten zu müssen – entsteht hier auch eine andere Solidarität, die sich nicht allein auf die gemeinsame politische Agenda bezieht, sondern gewissermaßen private wie politische Elemente enthält; nicht allein durch das wechselseitige Katzenbetreuen, sondern weil man als konkretes Individuum Teil der Organisierung ist; eben als Person mit Adresse und Hausnummer. Dabei gelingt es offenbar, Menschen, die sonst nie in der öffentlich-politischen Sphäre aufgetreten waren – insbesondere viele Frauen – zu engagieren, und schlussendlich auch zu öffentlichem Protest zu motivieren.

Man möchte aus der Perspektive der alten linken Meetings gegen die Dinnerclubs vielleicht einwenden, dass man sich durch die persönliche Exponierung auch polizeilich verfolgbar macht, gerade in Zeiten zunehmender staatlicher Überwachung; ein Argument, das schon deshalb fraglich ist, weil bei den meisten linken Meetings genausoviele mitlaufende Handys wie Menschen anwesend sind. Die Angst vor Repression ist hier eine vorgeschobene, um soziales Verhalten zu rechtfertigen. Tatsächlich ist es gerade in Ländern wie dem Iran oder der Türkei, in denen schon eine kritische Meinung zur Inhaftierung reicht, für DissidentInnen gang und gäbe, sich im Privaten zu treffen (gleiches galt ja auch für die DDR). Der Staat weiß, dass er seine eigene Basis angreift, sobald er beginnt, seine BürgerInnen nicht für ihre öffentlichen Taten, sondern für ihre Wohnzimmergeschichten haftbar zu machen, und scheut es naturgemäß, diese Schwelle zu überschreiten. Es ist wohl eher die Furcht vor der persönlichen als vor der polizeilichen Exponierung, die hinter diesem Argument stehen dürfte: etwa die Furcht davor, „unverständigen“ Nachfragen ausgesetzt zu werden und Dinge wie das Patriarchat oder die Notwendigkeit eines jüdischen Staates in Israel für Leute erklären zu müssen, die nicht in der eigenen Begriffswelt zuhause sind; ein anstrengender, sich oft lange hinziehender, aber nichtsdestotrotz notwendiger Prozess, in dem man auch die eigenen Ansichten präzisieren muss. Dabei liegt es auf der Hand, dass die vielen zähen Diskussionen, die es braucht, um die eingeschliffenen gesellschaftlichen Denkmuster durch ein kritisches Bewusstsein zu ersetzen, im Rahmen etwa solcher Dinnerclubs viel aussichtsreicher sind als im Schaukampf öffentlicher, meist sowieso männlich dominierter Diskussionsveranstaltungen. Alle großen Revolutionen und Umwälzungen, von der französischen Revolution bis zur Frauenbewegung der 1980er Jahre, wurden durch Jahre und Jahrzehnte privater Treffs, Clubs und Bewusstwerdungs-Gruppen vorbereitet und begleitet; vielleicht ist es gerade ein Zeichen der Krisenreife der Verhältnisse, dass die Trennung zwischen politischer und privater Existenz ein stückweit zu Bruch geht – womit das Aufkommen von Bewegungen wie den US-amerikanischen Dinnerclubs ein ebenso sicheres Anzeichen für den anschwellenden Protest ist wie die großen Demonstrationen gegen Trump. Gerade das von den Dinnerclubs betriebene Briefeschreiben an Abgeordnete, das auf den ersten Blick als schlimm konformistische Praxis erscheint, bietet gerade die Möglichkeit, ja, die Notwendigkeit, sich über Begründungen und Argumente für die eigenen Forderungen auszutauschen.

Auf diesen politischen Gehalt der Dinnerclubs zu verweisen, soll natürlich nicht heißen, andersherum nun die Dinnerclubs  zu verklären und etwa für eine Ersetzung aller Öffentlichkeit durch private Netzwerke zu plädieren. Wir brauchen öffentliche Räume, wir brauchen öffentliche Debatten, in mündlicher wie in schriftlicher Form, und die meisten radikalen Ideen konnten nur dadurch überhaupt formuliert werden, dass ihre AutorInnen von der eigenen sozialen Existenz ein stückweit abstrahieren konnten und dadurch die Möglichkeit erhielten, der Sache unabhängig von persönlichen Rücksichten nachzugehen. Marx hätte seine Polemik gegen Proudhon, aus der wir heute noch lernen, sicher nicht beim Gespräch mit Proudhon auf der Couch formuliert. Aber der einseitigen Insistenz auf der öffentlich-politischen Sphäre, wie sie auch unsere bisherige linke Praxis ist, fehlt der persönliche Unterbau, und sie scheitert in den letzten Jahren am laufenden Band. Angesichts der Situatin, wo wir heute stehen – bei Null – sollten wir die Augen offen für neue Ansätze haben. Experimentierfreude ist kein Luxus, sondern unsere Notwendigkeit. Vor einer Weile war ich auf einen Artikel zu einer versuchten Hausbesetzung gestoßen, wo kurz nach der Besetzung zu einem „Nachbarschaftstreffen“ aufgerufen wurde. Auf dem Foto zur „Aktion“ sah man vielleicht 10 Leute vor dem Haus, an Alter und Kleidung der linken Szene allesamt zuzuordnen, während die legitimatorisch herbeizitierten „AnwohnerInnen“ der Sache hier wie zu tausend anderen Gelegenheiten fernblieben. Auch die vielfältigen Versuche, nach griechischem Vorbild Stadtviertelversammlungen in deutschen Großstädten zu etablieren, dürften allesamt als gescheitert angesehen werden.

Vielleicht kann uns ein Blick nach Amerika, wo die Krise derzeit am weitesten fortgeschritten ist, einige Ideen für die politische Praxis liefern.

Wenn dir dieser Artikel gefällt, unterstütz uns mit einem Online-Abo.

Oder teste die Kritische Perspektive mit einem kostenlosen 4-Wochen-Probeabo.

Weiterhin diese Woche:

Buchbesprechung

Weder Leben noch Tod – Die Endlösung der Arbeitslosenfrage

Was soll der Staat tun mit den überflüssigen Arbeitslosen? Zwei Romane von Alexander Beljajew und Karl Michael Armer aus dem letzten Jahrhundert imaginieren eine fast gleichlautende Antwort. Hinter der Fiktion steckt jeweils eine treffende Gesellschaftsbeschreibung, die noch heute gültig ist.

Weiterlesen

Wochenperspektive

Wochenperspektive: Dresden — Gedenken abschaffen

In Dresden, das sich jedes Jahr am 13. Februar als unschuldiges Opfer der alliierten Bombardierung inszenieren möchte – man erinnert sich vielleicht noch an empörte Aufrufe nach 1990, die englische Queen solle doch den Wiederaufbau der Frauenkirche bezahlen – wurde dieses Jahr die ideologische Brücke nach Syrien geschlagen. Der Freundeskreis „Gedenken Abschaffen“ dazu treffend: Die […]

Weiterlesen

Weitere Artikel zu den Themen Soziale Bewegung, Trump und USA:

Ausgabe 32/2017
25.08.2017

Das chauvinistische Ticket kommt ohne Antisemitismus nicht aus

Weiterlesen
Ausgabe 29/2017
04.08.2017

Eine Lektion in erfolgreichem Aktivismus aus den USA

Weiterlesen
Ausgabe 22/2017
03.06.2017

Der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen war nur konsequent und vernünftig. So vernünftig wie das Kapital und seine Profitlogik

Weiterlesen
Ausgabe 5/2017
03.02.2017

Trump scheint zwar selbst für seine Sponsoren unberechenbar zu sein, hat aber durchaus Potenzial – als nützlicher Idiot der globalen Bourgeoisie.

Weiterlesen

Kritische Perspektive 2017 | Kontakt | Impressum | Über uns