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Der Freier

09.09.2016

27.01.17

Marxsche Kritik auf Höhe der Zeit

Unterhaltsames publizierte diese Woche die Zeit, Sprachrohr des deutschen Kleinbürgertums, über Karl Marx.

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Wenn eine bürgerliche Zeitung Karl Marx zum Thema macht und das auch noch scheinbar wohlwollend, dann freuen sich viele MarxistInnen schon auf den erneuten Bullshit, der über Marx und die Wissenschaft, für die er steht, nun wieder verbreitet werden wird. Diesmal hat die Wochenzeitung Die Zeit nach alt bekanntem Rezept ihre antikommunistischen SchreibtischtäterInnen auf Marx losgelassen, ihn zu mystifizieren, zu kulturalisieren und für die eigenen interessierten Falschdeutungen seines Werkes zu loben und – was sonst – die Konsequenzen seiner Theorie, den gewaltsamen Sturz der bürgerlichen Gesellschaft, als „katastrophal“ für die ArbeiterInnen zurecht zu lügen.

Jaja, der Marx ist angeblich in Mode. Und wo die Mode ist, da muss Die Zeit mit. Und so entblödet sich das papierne Flaggschiff des deutschen Kleinbürgertums nicht, unter dem Titel „Er ist wieder da“ – eine Anspielung auf die „Hitler-Komödie“ von Timur Vermes, in der Hitler in die Gegenwart versetzt wird – Marx sowohl der Familienverhältnisse, als auch seiner Barttracht wegen, eine gewisse kulturelle Modernität zu unterstellen. Ach ja, und der Kapitalismus kann ja auch manchmal wirklich (wirklich!) ungerecht sein: „Es ging ihm um die Ungleichheit, die der Kapitalismus erzeugen kann [!], um die Ausbeutung ganz unten [!!] und die Exzesse ganz oben.“

Wir stellen fest: Irgendwie ist es (oder besser: könnte manchmal sein) nur ganz unten und ganz oben nicht so, wie es sein sollte, nicht aber in den moderaten Redaktionsstuben regenwaldgefährdender Wochenpamphlete. Ausgebeutet werden kann nur, wo die Menschen nicht mehr als gerade so überleben können – nicht etwa die gesamte globale Arbeiterklasse –, und diejenigen, die sich die Mehrarbeit aneignen, wären schon nicht so schlimm, wenn es da nicht einige von denen gebe, die nicht wüssten wann genug ist. Das Zentralblatt für verordnetes Mittelmaß wird seiner Aufgabe wiedereinmal vollends gerecht: die materielle und somit geistige Position ihrer eigenen Klientel, das kleinbürgerliche „Mäßigt euch!“, in pseudointellektuelles Moralgeschwätz zu verwandeln.

Wie also den Kapitalismus kritisieren, wenn man ihm doch insgeheim das Wort reden will? Wie etwas verdammen, von dem die eigene Geldbörse gefüllt wird? Wie Marx loben, wenn er doch der eigentliche Feind ist? Und schließlich: Wie so tun als hätte man verstanden, wenn dazu alle geistige Anstrengung nicht reicht? Die Aufgabe scheint unmöglich und ist doch schnell gelöst: Die gierigen Manager sind das Grundübel der modernen Produktionsweise – und das hat auch Marx schon gewusst. Schließlich besteht in nichts anderem dessen Hauptkritik. Sie lachen? Warten Sie bis Sie die Begründung lesen:

Marx erkannte die in diesen Figuren verborgene Gefahr, warnte vor Selbstbereicherung [!] und Plünderung durch sie. Welch prophetische Erkenntnis im Jahr 1867 [wo die Menschen doch gerade erst von den Bäumen gesprungen sind]! Lebte Marx heute, dieses Thema würde mehr Platz in seinem Werk einnehmen [will sagen: weil er vermutlich genauso klug war, wie es die Autorin dieser Zeilen ist, bei der „dieses Thema“ allen Platz einnimmt]. Managergehälter kosten die Eigentümer der Unternehmen [!!], und dazu gehören über Pensionsfonds und Lebensversicherungen auch viele kleine Leute [wie z.B. die Redaktionsmitglieder bürgerlicher Wochenzeitungen, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen].“

So unbewusst wie unbedarft auf ihr, aus ihrer ökonomischen Zwitterstellung resultierenden, Eigeninteresse gestoßen, rudert das personifizierte Mittelmaß auch schon wieder zurück, in Richtung Kapitalinteresse, dem es den moralischen Steigbügel hält:

Und das hohe Niveau der Gehälter ist nicht einmal das Schlimme [Nein nein!]. Das ist oft akzeptiert als Anreiz, um gute Leute [meint Organisatoren der Lohnsklaverei] überhaupt zu bekommen. Das Schlimme [für ihre eigene Geldbörse] geschieht, wenn die erwarteten Leistungen nicht erbracht werden [die ArbeiterInnen also nicht derart ausgenommen werden, dass auch für die homo moralis noch etwas abfällt] oder ein Manager dem Unternehmen [also dem Kapital und seinem Profit] sogar schadet. Dann kassiert er nämlich trotzdem.“

Ja, dann kassiert er nämlich trotzdem! Das kann doch wohl nicht wahr sein?! Da vertraut man der Selbstbereicherung wegen sein mühsam als ideologische Frontsoldatin des Bestehenden ergaunertes Geld jemandem an, damit er oder sie „es arbeiten lässt“. Dann lässt er „es“ nicht genügend arbeiten und will dann dafür auch noch abkassieren! Das ist doch Selbstbereicherung! Ja wo leben wir denn, wenn ich aus privatem Bereicherungsinteresse jede Schweinerei ignoriere, damit sich „mein Geld vermehrt“ und dann bekommt derjenige, der aus privatem Bereicherungsinteresse jede Schweinerei für mich gefälligst anzustellen hat, auch noch ein paar Millionen. Bei wem kann ich mich beschweren? Ach ja, bei der geschätzten Leserschaft, die das mit Sicherheit auch ungerecht findet.

Und schon wird, gemäß einem solchermaßen gearteten Standpunkt der „kleinen Leute“, die die Zeitreadktion vertritt, zurecht gerückt, was Marx eigentlich kritisierte, nämlich „diese wirkliche Ausbeutung der Arbeiterschaft und der Aktionäre (…)“ durch das Management.

Hauchzart, gleich dem dünnen Firnis der Zivilisation über dem deutschen Mob, ist hier das klassenmäßige Eigeninteresse der deutschen „kleine Leute“-Bourgeoisie bemäntelt. Da bröckelt er nun dahin und in Erscheinung tritt die deutsche Philisterseele: der kaum getarnte Hass aufs leistungslose Einkommen („Ein gigantisch hohes Einkommen für wenig Leistung? Nichts Neues für Marx.“), die Konterrevolution („Denn bei aller Begeisterung für Marx: Die Geschichte lehrt, dass sein Traum vom Umsturz der Verhältnisse in der Wirklichkeit katastrophal endete.“) und – Wie könnten sie hier fehlen? – einer Lobhymne auf die Reformisten:

Angenehmer wird es für alle oft, wenn das Establishment aus Angst vor Rache der Masse selbst reagiert. Nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts entdeckten viele Länder eine Möglichkeit, die Gewinne des Kapitalismus umzuverteilen und damit die Kraft des Kapitalismus für alle nutzbar zu machen: den steuernden Staat.“

Wir erinnern: das „Establishment“ des ersten Weltkriegs wurde von den KommunistInnen außer Landes gejagt, woraufhin tausende KämpferInnen der Rätebewegung von Eberts SPD niedergeschossen wurden, um jenen bürgerlichen Staat zu retten, in dem sich anschließend die Militaristen und Faschisten breit machen konnten. Die „vielen Länder“, die aufgrund der Unterdrückung der noch viel zahlreicheren anderen Länder die Gewinne des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg in das dazu nötige Militär, die Taschen von Kapital und Staatsbeamtentum umverteilten – und nicht zuletzt den ideologischen Apparat finanzieren mussten, der der heimischen, an dem Elend des eigenen Daseins abgestumpften Arbeiterklasse einredet, dass das alles in ihrem, also im Interesse „aller“ geschieht, dazu war der „steuernde Staat“ tatsächlich in der Lage.

Das war nur einer der zahlreichen Artikel, die Marx das falsche Loblied der Kapitalinteressen singen. Schaffen sie sich ausnahmsweise das Schmierenblatt an und schauen Sie selbst. Kleiner Tip: Hans Werner Sinn kommt auch noch zu Wort. Wir wünschen gute Unterhaltung. Übrigens erwarten wir schon Anfang März den nächsten Höhepunkt kommunistischer Unterhaltung: „Der Junge Karl Marx“ kommt ins Kino. Das schreit nach Phrasenbingo.

 

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