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Der Freier

09.09.2016

27.01.17

Die Fabriken werden nicht zurückkehren

Die Hoffnung, die die weißen Arbeiter in Trump setzten, wird enttäuscht werden. Es gibt keine Rückkehr zur kapitalistischen Normalität.

Make America great again

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Zivilisationen mögen verschieden beginnen, enden tun sie alle gleich: Irrationalität, Sektenkulte, Geisterglaube. Nachdem ihre Bisonherden ausgerottet, ihr Land geraubt, ihre Führer ermordet und eingesperrt waren, verbreitete sich unter den überlebenden Indianern Nordamerikas Ende des 19. Jahrhunderts die Bewegung der Geistertänze:

„In den 1870er Jahren erlebte der als Seher und Prophet geltende Wodziwob – ein Mitglied des im heutigen Bundesstaat Nevada beheimateten Stammes der Paviotso – ein spirituelles Trance-Erlebnis. In diesem Zustand hatte er eine Vision, in der ihm prophezeit wurde, die alten Zeiten und mit ihnen die indianische Lebensweise würden zurückkehren. Die Ahnen (die „Geister“) versprachen ihm, sie würden wiederkehren und die Erde würde sich in ein Paradies verwandeln. Die weißen Eroberer sollten verschwinden. […] Die Zeit würde kommen, wo sich die Indianer, Lebende und Tote, vereinigen würden, um zusammen glücklich zu leben, ohne Tod, Unglück und Elend. Die riesigen Büffelherden, die über Jahrhunderte die Lebensgrundlage der Prärieindianer dargestellt hatten, würden zurückkommen. […] Die Kleidung bestand aus einem einfachen Leder- oder Baumwollhemd, dem „Geistertanzhemd“, das unverwundbar machen sollte.“ (Wikipedia)

Die Wahl Trumps durch die weiße Arbeiterklasse ist ein solcher Geistertanz. Trump hatte ihnen versprochen, die Fabriken zurückzubringen:

„Wir müssen die Jobs zurückbringen aus Japan, aus Vietnam, aus Mexiko, und von allen, die unsere Jobs gestohlen und unsere Industrie zerstört hat. Und wir müssen die Menschen in Arbeit bringen. Die echte Arbeitslosenquote ist eher 21%. Leute haben aufgehört, nach Jobs zu suchen. Und sie sind aus der Statistik verschwunden. Das ist unfair. Wir müssen also unser Land zurück zur Arbeit bringen. Wir müssen ordentliche Jobs für die Leute beschaffen, und gutbezahlte Jobs. Und wir werden das schaffen.“ (August 2015)

Aber die Fabriken werden nicht zurückkehren. Zwischen der Autostadt Detroit und der verlassenen Geisterstadt Detroit liegen nicht nur 40 Jahre verfehlter oder böswilliger Wirtschaftspolitik, sondern 40 Jahre kapitalistischen Fortschritts, steht die Einführung des Computers, der Ablösung des Fließbands durch den Industrieroboter, und der Übergang zur Just-In-Time-Produktion. 80% der in den letzten Jahren verlorengegangenen Jobs gingen nicht nach China, sondern wurden durch Automatisierung ersetzt. Sollte irgendeine Fabrik von 3.29-Dollar-pro-Stunde-Mexiko nach 23-Dollar-USA zurückkommen, so nur in der neuen Gestalt dessen, was in Deutschland als Industrie 4.0 bezeichnet wird: als praktisch vollautomatisierte, sich selbst überwachende und sich selbst regulierende Produktion. Dort gibt es Arbeit für den Roboterprogrammierer und den Einpacker, aber nicht für die Millionen aus ihren Facharbeiterjobs freigesetzten AmerikanerInnen. Die Tendenz der kapitalistischen Gesellschaft zu immer größerer, immer automatisierterer Produktion lässt sich durch keinen Mauerbau und keine Aufkündigung von Freihandelsabkommen zurückdrehen. So wie Marx 1875 die deutsche Sozialdemokratie kritisierte, die anstelle der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise bloß eine „gerechte Verteilung“ forderte und die internationale Arbeiterbewegung in die nationale Interessenpolitik zurückzubiegen suchte, so ist es unsere Aufgabe heute, den illusionären Glauben an die Rückkehr kapitalistischer Normalität zu zerstören.

Der Protektionismus, für den Trump ebenso wie Wagenknecht die ArbeiterInnen nun begeistern wollen, ist tatsächlich nicht die versprochene Abmilderung, sondern die weitere Zuspitzung kapitalistischer Zumutungen. Nach der Zerstörung von Obamacare – erster Versuch einer amerikanischen Krankenversicherung und ungebührliche Verteuerung der amerikanischen Arbeitskraft – dürfte als nächstes der Mindestlohn im Visier von Trump und seinen Lakaien stehen. Nachdem ein enttäuschter Gewerkschaftsboss den Schwindel Trumps von seiner Rettung der 1.100 Arbeitsplätze beim Klimaanlagenhersteller Carrier aufgedeckt hatte – dass der Großteil davon sowieso nie nach Mexiko verlegt werden sollte, ein anderer aber trotzdem verlegt wird – twitterte Trump: „Wenn United Steelworkers zu irgendetwas gut wäre, würden sie diese Jobs in Indiana verteidigt haben. Mehr arbeiten, weniger reden! Mitgliedsbeiträge heruntersetzen.“ Eine Gewerkschaft hat die Aufgabe, das diktiert der Großunternehmer Trump gern, Jobs zu „verteidigen“, indem sie ihren Mitgliedern Lohnkürzungen und „mehr arbeiten“ verkauft.

Aber keine race to the bottom, keine Sozialkürzungen und keine Überstunden werden die Fabriken zurückbringen, von denen viele gar nicht nach Mexiko, sondern in die ewigen Automatisierungsgründe abgewandert sind. Trump appelliert an den Stolz seines Wahlvolks, dem er verspricht, es zu alter Größe zurückzuführen; tatsächlich zielt seine Politik auf etwas ganz anderes, nämlich die rücksichtslose Entgrenzung des kapitalistischen Konkurrenzkampfes, in der es für die VerliererInnen weder Mindestlohn noch Gesundheitsversorgung noch Schutz vor kontaminiertem Trinkwasser geben soll. Wie der historische Faschismus erscheint Trump als altmodisch, wo er tatsächlich die letzten bestehenden Schranken der kapitalistischen Konkurrenz niederreißt.

Der Akteur dieses Kampfes auf Leben und Tod ist der vollends freigesetzte und freidrehende Klein- und Selbstunternehmer, die letzte Metamorphose der kapitalistischen Männlichkeit. Erfolgreiche Vermarktung oder die Kugel sind seine Optionen. Als Bedingung für seinen Erfolg verlangt er, alle sozialen Sicherungssysteme, alles, was Schwächere – und auch ihn selbst im Falle seines Absturzes – schützen könnte, abzureißen und jede Solidarität aufzukündigen. Die Repression gegen Frauen, aber auch gegen Schwarze, Moslems und MigrantInnen, die Zerstörung der institutionell verankerten Fortschritte der Frauen- und Schwarzenbewegung ist keine Rückkehr zu den 60er Jahren, sondern die letzte Individualisierung des kapitalistischen Patriarchats. Das entkoppelte unternehmerische Subjekt assoziiert Weiblichkeit mit Schwäche, störenden sozialen Rücksichten und einschränkenden Bindungen; Frauen in öffentlichen Positionen mit unverdientem Erfolg, political correctness und Quotenregelungen. Hinter allem scheinbar rückwärtsgewandtem Protektionismus ist der Appell ans männliche unternehmerische Subjekt Trumps ideologische Goldader; und das Lob des Unternehmers als rettenden Sozialtypus gehört auch in Sahra Wagenknechts neuestem Buch zu den ekelhaftesten Seiten. Es ist der Versuch, im untergehenden Kasino noch eine allerletzte Runde zu spielen, auch wenn danach nur noch verbrannte Erde übrig bleibt, und sei es in Form der von Trump geleugneten Klimakatastrophe.

Der heutige Geistertanz unterscheidet sich von dem der Indianer. Er ist keine friedliche in sich gekehrte Bewegung, sondern läuft auf die mörderische Ausgrenzung und Vernichtung der Verlierer hinaus. Er ist nicht Reaktion einer durch Raub und Genozid zerstörten Gesellschaft auf die äußere Bedrohung, sondern er ist die Reaktion der global herrschenden Gesellschaftsform auf ihre eigene Krise. Es ist die Irrationalität einer Gesellschaft, die an ihrer eigenen, ins Monströse gesteigerten Produktivität zugrunde geht, weil es ihr nicht mehr gelingt, zahlungskräftige AbnehmerInnen für die immer massenhafter und immer weniger profitabel hergestellten Waren zu finden. Jedem „linken“ Flirt mit der protektionistischer und nationalistischer Wirtschaftspolitik ist eine klare Absage zu erteilen, denn dahinter kann heute gar kein Zurückdrehen der Globalisierung stehen, sondern nur die letzte Entkopplung der kapitalistischen Konkurrenz. Wenn die Fabriken nicht zurückkehren werden, brauchen wir wohl eine andere Lösung.

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