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09.09.2016

05.12.16  | Nachrichten

Wie streiken, wenn keiner mehr arbeitet?

Mit den Veränderungen der grundlegenden Form der industriellen Produktion ändern sich auch die Möglichkeiten diese lahmzulegen.

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Der Audi-Konzern plant das Fließband abzuschaffen und damit das zentrale Relikt der fordistischen Produktionsweise auf den Müllhaufen der Geschichte zu verbannen. Mit der standardisierten Massenproduktion endet nicht nur endgültig die Ära einer spezifischen Form der kapitalistischen Produktionsweise. Mit dem neuen Modell der individuellen Produktionsinseln können, neben den ohnehin schon gigantischen Produktivitätssteigerungen durch die automatisierte Fabrik, die Produktion, insbesondere im Bereich der Auslastung weiter rationalisiert werden. Mit bis zu 20% Produktivitätssteigerung rechnet der dafür zuständige Audi-Vorstand Waltl. Zudem erhält die Marxsche Formulierung, dass die Produzenten von den Produktionsmitteln angewendet werden (statt umgekehrt) eine ganz neue Dimension, wenn es nun Roboter sind, die mit den Arbeitsmitteln automatisch zu den Produktionsinseln fahren und den dortigen ArbeiterInnen bedeuten, was sie zu tun haben. In der FAZ heißt es dazu:

Statt Fließband gibt es im Werk künftig 200 Montageinseln. Die Karosserie wird von Robotern auf einen Transportwagen gepackt, der sich selbst seinen Weg zu den verschiedenen Inseln sucht. „Wie vor den Kassen im Supermarkt, wo sich der Kunde an der kürzesten Warteschlange anstellt, steuert das vernetzte Fahrzeug zunächst die Stationen an, wo die Auslastung niedriger ist”, erklärt der Ingenieur und Innovationsmanager Fabian Rusitschka. Und anders als auf dem Fließband durchfährt das Fahrzeug auch nicht mehr jede Station. „Der Kunde in Afrika hat keine Sitzheizung bestellt, also umfährt das Fahrzeug diese Einbaustation“, sagt Rusitschka. Die Türdichtungen sind im Zweitürer schneller montiert als im Viertürer: „Das Fahrzeug verlässt die Station schneller, die gesamte Auslastung wird höher – am Ende des Tages haben wir mehr Fahrzeuge produziert.

Vor allem aber gefällt PwC-Branchenexperte Stürmer, dass für eine geänderte Modellvariante kein Band mehr gestoppt und umgebaut werden muss. „Die Produktion läuft weiter, während eine neue Montagestation eingerichtet wird. Danach steuern die Fahrzeuge die neue Station an. Das ist hochelegant!“ (faz.net)

Das Produktivitätssteigerungen von 20% immer heißen, dass fortan 80% der MitarbeiterInnen die bisherige Arbeitsmenge aufbringen können, verschweigt die FAZ nicht nur, sie behauptet sogar, dass „die Digitalisierung auch Chancen für Mitarbeiter bieten kann“ – nämlich die Chance, arbeitslos zu werden. Es ist also mit einer erheblichen Entlassungswelle in der Automobilbranche zu rechnen, gerade auch in jenem Land, in dem es zum Allgemeinwissen gehört, dass ‘jeder vierte Arbeitsplatz von der Autoindustrie abhängt’.

Durch die individualisierte Produktion und den Wegfall der Produktion „auf Halde“ wird auch die Zulieferindustrie sich nach der on-demand-Produktion richten müssen und insgesamt weniger profitabel sein. Auch hier ist also mit Massenentlassungen zu rechnen.

Aus Sicht der Lohnabhängigen ergibt sich zudem eine Problematik für den Arbeitskampf: Mit der Einführung der Produktionsinseln wird es nun schwierig bis fast unmöglich durch einen Teil der Belegschaft die Produktion zu unterbrechen. Wo am Fließband nur ein Arbeitsschritt unterbrochen werden musste, um die gesamte Produktion lahmzulegen, können nun diejenigen Produktionsinseln, an denen Streikbrecher stehen einfach weiterarbeiten, bzw. der Streik eines Teils der MitarbeiterInnen durch die „höhere Auslastung der nicht streikenden ArbeiterInnen“ einfach unwirksam gemacht werden. Wie also streiken, wenn die Produktion derart individualisiert ist und ohnehin kaum noch jemand in den Fabriken arbeitet?

Der Wunde Punkt: die Logistik

Wie der Streit zwischen dem Konzernriesen VW und dem vergleichsweise winzigen Zulieferer Prevent im August dieses Jahrs zeigte, sind die großen Industriekonzerne genau an jenen Punkten zunehmend verwundbar, die sie für sich als Quelle neuer Profitabilität ausgemacht haben: der Zulieferung von notwendigen Produktionsmitteln.

Die produktiven Industriekonzerne sparen notwendige Lagerkosten und derzeit überflüssige Investitionen für Produktions- und Arbeitsmittel ein, indem sie die Lagerung auf die Schiene oder die Autobahn verlegen und nur nach Bedarf liefern lassen. Dadurch existieren keine großen Vorräte an notwendigen Produktionsmitteln und wenn der Zulieferstrom auch nur kurz stockt, droht die gesamte Produktion zusammenzubrechen. Auch das konnte an dem Fall VW vs. Zulieferer eindrucksvoll nachvollzogen werden. Nicht umsonst sind Lieferverträge mit gigantischen Strafandrohungen im Falle der Verzögerung versehen; nicht umsonst schaltet der kapitalistische Staat, der auf die Funktion der großen Maschinerie angewiesen ist, alle seine Agenturen ein und mobilisiert alle seine notwendigen Repräsentanten um sie am Laufen zu halten.

Die Entwicklung hat auch Konsequenzen für künftige Arbeitskämpfe oder Massenstreiks als politischem Mittel: Wenn eine fundamentale Störung bzw. Lähmung des Betriebs an den Produktionsinstrumenten selbst immer schwerer wird, so auf der Ebene der Logistik und Zulieferindustrie immer wirksamer.

Was nicht auszudenken wäre: Die Zerstörung von Kommunikationsmitteln, Transportmitteln, Blockade von Transportwegen, das Kappen von Telefon- und Stromleitungen, Schottern von Schienenwegen, die Blockade von Häfen, das Umstellen und falsche Beschriften von Straßenschildern, das Auslegen von Krähenfüßen und vieles mehr, was sich kreative Köpfe einer verwertungsfeindlichen Bewegung innerhalb der Bevölkerung so ausmalen könnten, um die Zulieferung zu sabotieren, stellen einen mächtigen Hebel dar, um die kapitalistische Akkumulation ins stocken geraten zu lassen. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sie massenweise und dezentral angewandt würden, zumal durch diejenigen, die die einstiegen ArbeiterInnen in den Verwertungshallen des Kapitals waren und sich bestens auskennen.

 

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