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Der Freier

09.09.2016

18.11.16  | Kritik

Nachrichtensperre über Trump

Der neue Faschismus Trumps ist kein bloßer Sieg der Rechten, sondern die notwendige Konsequenz der globalen Aufmerksamkeitsökonomie

Die Welt

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Der größte Profiteur von Trumps Wahlsieg ist die globale Nachrichten- und Aufmerksamkeitsökonomie. Nach ihren Regeln musste Trump Präsident werden. Die Massenmedien, deren Geschäftsziel in der Fesselung der Aufmerksamkeit der KonsumentInnen besteht, lieben dieses Drehbuch: nachdem sie monatelang gegen die Möglichkeit eines Ereignisses angeschrieben haben, würde am Tag, an dem dieses tatsächlich ausbliebe, die Berichterstattung zusammenbrechen. Die Titelseiten blieben leer. Die Klickzahlen, das User Engagement, die abgerufenen Internet-Videominuten würden ins Bodenlose stürzen. Das Unsagbare muss deshalb passieren, immer. Der Wahlsieg Trumps folgte genau dem Drehbuch der Reality-TV-Shows, aus denen dieser Mann herkam.

Die Massenmedien, im Durchschnitt doch mit aufklärerischer Intention und progressiver Einstellung, mögen Trump nicht gewollt haben; er war für sie ein Glücksfall. Am Neunten November 2016, der in die Mediengeschichte eingehen wird als der Tag, an dem die Klickzahlen zusammenzubrechen drohten, kam ein Segen des Himmels herab: Trump Präsident! Alles anders, alles von vorn:

„Am sechsten Tag der Hass-Woche, nach den Umzügen, den Ansprachen, dem Beifallsgeschrei, dem Liederabsingen, den Standarten, den Maueranschlägen, den Filmvorführungen, den plastischen Darstellungen, dem Trommelschlagen […] – nach sechs solchen Tagen, als die Erregung der Gemüter ihren Höhepunkt erreicht hatte […] – genau in diesem Augenblick wurde bekannt gegeben, Ozeanien befinde sich keineswegs im Kriegszustand mit Eurasien. Ozeanien befinde sich im Kriegszustand mit Ostasien. Eurasien war ein Verbündeter. […]

Winston nahm gerade an einer Kundgebung teil, die auf einem der im Mittelpunkt von London gelegenen Plätze stattfand, als diese Bekanntgabe erfolgte. […] Sofort nach Beendigung der Demonstration ging er zum Wahrheitsministerium, obwohl es mittlerweile fast dreiundzwanzig Uhr war. Die gesamte Belegschaft des Ministeriums hatte dasselbe getan. Die bereits aus den Televisoren tönenden Befehle, die sie auf ihre Posten zurückriefen, wären kaum nötig gewesen. Ozeanien lag im Krieg mit Ostasien: Ozeanien war immer mit Ostasien im Krieg gelegen. Ein Großteil der politischen Literatur der letzten fünf Jahre war jetzt vollkommen unbrauchbar geworden. Berichte und Aufzeichnungen aller Art, Zeitungen, Bücher, Flugschriften, Filme, Sprechplatten, Fotografien – alles musste mit Blitzesschnelle richtiggestellt werden. “

Und wieder Titelseiten für Monate voll mit Trump. Talkshows über ihn, Berichte, Kommentare, Hintergründe. Selbst die Statistiker, die großen Vorgeführten dieser Wahl, dürfen nochmal ran: sie schreiben nun, warum sie scheiterten, welche Schwierigkeiten ihre statistische Wissenschaft so mit sich bringt, und warum es jetzt mehr und nicht weniger Statistik bräuchte.

Es geht auch gar nicht um die Feindbilder; der Fortschritt von 2016 gegenüber 1984 besteht gerade darin, dass die aufgeklärte Presse auch ohne dingfeste Feindbilder auskommt. Die gesellschaftliche Funktion ist dieselbe in der Welt von 2016 wie in der Orwellschen von 1984: je mehr die Welt des einzelnen Menschen in Krieg, Hunger und chronischer Zukunftsangst versinkt, desto lauter, greller und unwiderstehlicher umarmt ihn die globale Nachrichten- und Aufmerksamkeitsökonomie. Sie fesselt die Aufmerksamkeit, und damit zugleich das Reflexionsvermögen. Sie fokussiert es auf Stars und Events. Die weltlichen Erfahrungen des Individuums – geprägt von ökonomischem Elend, sozialer Enttäuschung und individueller Verzweiflung – finden keinen Platz und keine Energie, um aufgearbeitet zu werden; was doch die Voraussetzung wäre, um diese Erfahrungen in Kritik zu transformieren. Die Massenmedien mögen Trump nicht gewollt haben; ihre Zerstörung des gesellschaftlichen Individuums, seiner individuellen Erfahrung und seiner Urteilsfähigkeit waren aber genau die Voraussetzungen, die den Wahlsieg Trumps förderten und schlussendlich forderten.

Clinton und Obama mögen ebenso leere “Star”-Hülsen sein; im Zweifelsfall entscheidet sich der Wähler aber immer fürs Original. Nicht dass Trump „jemanden erschießen könnte und trotzdem keine Stimme verlieren würde“, drückt die Quintessenz seiner Wahl aus, sondern dass er sagen und versprechen konnte, was er wollte, keinerlei “Programm” brauchte, und trotzdem gewählt wurde.

Der Sieg des neuen Faschismus unter Trump ist kein bloßer Sieg der Rechten, sondern die logische Konsequenz der globalen kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie. Sie fesselt die Erfahrung und Reflexionsfähigkeit der Menschen und dosiert ihnen tägliche Unmündigkeit. Nicht allein der Inhalt, die Form selbst hat eine gesellschaftliche Funktion: die Star- und Eventmaschine ist eine der ersten Fronttruppen in der Repression der Wünsche, der Erfahrung und des Nachdenkens über diese Gesellschaft. Guy Debord, der dieser „Gesellschaft des Spektakels“ in seinem gleichnamigen Buch die radikalste Kritik entgegenschleuderte, schrieb nicht ohne Grund:

„Das Spektakel ist der schlechte Traum einer in Ketten liegenden modernen Gesellschaft. Ein Traum, der nicht mehr ausdrückt als ihren Wunsch nach Schlaf. Das Spektakel ist der Wächter über diesen Schlaf.“

Je mehr wir uns vom Phänomen Trump absorbieren lassen, desto tiefer wird unser Schlaf. Erste Informationen über Trumps Kabinett öffentlich! Je mehr die materielle und soziale Welt hinter all diesen medialen Bildern zerstört wird, desto mehr verlangen wir nach neuen Bildern und „Informationen“, in denen wir unser Nachdenken und unsere Aufmerksamkeit verlieren. Trump trifft in Japan ein, wie wird seine China-Politik aussehen? Denn gerade Trump ist noch immer zuallererst Reality-TV-Star und weiß, wie er die Pressewelt an der kurzen Leine führt.

Was folgt daraus für uns, für diese Zeitung?

Gegen die alles erdrückende Nachrichtenindustrie, die in Trump kulminierte, helfen nicht noch mehr Nachrichten. Wir können nicht bloß kritischen Kommentatoren desselben uns gezeigen Reality-Shits sein. Aber was ist dann unsere Aufgabe?

In Wochen wie dieser schlage ich alte Bücher auf, in der Hoffnung, irgendwo, an irgendeinem Satz Halt und Orientierung zu finden. Was sollen wir tun, in welche Richtung gehen? – Einer der Sätze, die ich dieser Tage wieder gefunden habe, ist der berühmte Schlusssatz der Marxschen Feuerbachthesen:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“

Durch das Spektakel, schrieb ganz ähnlich Guy Debord, „redet die herrschende Ordnung endlos über sich selbst, in einem ununterbrochenen Monolog der Selbstanpreisung“. Er hätte auch mit Marx sagen können: in einem ununterbrochenen Monolog der Selbstinterpretation. Welches Kabinett wird Trump bilden? Wie wird seine Politik aussehen? Wird er scheitern? Was werden seine amerikanischen WählerInnen dann tun? – Nein, unsere Aufgabe ist es jetzt nicht, dem von tausend Scheinwerfern grell erleuchteten Trump-Star noch ein weiteres – wenn auch irgendwie kritisches – Licht hinzuzufügen, das Phänomen Trump nur neu – möglicherweise anders – zu erklären, ihm Sinn zu geben. Es kömmt darauf an, sie zu verändern; nicht sie zu interpretieren. Was heißt das für eine Zeitung? Was ist die Veränderung, die unsere Aufgabe ist, für die wir schreiben? – Ich denke, es bedeutet, zu einer grundlegenden Erkenntnis dieser Gesellschaft beizutragen; einer Erkenntnis, die über das unmittelbar Vorgefundene, über die Stars und Events hinausgeht, anstatt sich bloß „kritisch“ an sie zu fesseln. Neue Begriffe und Verständnisse entwickeln, anstatt die Ereignisse, denen wir machtlos gegenüberstehen, bloß widerzuspiegeln. Eine solche Erkenntnis ist eine Veränderung, in uns und in anderen. Und eine solche, geistige Veränderung ist die Grundlage für alle praktische Veränderung, die wir so dringend brauchen. Diese erste Veränderung ist unsere Aufgabe. Deshalb: Nachrichtensperre über Trump.

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