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Der Freier

09.09.2016

28.10.16  | Kritik

Geld oder Leben

„Kommst du mit deinem Geld zurecht?“ ist eine Frage, die nur dem verdinglichten Bewusstsein entspringen kann.

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Am Leben teilhaben

Es ist ein eigenartiges Ding, dieses Geld. Hat es doch keine qualitativen Eigenschaften, außer „Wert zu sein“, wo doch kaum einer seiner BenutzerInnen so genau weiß, was das nun wiederum sein soll, der Wert. Dafür, dass es also meist eine auf einen Zettel gedruckte Zahl ist – dieser Zahlenzettel aber nicht annähernd so aufwändig zu produzieren ist, wie z.B. der Kühlschrank, den man gegen den Zettel eintauschen kann – benutzen die Menschen die Papierscheine mit einer Mischung aus Indifferenz und Selbstverständlichkeit, die sie sonst nur Naturkräften, der Schwerkraft z.B., entgegenbringen. Nur, dass sie die Schwerkraft eben nicht selbst geschaffen haben.

Die Menschen haben in ihrem Leben Bedürfnisse. Zur Erfüllung dieser Bedürfnisse bedarf es materieller Grundlagen, die in der Regel benutzt oder verbraucht werden. Will ich essen, brauche ich Brot, will ich beim Schlafen nicht nass werden, brauche ich Wohnung, will ich nach Hause fahren, brauche ich Transportmittel. Das Leben äußert sich in der Welt durch Tätigkeit, deren Grundlage materielle Bedingungen sind – ob von Natur aus da oder halt produziert. Das ist immer so.

In der kapitalistischen Gesellschaft sind diese materiellen Güter alle irgendjemandes Privateigentum, d. h. es gibt in der Regel eine Person oder Institution, die die alleinige Verfügung über dieses oder jenes Ding hat, womit andere gern ihre Bedürfnisse befriedigen würden. Das Brot gehört dem Bäckereigeschäft, was wiederum seinen EigentümerInnen gehört, die Wohnung gehört dem Vermieter und der öffentliche Bus gehört dem Staat (nicht der „Öffentlichkeit“). Die Eigentümer dieser materiellen Bedingungen zu Bedürfnisbefriedigung geben sie nur zur Benutzung frei, wenn sie dafür Geld bekommen und zwar meist soviel, dass in Summe für sie mehr vom allgemeinen Äquivalent herausspringt, als die Anschaffung dieser Lebensgrundlagen für andere sie selbst an solchem allgemeinen Äquivalent gekostet hat.

Zwar stellt es sich zunächst im Alltagsbewusstein so dar, dass man eben frei entscheiden kann, in welche Läden man geht, um sein Geld sinnvoll auszugeben, welche Sportart man betreibt, für welches Verkehrsmittel man sich eben entscheidet. Doch ist eine gesellschaftliche Normalität, die wie eine naturgegebene erscheint, auch wenn sie die offensichtlichsten Zumutungen und Einschränkungen an die Leute heranträgt, immer noch besser psychologisch zu verarbeiten, zu rationalisieren, wenn diese Zumutungen und Einschränkungen zum eigenen Willen erklärt werden: Man gehöre ja noch zur Mittelschicht, die sich „problemlos“ alles leisten könne, was sie so will. Es ginge einem doch – schaut man mal auf die anderen, die viel mehr arbeiten müssen und dafür weniger bekämen – doch noch gut. Zumal als Deutschem! So viel brauche man dann ja doch nicht zum Leben, allzu große Bedürfnisse habe man nicht, die Kleidung aus dem Second-Hand ist – welch Zufall – ohnehin gerade in Mode, genau wie das Wiederverwenden von Abgenutztem, Tauschringe, Carsharing etc. und Busfahren sei eh besser für die Umwelt. Das Sein bestimmt das Bewusstsein und Selbsteinschränkung ist Lifestile.

Es sieht also so aus, als öffnete einem der Geldbeutel die Tore zum eigenen Leben und man hätte die breite Palette der Wunscherfüllungsbedingungen vor sich aufgefächert, aus der man nun weise wählen müsste. Und doch allein diese Tatsache müsste, denkt man einmal genauer darüber nach, eine Zumutung an den Verstand darstellen. Die „Teilnahme am Leben“ – selbst schon ein widerlicher Ausdruck, hängt also davon ab, ob ich als Vereinzelte/r die Teilnahmegebühren zur Benutztung der Dinge als Privateigentum, also unter Ausschluss der anderen, berappen kann – ein für immer mehr Menschen immer schwierigeres Unterfangen, wo doch die Produktion und Existenz dieser Dinge keineswegs von der Existenz des Geldes grundsätzlich abhängt. Wenn morgen erklärt würde, dass das Eigentum an Wohnungen ab sofort denen gehört, die darin wohnen, wäre das Wohnen ja nicht unmöglich geworden. Im Gegenteil.

Der Wert des Menschen

Wo kommt also das Geld her, das man also nicht zum Wohnen braucht, sondern damit man z.B. wohnen darf? Es gibt Menschen, die behaupten, dass das was sie sich so angeschafft haben – ihre Zahnbürste, der Hund, ihr Auto, vielleicht ihr Eigenheim – Produkt ihrer eigenen Arbeit sei; dass sie sich das hart erarbeitet hätten. Das dürfte in den meisten Fällen so nicht stimmen, da die allermeisten Menschen darauf verwiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Das Geld, das sie dafür bekommen, hat also unmittelbar nichts zu tun mit dem Produkt ihrer Arbeit, sondern mit dem Wert ihrer Arbeitskraft, oder anders: dem Wert, den sie in dieser Gesellschaft nun einmal als Ware Arbeitskraft haben, in der sie sich an andere, die sie benutzen, immer wieder befristet verkaufen müssen. Dieser eigene Wert ist wiederum gesellschaftlich bestimmt und zwar durch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, auf dem nicht nur „die Ausländer einem den Arbeitsplatz wegnehmen“ sondern die bisweilen hochgeschätzten Volksgenossen ebenso. Erstere dienen da nur als Projektionsfläche.

Anscheinend nicht tot zu kriegen ist der Mythos, dass die Höhe des Lohns direkt etwas mit der Bedeutung oder besonderen Schwierigkeit der Arbeit zu tun hätte. Im Allgemeinen ist es, einmal von solchen staatlichen Eingriffen, wie dem Mindestlohn abgesehen, allein das Konkurrenzverhältnis – das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nach den Leuten, die in einem bestimmten Bereich ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben –, das die Höhe ihres Lohns bestimmt. Sicher hat das auch etwas damit zu tun, dass weniger Menschen im Stande sind, sich zur Ärztin ausbilden zu lassen, als zum Gebäudereiniger. Aber auch dies hat gesellschaftliche Ursachen. Marx sagt zur allgemeinen Regulierung des Arbeitslohns:

Im großen und ganzen sind die allgemeinen Bewegungen des Arbeitslohns ausschließlich reguliert durch die Expansion und Kontraktion der industriellen Reservearmee, welche dem Periodenwechsel des industriellen Zyklus entsprechen. (…) Die industrielle Reservearmee drückt während der Perioden der Stagnation und mittleren Prosperität auf die aktive Arbeiterarmee und hält ihre Ansprüche während der Periode der Überproduktion und des Paroxysmus im Zaum. Die relative Überbevölkerung ist also der Hintergrund, worauf das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit sich bewegt. Sie zwängt den Spielraum dieses Gesetzes in die der Exploitationsgier und Herrschsucht des Kapitals absolut zusagenden Schranken ein.“ (Karl Marx: Das Kapital, MEW 23, S. 666ff.)

Es müsste also heißen, dass die Zahnbürste, die Schuhe und Toaster, den Anna-Normal weithin als „ihr Eigentum“ betrachten darf, nicht die Ergebnisse ihrer Arbeit sind, sondern das Resultat davon, dass sie sich erfolgreich an einen „Arbeitgeber“ verkauft hat. Die Resultate ihrer Arbeit, z.B. als Toasterherstellerin stellt sie als das Eigentum ihres Benutzers her, der es ihr im Laden dann wieder – für das Geld, das er ihr als Lohn ausgezahlt hat, versteht sich – verkauft. Letzteres ist übrigens die Realisierung (nicht aber der wesentliche Inhalt) der Einkommengrundlage der KapitalbesitzerInnen – dem Profit.

Brauchbarkeit fürs Kapital und Inhalt des Lebens

Zurück zum Geld: Vom Standpunkt der Mitglieder der lohnabhängigen Klasse aus betrachtet ist das Geld also das Resultat des Verkaufs der eigenen Arbeitskraft, zum Zwecke des Kaufs der Produkte, die sie selbst hergestellt haben. Es erscheint ihnen aber das Geld, was sie so zum Leben zur Verfügung haben, als die mehr oder weniger umfangreiche Möglichkeit an diesem Leben „teilzunehmen“; einem Leben, dessen Bedingungen sie zwar selbst geschaffen, von denen sie aber, wie durch eine Schaufensterscheibe, das Preisschild, den Detektor, den Ladendetektiven, die Polizei, die Justiz, das Gefängnis – kurz: den Staat und seinen die warenproduzierende Gesellschaft aufrechterhaltenden Institutionen, abgeschnitten sind.

Die Welt und das Leben in ihr, das, wie die grausige Rede von der „work-life-balance“ schon ausspricht, jenseits der Arbeit anzufangen scheint, haben wie selbstverständlich einen Eintrittspreis. Es zeichnet die Eigentumslosigkeit der Proletarisierten ja gerade aus, dass alles, was uns umgibt, dass die Welt, die wir mit Kopf, Muskel, Hand selbst geschaffen haben, gar nicht unsere Welt ist, sondern immer irgendwem anders gehört. Kein Tag, der nicht Geld kostet und einem ein wenig mehr von dem Häufchen Münzen und Papierschnipsel (oder Kontostand) abnimmt, das unseren eigenen Wert (fürs Kapital) in dieser uns fremden Welt darstellt.

Der materielle, nützliche Reichtum, also die Waren, die nicht Geld sind, gibt es in Hülle und Fülle; geradezu im Überfluss. Man braucht nur durch die Innenstädte zu gehen: Die Geschäfte und Lagerhäuser platzen aus den Nähten, die Bahnen fahren auch ohne, dass das Ticket gekauft wurde und in den Wohnungen wohnt sich’s ohne den Vermieter ohnehin angenehmer. Aber die Menschen, getrennt von dem was sie so bräuchten, durch die reale Form, die der „Wert ihres Lebens“ im Geld annimmt, bekommen ebendiese strukturelle Minderwertigkeit durch die Beschränkung des Geldes auf ein bestimmtes Quantum zu spüren, ein Quantum, das eben nicht aus ihren Bedürfnissen hervorgeht, sondern umgekehrt ihre Bedürfnisse aus dieser beschränkten Menge sich deren Erfüllung auch leisten zu können.

Das Geld ist somit nicht der Zugang zum stofflichen Reichtum, den Grundlagen zur Bedürfnisbefriedigung. Es ist – da eben nur die Quantität zählt – in Wirklichkeit die Beschränkung dieses Zugangs auf ein Minimum; ein Minimum, das eben genau dazu taugt, das für das Kapital Wesentliche an den Menschen, ihre Fähigkeit zu arbeiten, in ausreichendem Maße wiederherzustellen. Sonst nichts.

Mit Geld zurechtkommen zu müssen ist eine Zumutung

Eine vernünftige Frage kann es also nicht sein, ob man mit seinem Geld zurechtkommt. Sie ist Ausdruck dessen, was Marx im Begriff des Warenfetischs versucht hat zu fassen, dem die Menschen aufsitzen, da sich ihr Leben in den verkehrten Formen gestaltet, die der Kapitalismus hervorbringt: „Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“ Die Frage des Zurechtkommens mit der Menge an Geld, die man halt so jeden Monat von denen bekommt, von denen man die Produkte der eigenen Arbeit abkaufen soll und von der am Ende des Monats nichts mehr übrig ist, reproduziert also geistig nur die verdinglichten Verhältnisse, indem sie eben nicht danach fragt, ob oder in welchem Maße die Leute ihre Bedürfnisse befriedigen können. Im Gegenteil: Sie fragt nach dem quantitativ beschränkten Vermittler der materiellen Grundlagen zur Bedürfnisbefriedigung – dem Geld – und danach, wie man mit dieser verdinglichten, von jeder inhaltlichen Qualität befreiten Realabstraktion der eigenen Verwertbarkeit fürs Kapital denn so zurechtkäme.

„Ja wunderbar, kann mich nicht beschweren…“

Die notwendige Verkehrung der Tatsachen bekommt dann ihre ideologischen und materiellen Unterstützer, damit auch die Letzten die Naturgegebenheit einer solchen Einrichtung der Welt verinnerlichen. Wer mit Geld nicht „umgehen kann“, wird der Öffentlichkeit in Fernseh-Shows als VersagerIn vorgeführt, als jemand, der mit dem Leben und seinen naturgegebenen Regeln eben nicht zurecht kommt, sich verschuldet und eine gesellschaftlich aufgeladene Mutter- oder Vaterfigur zur Seite gestellt bekommt, die der DelinquentIn dann in einfacher Sprache erklärt, dass jeder mit dem Geld, dass er oder sie halt so zur Verfügung hat, eben zurechtzukommen hat, unabhängig von seiner Menge. Der Zuschauer lacht über das vorgeführte Elend, das doch sein eigenes ist. Vom Psychoterror, den von Hartz-IV Betroffene erleiden müssen, ganz zu schweigen, landet irgendwann im Knast, wer die Schranke ignoriert, die einem das Geld gegenüber dem ohnehin beschädigten Leben in der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft bedeutet, sich also die Dinge aneignet, ohne dem Privateigentümer das Geldäquivalent auszuhändigen. Zwischen der Hälfte und zwei Dritteln der von der Polizei verfolgten Straftaten stehen in direktem Zusammenhang mit der Verletzung des Privateigentums.

Umgekehrt müsste die Frage doch lauten, wie man mit der Zumutung zurecht kommt, dass einem dieses vertrackte Ding namens Geld (und hierdurch vermittelt, der Staat, das Privateigentum, das feindliche Klasseninteresse etc. – eine gesamte Gesellschaftsordnung) den Zugang zu der Welt, die nicht einmal unsere ist, permanent versperrt und einem so die eigene gesellschaftliche Minderwertigkeit, Entfremdung und Vereinzelung in jedem Moment durch das veranschaulicht wird, worauf viele der Menschen ihr Selbstwertgefühl überhaupt aufbauen: Die Menge des Geldes, das sie „verdienen“ und in welcher Weise sie damit zurecht kommen.

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