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Der Freier

09.09.2016

21.10.16  | Kritik

Anmerkungen zur Verbreitung von Verschwörungstheorien

Das Ausmaß, in dem Ideologiegebäude von Verschwörungen zur Form geworden sind, in welcher sich die Menschen ihre eigenen Verhältnisse und die Widersprüche darin erklären, verweist auf das Ende der Epoche der Aufklärung.

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Neben der Tatsache, dass es wirklich so etwas wie staatliche Komplotte und Verschwörungen, Dinge, die der Bevölkerung verheimlicht werden, um Herrschaft und Reichtum zu sichern etc. gibt, liegt eine bedeutende Ursache für die Verbreitung von sogenannten Verschwörungstheorien darin begründet, dass die Entwicklung der menschlichen Informationserarbeitungs-, -verarbeitungs- und -verbreitungstechnologien der Entwicklung des gesellschaftlichen Bewusstseins nicht nur davon-, sondern geradezu entgegenläuft. Jene Technologien lassen mittlerweile ungeahnte Möglichkeiten der Vermittlung von Gedankengehalten zu, während die Fähigkeit der Menschen ihre eigenen Verhältnisse zu begreifen, letztlich also die Inhalte denen jene Vermittlung ursprünglich zu dienen hatte, immer weiter regredieren. Wahnvorstellungen und religiöser Aberglaube hatten in Krisenzeiten immer schon Konjunktur. Nur wird in der Krise seiner materiellen Grundlage das verdinglichte Bewusstsein zunächst nicht als solches erschüttert, sondern schaltet eben auf Krisenmodus.

Die bisher für unergründliche Natur gehaltenen eigenen Verhältnisse erodieren in der Krise und zwar – so das mit Angst auf eine solche Bedrohung reagierende verdinglichte Bewusstsein – durch ebenso fern der Rationalität liegende Erklärungen die am ehesten Naturkatastrophen und unheimlichen, naturhaften Kräften ähneln. Schließlich kulminieren derlei Wahnvorstellungen in aller Regel in den Juden als Bestien in Menschengestalt. Beispielhaft dafür steht das Aufkommen der neuen Massenbewegungen von Trump über AfD bis hin zu Pegida und Reichsbürgern, die sich immer weiter von der erfahrbaren Welt und ihrer Erkenntnis abschotten.

Die Geltung des Rationalitätsprinzips – die Grundlage der Aufklärung – erodiert

Die Forderung nach Aufklärung der vermeintlich fehlgeleiteten Menschen geht irrtümlicherweise davon aus, dass die aufkommende faschistische Massenbewegung ein Missverständnis sei, ein Denkfehler oder ein zu wenig an Information. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist das zu Viel an Information, die schiere Unübersichtlichkeit der Informationsquellen und ein generelles, von der krisenhaften Entwicklung der kapitalistischen Gesamtgesellschaft induziertes, ebenso erschüttertes verdinglichtes Bewusstsein, das gar nicht mehr zur rationalen Einsicht bereit ist, sie offen zurückweist und nun umgekehrt sich die Bestätigungen und „Quellen“ für die persönlichen und massenhaft geteilten Wahnvorstellungen passend heraussuchen kann. So titelt beispielsweise die aktuelle Ausgabe des rechten Verschwörungspamphlets „Compact“: „Invasion aus Afrika. 20 Millionen auf dem Weg nach Europa.“ Wobei als Titelbild ein grimmig aus dem Dunkel schauender Schwarzer herhalten muss.

Durch die schlichte Überforderung der Einzelnen innerhalb der chaotischen Gesellschaft, der sie vollkommen ohnmächtig gegenüberstehen, machen sie massenhaft Gebrauch von aggressiv-feindlichen Projektionen, identifizieren sich zunehmend mit nationalen oder religiösen Kollektiven, die sie vermeintlich aus dieser Ohnmacht befreien, mit rassistischen und antisemitischen Schuldprojektionen oder, wie im Falle der Deutschen, mit einer barbarischen Mischung aus allen.

Befeuert durch die schlichte Tatsache, dass für jede Wahnvorstellung ein passendes Gerücht im Internet oder auf Print zur Nachricht, zum Ereignis, zum „verheimlichten Beweis“ zusammengeschreibselt werden kann, bestehen die neuen Faschisten eben auch auf den bürgerlichen Prinzipen der Meinungsfreiheit. Sie fordern den „Mut zur Wahrheit“ der in Wirklichkeit die blanke Enthemmung bezeichnet. Sie klagen ständig an, warum diese und jene Tatsachen (lies: Gerüchte) verheimlicht würden und stempeln die ihrem Wahn entgegenstehenden Organe als „Lügenpresse“ und „Volksverräter“.

Die Dialektik der Aufklärung, wie sie Horkheimer und Adorno beschrieben haben, die gewaltige Zunahme rationaler Techniken zur Reproduktion bei gleichzeitig zunehmender Verdinglichung und Undurchschaubarkeit anarchischer Gesamtverhältnisse und der Ohnmacht der Einzelnen ihnen gegenüber – hat ein kritisches Moment erreicht, das nun droht in den gesellschaftlichen Massenwahn umzuschlagen.

Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression. (…) Von der Unreife der Beherrschten lebt die Überreife der Gesellschaft. Je komplizierter und feiner die gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Apparatur, auf deren Bedienung das Produktionssystem den Leib längst abgestimmt hat, um so verarmter die Erlebnisse, deren er fähig ist. Die Eliminierung der Qualitäten, ihre Umrechnung in Funktionen überträgt sich von der Wissenschaft vermöge der rationalisierten Arbeitsweisen auf die Erfahrungswelt der Völker und ähnelt sie tendenziell wieder der der Lurche an.“ (Horkheimer/ Adorno: Dialektik der Aufklärung. In Horkheimer, GS, Bd. 5, S. 59)

Der Faschismus ist nichts anderes als die notwendige Konsequenz der bürgerlichen Gesellschaft, in der sich dieser Massenwahn des Staates bemächtigt, um mit ihm und den fortschrittlichsten Mitteln von Produktion und Vernichtung die wahngetriebene Barbarei zum Prinzip der Herrschaft zu errichten.

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