Abo  |  Probeabo  |   Login

Meistgelesen im November

Der Freier

09.09.2016

26.08.16  | Kritik

Richterin zu Gina-Lisa Lohfink: „Ich kann keine Gewalt erkennen“

Die erneute Verurteilung von Gina-Lisa Lohfink ist ein historisches Urteil. Die patriarchale kapitalistische Gesellschaft ist darauf angewiesen, Frauen mundtot zu machen und ihnen Gerechtigkeit zu verweigern. Der Schauprozess gegen Lohfink markiert eine Grenze dieser Gesellschaft.

Die Kritische Perspektive finanziert sich über Online-Abos von Leuten wie dir.

Du kannst ohne Abo jeden Monat 2 Artikel deiner Wahl lesen.

Wenn du die Arbeit unserer AutorInnen unterstützen willst, kauf bitte ein Online-Abo. Wenn du die Kritische Perspektive erstmal testen willst, kannst du ein kostenloses 4-Wochen-Probeabo bestellen.

Schon abonniert? » Login.

Wenn es ein Video von deiner Vergewaltigung gibt; wenn du dort deutlich hörbar Nein und Hört auf sagst; wenn alle Täter darauf identifizierbar sind; wenn die Täter unmittelbar nach der Tat dieses Video ins Internet stellen, um dich zu verhöhnen; wenn du dazu noch mehrere zehntausend Euro für Anwälte ausgeben kannst – dann lass die Anzeige bleiben, es hat keinen Sinn. Vergewaltigung, das gibt es im Strafgesetzbuch und in Mythen, aber nicht in der Realität, so lautet die Quintessenz der erneuten Verurteilung Gina-Lisa Lohfinks in Berlin.

Selten waren die Chancen so gut für ein historisches Urteil, selten wäre es für Gericht und Presse so einfach gewesen, der Frau zu glauben – der man noch nicht einmal hätte glauben müssen, brachten die Täter selbst die Beweise ihrer Tat mit. Auch wenn die erneute Verurteilung zu 20.000 Euro nicht die Vergewaltigung betraf – die Verhandlung in Berlin wurde von Anfang an darum geführt: „Die Frage [nach der „Falschverdächtigung“] wurde jedoch nur ein einziges Mal erörtert, am letzten Verhandlungstag, und zwar von Lohfinks Verteidiger“, merkt der Stern in einem lesenswerten Kommentar zum Urteil an – und ist damit so ziemlich das einzige deutsche Blatt, das klar pro-Lohfink Stellung bezog. Dass Lohfink nun dafür, die Tat angezeigt zu haben und von ihrer Schilderung nicht abgerückt zu sein, zu 20.000 Euro verurteilt wird, und dass sie tausendfach durch Zeitungen, Fernsehen, Radio und Internet paradiert wird, macht dieses Urteil historisch.

Bis zum letzten Tag nutzten Staatsanwältin und Richterin den Prozess und die Öffentlichkeit, um Lohfink zu verhöhnen und bloßzustellen: „Ich nehme Ihnen Ihren Filmriss einfach nicht ab“, sagte die Staatsanwältin. Immer wieder unterstellt sie, Lohfink ginge es nur um die mediale Aufmerksamkeit. Ja, sie hätte ein eigenes Interesse an dieser Anzeige, wie der Stern die Staatsanwältin zitiert:

Lohfink habe wohl mit der Anzeige wegen Vergewaltigung versucht, ihren Ruf zu retten, denn [!] die Aufnahmen seien durchaus heftig – „Das ist kein Blümchensex.“ Doch sei es keine Vergewaltigung, was in den Videoschnipseln zu sehen sei: „Wer etwas Anderes sieht, der belügt sich selbst.“

Es geht nicht nur darum, dass hier die Verteidigerin von Staat und Ordnung eine absolut schwachsinnige Geschichte kolportiert – Lohfink wäre durch das Video ihrer eigenen Vorliebe für „heftigen“ Sex überführt worden und hätte sich durch die Anzeige zu reinigen versucht –; der Prozess fand unter gesellschaftlichen Bedingungen statt, in einem Umfeld, in dem die Staatsanwältin wusste, dass weder Gericht, noch Presse noch Öffentlichkeit sie in solchen Beschimpfungen des Opfers zurechtweisen würden. Der gegen Lohfink geführte öffentliche Schauprozess endet nicht zufällig in der Täter-Opfer-Umkehr: ihre angebliche Falschanzeige sei, so die Staatsanwältin, ein „Hohn für echte Vergewaltigungsopfer“ (Der Standard, 25.08.). Das ist billig gesagt nach einer Prozessführung, die durch durch Zurückweisung aller Beweise nur eins bewiesen hat – dass es so etwas wie Vergewaltigung zwar in den Strafgesetzbüchern, in Märchen und in den Köpfen von Frauen, aber nicht in der Realität gibt.

Die Ignoranz gegenüber der Beweislage, ihre gehässige Umdeutung, die schmierigen Attacken des Gerichts gegen Lohfink, stehen im Widerspruch zu den bürgerlichen Idealen von Gerechtigkeit, Unparteilichkeit und Gleichheit, und verweisen auf die dunkle Seite der kapitalistischen Gesellschaft. Natürlich könnten wir den Fall Lohfink als einzelne Justizposse betrachten — und damit vergessen, mit welcher Energie die gesamte Öffentlichkeit, Presse und Justiz hier dahinter stand; wir könnten den Fall als Einzelfall betrachten — und damit vergessen, dass täglich solche Prozesse geführt werden, und die Verurteilung und Verhöhnung des Opfers gerade Vorbildcharakter für tausend andere Fälle haben wird.

Die Suche nach einem adäquaten Begriff dieses Urteils, der es nicht als zufälliges Einzelereignis abtut sondern es als Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen Herrschaft wahrnimmt, ist nicht trivial. Sie führt nicht nur über das freiheitlich-gleiche Selbstbild der bürgerlichen Gesellschaft hinaus, sondern auch über die Begriffe, mit denen historisch die Kritik an diesen Verhältnissen daherkam. So sprach man früher gern von Klassenjustiz, wenn Anarchisten und Kommunisten von faschistischen Richtern und der faschistischen Presse verhöhnt und verurteilt wurden, und vielleicht drängt sich für diese öffentliche Maßregelung einer Frau – aller Frauen – und das Freisprechen der Täter – aller Männer, aller männlichen Sexualität – die Formel Geschlechterjustiz als naheliegend auf; doch schon darin, wie schwer und sperrig dieses Wort über die Lippen kommt, verweist es auf die grundlegende Schwierigkeit, die wir haben, diese die Unterdrückung von Frauen in die alten Begriffe der Herrschaftskritik einzupacken. Geschlechterjustiz, was soll das sein? Gibt es hier ein Geschlecht, das das andere mit täglicher Gewalt, drakonischen und unfairen Gesetzen bestraft? Sind Frauen und Männer nicht in allen Angelegenheiten gleichgestellt, sind die Gesetze nicht ohne Bezug aufs Geschlecht formuliert? Müsste es dann nicht unmöglich sein, dass eine Frau als Richterin bzw. Staatsanwältin diese Justiz gegen andere Frauen exekutiert? Die Unterdrückung – hier zugespitzt als gerichtliche Repression – ist subtiler, und nicht in solchen äußerlichen Begriffen einer Klassen- und Herrschaftskritik, die immer nur eine Kritik der Herrschaft von Männern über Männer war, auszudrücken.

An solchen Punkten muss man beginnen, Bücher zu lesen. Seit den 1970er Jahren haben Frauen in den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern – USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland – herausgearbeitet, wie die moderne, aufgeklärte kapitalistische Gesellschaft notwendig auf der Ausgrenzung und dem Stummmachen von Frauen beruht. Dass das Zurverfügungstehen von Frauen – für Hausarbeit, Kinder, und eben für den gewaltsamen Fick – notwendig ist zur Funktion dieser Gesellschaft wie jedes individuellen männlichen Individuums, ihres gesellschaftlichen Selbstverständnisses wie ihres sozialen Zusammenhalts. „Ja, ja Bruder. Fick sie, fick sie härter“: die Vergewaltigung als Selbstbestätigung und zugleich Sozialritual männlicher Verbrüderung. Die Berichte beschreiben, wie sich die Täter gegenseitig wie bei einem Fußballspiel angefeuert hatten.

Diese versteckte Grundlage kommt im Selbstverständnis der liberalen Gesellschaft und im Bewusstsein des einzelnen Mannes nicht vor. Sie kommt nicht vor in Lehrbüchern, sie kommt nicht vor in offiziellen Geschichtsbüchern, und sie kommt nicht vor in der medialen Repräsentation dieser Gesellschaft. Sie wird klar benannt in den Schriften so verschiedener Autorinnen wie Simone de Beauvoir, Andrea Dworkin und Roswitha Scholz. Der Kapitalismus kann weder materiell, noch kulturell, noch psychologisch im einzelnen Individuum funktionieren, ohne die Abspaltung und Unterdrückung des Weiblichen.

Wohlgesonnene Stimmen mögen versuchen, diese Kritik zu umgehen, indem sie den Fall Gina-Lisa zu einem Anachronismus erklären – zu einem Rückfall in die 60er-Jahre-BRD, als Vergewaltigung in der Ehe offizielles Recht war, ebenso, dass Frauen zur Ausübung eines Berufs die Einwilligung des Mannes benötigten. Aber das ist grundfalsch. Der Schauprozess gegen Lohfink ist die Realität der fortgeschrittenen bürgerlichen Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Der sexistische Gehalt dieses Prozesses war ein höchst moderner. Lohfink wurde nicht, wie es die Staatsanwaltschaft und die Presse der 60er getan hätten, als schuldige Verführerin dargestellt, die an ihrer Entehrung selbst schuld war, sondern der sexistische Prozess beruhte darauf, sie als die freie und gleiche Geschäftsfrau vorzuführen, die die Frau in der postmodernen Geschlechterideologie sein sollte. Da diese gar nichts tun kann, wozu sie nicht ihre Einwilligung gegeben hätte, gab es keine Möglichkeit mehr, die ihr angetane Gewalt auch nur wahrzunehmen. Die Individualisierung mündet in den grenzenlosen Zynismus gegen das Opfer, und die Verhöhnung ihres Leidens, auf den Gängen zum Gerichtssaal wie tausendfach im Internet. Nicht dieser Prozess ist ein Anachronismus, sondern die kapitalistische Gesellschaft selbst, die auf der Unterdrückung von Frauen beruht.

Dass die kapitalistische Gesellschaft nicht in der Lage ist, Lohfink Gerechtigkeit zukommen zu lassen, zeigt die Grenzen dieser Gesellschaft auf. Damit zeichnen sich zugleich die Grenzen der zulässigen Gesellschaftskritik ab. Genauso einfach, wie es gewesen wäre, Lohfink in Berlin freizusprechen, genauso einfach wäre es für die deutsche Linke und ihre Blätter gewesen, sich mit ihr zu solidarisieren. Selbst wenn man der Ansicht ist, dass Frauen ihre Vergewaltigungsvorwürfe bitte durch objektiver Beweise zu unterlegen hätten, hätte es hier mehr als genug Beweise und Indizien über die Täter gegeben. Stattdessen wiederholt die linke Szene- und Pressewelt bloß in abgewandelter Form die Deutungen der patriarchalen Mehrheitsgesellschaft, deren kleiner Bruder sie ist. Vor der „Regression“ einer Vorverurteilung der Täter, die bitte Angeklagte heißen sollen, warnte die szenelinke „jungle World“ (21.07.). Es sei Sache der Gerichte, die Schuld festzustellen, und die Infragestellung von Justiz und Presse wäre das gemeinsame Element von #teamginalisa und Pegida, kann man dort lesen. Auch der Linksliberalismus der „taz“ hielt sich von Anfang an auf Distanz und war schlussendlich von der Gerechtigkeit des Urteil erleichtert: „es ist richtig, dass Lohfink wegen falscher Verdächtigung erstinstanzlich zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. […] Gina-Lisa Lohfink taugt nicht als Galionsfigur des Feminismus. Im Gegenteil: Sie hat mit ihren Vergewaltigungsvorwürfen, die vom Gericht als falsch verurteilt wurden, allen Frauen und Männern geschadet, die tatsächlich Opfer von sexualisierter Gewalt werden.“ (taz, 23.8.) Wenn die Bruchstellen der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert auftauchen, zeigt die Linke, wo sie steht.

„Ich kann keine Gewalt erkennen“, sagte Richterin Eberle beim Betrachten des Vergewaltigungsvideos. Warum Lohfink sich dagegen wehren sollte, das Video nochmal anzusehen und im Gerichtssaal abzuspielen, konnte sie nicht verstehen. „Ich kann keine Gewalt erkennen“, sagt die über beide Ohren feixende kapitalistische Presse, links, mittig oder rechts, arriviert oder hipp-szenetrendig. Die Wahrheit ist, dass Millionen Männer auf die Suche nach dem Internetvideo gingen, um an der gewaltsamen Erniedrigung Lohfinks zu partizipieren. Es gibt keine Möglichkeit, diese Gewalt in den eigenen Rechtsbegriffe der bürgerlichen Gesellschaft zu verfolgen. Das Recht und die Presse sind die Verteidigungslinien der kapitalistisch-patriarchalen Herrschaft. Radikale Gesellschaftskritik das Versprechen ihrer emanzipatorischen Überwindung.

Wenn dir dieser Artikel gefällt, unterstütz uns mit einem Online-Abo.

Oder teste die Kritische Perspektive mit einem kostenlosen 4-Wochen-Probeabo.

Weiterhin diese Woche:

Nachrichten

VW vs. die Zulieferer: wer steckt den abgepressten Mehrwert ein?

Richtigstellungen zur kleinbürgerlichen Aufregung um die Marktgerechtigkeit

Weiterlesen

Weitere Artikel zum Thema Sexismus:

Ausgabe 14/2016
02.04.2016

Auf der Aftershowparty zu einer amerikanischen Konferenz für Computerspiel-EntwicklerInnen bezahlt Microsoft Tänzerinnen, damit sie in Schulmädchenoutfit und Push-Up-BHs die anwesenden Männer „unterhalten“. Ausgerechnet Pro-Sexarbeits-Feministinnen sind „not amused“.

Weiterlesen
Ausgabe 2/2016
15.01.2016

Betrachtet man die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht in Köln mit etwas Abstand, stellt man fest, dass sie keineswegs aus heiterem Himmel kamen. Belästigungen, Beschimpfungen und Übergriffe auf Frauen sind Alltag in deutschen Großstädten, wie sie es in den Metropolen der arabischen Welt schon seit Jahren waren. Die Frage ist nicht, wo dieses Verhalten plötzlich herkommt, sondern warum es diese Männer in Deutschland offenbar ungebrochen fortsetzen können. Hier zeigt sich das Ineinandergreifen von arabischem und deutschem Sexismus.

Weiterlesen
Ausgabe 1/2016
09.01.2016

Ein Rundgang durch die linke und liberalfeministische Zeitungswelt zur sexistischen Mobgewalt in Köln bleibt wenig zufriedenstellend. Während alles getan wird, um den heuchlerischen Antisexismus der Mehrheitsgesellschaft zu denunzieren, verliert man die eigentliche Tat und die Täter aus den Augen und kann weder Erklärungen hierzu liefern, noch sie mit den Erfahrungen der Opfer vermitteln.

Weiterlesen
Ausgabe 26/2015
30.10.2015

Die linke Flüchtlingssolidarität mag über den Rassismus und Sexismus unter den Flüchtlingen nicht reden. Ins Fäustchen lachen sich die Nazis, die nun mit der Kritik an der Gewalt gegen Frauen ein weiteres soziales Thema besetzen, für das die Linke keine Antwort weiß.

Weiterlesen

Kritische Perspektive 2017 | Kontakt | Impressum | Über uns