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Der Freier

09.09.2016

02.07.16  | Nachrichten

This is what rape looks like

Der Fall Gina-Lisa Lohfink ist kein besonders schwer entscheidbarer Fall, sondern eher die typische Form von Vergewaltigung. Die Frau hatte einen der Täter gekannt, ein freundschaftliches Verhältnis mit ihm, was dieser dann schamlos ausnutze, um sie zu übergehen. Während Presse und Gericht auf der Suche nach „Indizien“ sind, die die Einwilligung Lohfinks gegen ihre eigenen Worte beweisen sollen, wird der Tatsache keine Beachtung geschenkt, dass die Täter einen Porno drehen wollten. Gerade in diesem Fall liegt die Verbindung von Porno- und Vergewaltigungskultur auf der Hand.

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Gina-Lisa Lohfink hatte im November 2012 Anzeige gegen zwei Männer erstattet, die im Internet ein Video verbreiteten, das zeigt, wie die Männer ihren Geschlechtsverkehr an der benommen daliegenden Lohfink vollziehen. Gina-Lisa Lohfink hatte im Sommer 2012 als VIP-Gast für ein Benefiz-Fußballturnier gearbeitet und zumindest einen der beiden Männer dort kennen gelernt. An einem Abend ging man in einen Club, danach konnte sich Gina-Lisa Lohfink an nichts erinnern. Ob und wie sie den zweiten Mann gekannt hat, ist unklar. Das Video zeigt, wie sie sichtlich benebelt den Sex der beiden Männer über sich ergehen lässt, dabei immer wieder „Hört auf“ und „Nein“ ruft. Die Männer hatten das Video unmittelbar nach der Tat verschiedenen Zeitungen für bis zu 100.000 Euro angeboten und an ihre Freunde verschickt. Nachdem die erste Klage Lohfinks sich nur auf die persönlichkeitsverletzende Verbreitung des Videos bezog, reichte sie zwei Wochen später eine weitere Klage wegen Vergewaltigung gegen die beiden Männer ein. Nachdem diese von einem Berliner Gericht fallen gelassen wurde, wurde umgekehrt nun Gina-Lisa Lohfink in einem anschließenden Prozess aufgrund „falscher Anschuldigungen“ zu 24.000 Euro verurteilt, was am Montag in Berlin erneut verhandelt wurde. Lediglich einer der beiden Angeklagten – der andere war unauffindbar – wurde zu einer Strafe für 1.350 Euro verurteilt, wegen unerlaubter Verbreitung des Videos.

Presse und Gericht auf der Suche nach Indizien

Presse, Öffentlichkeit und das deutsche Gericht sind seit dem ersten Tag dieses Prozesses auf der Suche nach Indizien, die belegen sollen, dass Gina-Lisa Lohfink den auf dem Video dargestellten Geschlechtsverkehr selbst gewollt hätte. Der Spiegel schreibt, dass die Täter ja weitere Videos präsentiert hätten, auf denen Lohfink vor einem der Männer tanzt und ihn küsst. Lohfink hätte sich ja auch am nächsten Abend nochmal mit einem der Männer getroffen. Zu guter Letzt hätte sie schon am Vortag ganz einvernehmlich Sex mit einem der Männer gehabt. Und ein vom Gericht bestellter Experte konnte bei genauer Betrachtung des Videos keine Anzeichen auf die von Lohfink behauptete Einwirkung von K.O.-Tropfen sehen.

Es waren diese „Indizien“ und Unglaubwürdigkeiten, die das Gericht 2014 nicht nur zur Ablehnung von Lohfinks Vergewaltigungsklage, sondern auch zu ihrer Verurteilung wegen falscher Anschuldigung nutzte.

Mit den Augen der Täter

Presse, Öffentlichkeit und Gericht, die sich auf die Suche nach Indizien eines „einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs“ machen, folgen dem männlichen Blick der Täter. Gina-Lisa Lohfink hat den Geschlechtsverkehr offensichtlich nicht gewollt, und sei es nur in der Form, in der die Männer ihn vollzogen: ihr „Hört auf“ hat sie nicht bloß gedacht, sondern gesagt, und das ist nun eben in dem Video, das die Täter selbst drehten, unleugbar dokumentiert.

Aber dieses „Nein“ ist gar nicht zum Bestandteil der Verhandlung geworden. Vielmehr schicken sich Presse und Gericht an, zu erörtern, ob nicht das Verhalten Lohfinks, die Signale, die sie den Tätern gab, objektiv belegen, dass sie etwas anderes wollte, als was sie sagte, die Täter also im rechtmäßigen und sogar in Lohfinks Sinne handelten, als sie ihr „Hört auf“ übergingen. Diese Ausdeutung des Verhaltens der Frau, als ob dieses gegenüber ihrem Wort eine andere und die eigentliche Realität darstellen würde, will unterstellen, dass der Fall Lohfink für eine Vergewaltigung untypisch und schwer entscheidbar wäre, schließlich gäbe es auch widersprüchliche “Indizien”.

Diese Sichtweise ist jedoch grundfalsch. Tatsächlich gehen wahrscheinlich 9 von 10 Vergewaltigungen damit einher, dass die Frauen den Tätern vertrauten, sich ihnen öffneten, und dieses von ihnen als „objektive“ Zustimmung interpretiert und für die Rechtfertigung der Gewalt ausgenutzt wird, wofür sie vor Gericht immer Recht bekommen. Was Presse und Gericht hier verteidigen, ist das Recht des Täters, dass nämlich die Frau, die eine freundschaftliche SMS schickte oder ihn unbedacht anlächelte, die am Vortag mit ihm im Club war, die irgendeins von tausenden vom Täter interpretierten Signalen gab, ihn vielleicht auch küsste und mit ihm am Vortag gar geschlafen hatte – dass diese ihm daher eine Einwilligung in jede weitere sexuelle Handlung an ihr gegeben hätte, selbst wenn sie dabei dann Nein sagt oder sich gar zur Wehr setzt.

Also macht sich das Gericht auf die Suche nach solchen „Indizien“. In einigen Ländern reicht es Tätern und Gerichten aus, dass die Frau zu enge Kleidung getragen haben oder zu spät nachts auf der Straße gewesen sein soll, um ihre Vergewaltigung als von ihr „doch gewollt“ darzustellen. Dem Berliner Gericht reicht der Hinweis, dass sie am Vortag mit einem der Männer Sex gehabt und ihn am nächsten Tag nochmal getroffen hat, um zu schlussfolgern, dass sie dem Sex am folgenden Tag auch zugestimmt haben müsste. Dieselbe Rationalisierung, mit der die Täter ihre Grenzüberschreitung rechtfertigten, wird vom Gericht hochoffiziell und als deutsches Recht anerkannt. Fehlen den Tätern in besonderen Fällen solche kreativen “Erklärungen”, denken sie sich welche aus.

Nach der Tat verdrängen die Frauen nicht selten, was ihnen angetan wurde, um es überhaupt erst einmal psychisch bewältigen zu können. Was soll eine vergewaltigte Frau mit der Einsicht tun, dass gerade der Mensch, dem sie sich anvertraute, mit dem sie tanzte, auf einem Date war oder was auch immer, sie manipulierte und gewalttätig benutzte, und das ganze noch ins Internet stellte? Vor dem Berliner Gericht wurde es Gina-Lisa Lohfink zum Verhängnis, dass sie sich am nächsten Abend nochmal mit dem Täter getroffen haben soll – was für das Gericht ja ihr Einverständnis mit der Nacht davor bezeugt. Die kanadische Feministin Meghan Murphy hat diese Problematik angesichts einer Vergewaltigungsklage gegen einen kanadischen Radiomoderator – er nannte die Schläge und das Würgen seiner Partnerinnen vor Gericht „rough sex“, für den er halt eine Vorliebe hätte – treffend beschrieben:

„Nichts davon ist abnormal und nichts ist unverständlich. Es ist, wie Frauen damit umgehen. Es ist, wie wir auf ein Leben voller psychischer Manipulation und Verdrehung der Wahrheit [gaslighting] und des Drucks, nicht „die Opferkarte“ zu spielen, reagieren. Es ist das, wie junge Frauen heute reagieren, nachdem ihnen beigebracht wurde, dass „Einvernehmlichkeit“ schwarz oder weiß ist und dass sie ihre Grenzen überwinden müssen, um nicht als „prüde“ dargestellt zu werden. Es ist das Resultat davon, dass uns beigebracht wird, was „sexuell emanzipiert“ [sexually empowered] bedeutet, bevor wir überhaupt die Chance haben, herauszufinden was wir möchten und was nicht. Es ist ein Resultat davon, dass uns beigebracht wird, dass wir „cool“ sein müssen mit der sexualisierten Gewalt, die wir in der Pornographie sehen. Das ist es, warum Frauen zurück zu ihren gewalttätigen Freunden gehen und sich erneut mit ihren Vergewaltigern treffen. Das ist es, warum wir nett sind und per SMS flirten, selbst mit Männern die wir nicht respektieren. Das ist es, warum wir lächeln und lachen wenn wir sexuell belästigt werden oder wenn uns hinterhergepfiffen wird. Wir benehmen uns genau wie es uns beigebracht wurde. Und für diese Kooperation werden wir vor Gericht gestellt – bestraft, schlussendlich, dafür, dass wir Frauen sind.“

Auch dieser Prozess endete übrigens im Freispruch für den Täter.

Pornographie- und Vergewaltigungskultur

Wenn wir die Tat anhand von “Indizien” und Verhaltensweisen verstehen wollen, müssen wir in eine andere Richtung schauen, nämlich nach dem Verhalten und den Einstellungen der Täter. Dass wir genaueres über sie wissen, verdanken wir einer guten und erfreulicherweise kompromisslos für Gina-Lisa Lohfink parteilichen Recherche des „Stern“:

„Erst am 2. Juli, einen vollen Monat nach der Tatnacht, werden in den Wohnungen der beiden Täter Laptops, Handys und Datenträger sichergestellt. Viel zu spät, Ausschnitte der Videoaufnahmen aus der verhängnisvollen Nacht kursieren längst im Internet. Es wird weiteres Bild- und Videomaterial sichergestellt. Und: der E-Mail-Verkehr zwischen den beiden, in dem sie die Vermarktung der Videos planen und darüber spekulieren, wie viel Geld sie damit wohl verdienen würden.

Sie haben Pech. Es findet sich kein Käufer. Inzwischen haben sich die Clips von Handy zu Handy weiterverbreitet, immer mehr zwielichtige Typen klopfen bei den Redaktionen an und versuchen, die Videos zu Geld zu machen. “Betreff: Vergewaltigungsvideo von Gina Lisa!! Nagelneu …”, steht in der Betreffzeile einer E-Mail. Mehrere Redakteure erstatten Anzeige. In Sigmaringen geht eine Frau zur Polizei: Da verbreite sich ein Video unter Discobesuchern, auf dem zu sehen sei, wie die ohnmächtige Gina-Lisa Lohfink vergewaltigt würde, die Frau wolle das bitte zur Anzeige bringen, sie vermute ein Verbrechen. Fast jeder, der das Material zu sehen bekommt, ist überzeugt, eine Straftat zu erkennen.“

Es ist schon eigenartig, dass dieser Punkt in der öffentlichen Debatte überhaupt keine Rolle spielt: dass die Täter eine pornographische Aufnahme mit Lohfink drehen wollten und drehten. Abgesehen davon, dass der Konsum von Pornos in soziologischen Studien immer wieder mit der Akzeptanz sexueller Gewalt korreliert, ist das „Setting“ praktisch jedes Pornos die Überwindung der Grenzen der Frau: diese zu etwas zu manipulieren, das sie anfangs nicht wollte. Diese von der Gesprächspartnerin auf der Couch zum darniederliegenden Penetrationsobjekt herabzusetzen. Die Degradation und Überwindung der Grenzen der Frau ist der soziale „Kick“, den die Pornographie ihren Konsumenten verspricht, und dazu gehört im weiteren Sinne auch die Möglichkeit, sich die nackte und penetrierte Frau am heimischen Monitor anzusehen. Dass die Pornoproduktion von den wenigsten Frauen aus Freude an der Sache, sondern allein des Geldes wegen geschieht, ist dann ebenso bekannt. Die Grenzüberschreitung ist nicht nur typischer Inhalt, sondern Entstehungsbedingung der Pornografie, sei es dass diese Überwindung durch Geld erkauft oder mit Gewalt erzwungen wird. Die Form bleibt dieselbe.

Liest man nun die Worte, mit denen die Täter ihren „Sex“ vor Gericht beschreiben, entsteht tatsächlich der Eindruck, dass sie zwischen ihrer eigenen Sexualität und der in Pornos dargestellten keinen Unterschied zu machen pfleten:

Dann bin ich runter von ihr und dann hatte der Sebastian Sex mit ihr“.

„Die hat alles mitgemacht.“

„Wir hatten halt Spaß.“ (ebd.)

„Wir“ hatten soviel „Spaß“, dass sich die Männer beim Geschlechtsverkehr mit der benommen daliegenden Lohfink gegenseitig sportlich anfeuerten:

„Ob ihm die Stimme gehöre, die auf dem Video hörbar sei, die sage: „Fick die alte Schlampe, Bruder“, will die Verteidigung wissen. „Nein“, sagt F.“ (taz)

Die beiden Männer haben ihren Geschlechtsakt an ihr vollzogen:

„”Jetzt geht’s los!”, sagt einer der Männer in einem Clip.“ (Stern)

Wollte man hier einen ernsthaften Prozess führen, so wäre doch der Fakt, dass die Täter hier einen Porno drehen wollten, das allererste Indiz, dass es um Vergewaltigung und das Überschreiten von Grenzen ging, und nicht um „einvernehmlichen Sex“. Denn egal auf welche Art man es ausdrückt: ob die Täter eine Vergewaltigung nutzten, um einen Porno zu drehen, oder einen Porno von einer Vergewaltigung drehten: dass der Inhalt derselbe sein kann, derselbe ist – der Vollzug des männlichen Geschlechtsakts an der bewusstlos oder benommen daliegenden Frau – verweist auf die Gemeinsamkeit von Porno und Vergewaltigung. Wenn man “einvernehmlichen Sex” haben möchte, stören K.O.-Tropfen und die Gewaltdrohungen, von denen Lohfink berichtete, ebenso wie ihr “Nein”. Wenn es um einen Porno ging, gibt es andererseits keinen Grund, derartiges auszuschließen.

Dass der Geschlechtsverkehr Teil der 100.000-Euro-Porno-Ambitionen der Täter war, macht ihr Gerede von „einvernehmlichen Sex“, nunja: „unglaubwürdig“. Wie soll man es sonst auffassen, dass die Täter das Video am nächsten Tag, offenkundig vorbereitet und geplant, an Zeitungen verschickten, anders denn als ein Ausdruck ihrer grundsätzlichen Bereitschaft zur Degradierung Lohfinks und zur Überschreitung ihres Willens? Der Kreis von Porno und Vergewaltigung schließt sich dann darin, dass das Video auf der Porno-Plattform „Pornhub“ über eine Million mal angeklickt wurde und erst zwei Wochen vor dem aktuellen Gerichtsprozess (!) von Pornhub gelöscht wurde. Schließlich hätte es, wie Pornhub nach einer Million Klicks großzügig versichert, „gegen unsere Geschäftsbedingungen verstoßen“ (ebd.). Der Zusammenhang von Porno- und Vergewaltigungskultur liegt hier auf der Hand.

Ausnahmslos nichts gehört, nichts gesehen, nichts gesagt

Von all dem liest man wie gewohnt nichts in den meisten linken Zeitungen und Blogs. Hätten wir nicht die bürgerliche und Boulveardpresse, wäre es unmöglich, eine Analyse dieser Sache aufzurollen. Stattdessen liest man in ewiger Repetition das „Nein heißt Nein“, auf welches der Fall reduziert wird. So wichtig dieses Nein heißt Nein ist, gerade vor dem Hintergrund des Kampfes um die Reform des deutschen Vergewaltigungsgesetzes, so unzureichend bleibt er für die kritische Betrachtung des Geschehens. Während man, je mehr man über diesen Fall nachdenkt, umso mehr zu einer grundsätzlichen Gesellschaftskritik und einer Kritik am sozialen (männlichen) Geschlechtsakt getrieben wird, so versperrt andererseits die Berichterstattung der meisten linken Medien jede Reflexion. Das beginnt mit der in fast allen linken Berichten verwendeten Sprachregelung von der „sexualisierten Gewalt“, die jede kritische Analyse von gesellschaftlicher (männlicher) Sexualität schon im Keim zu unterdrücken sucht: Gewalt in sexueller Form, aber keine gewaltförmige Sexualität. Gesellschaftskritik, pfui.

***

Eine hervorragende Kritik an der tendenziösen Prozessführung und die Farce des ersten Verhandlungstags hat die „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“, welche zur Solidaritäts-Kundgebung in Berlin mit-aufgerufen hatte, veröffentlicht.

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