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Der Freier

09.09.2016

02.07.16  | Kritik

Die kapitalistische Produktionsweise ruiniert nicht nur den Planeten sondern auch die ArbeiterInnen!

Der „Gesundheitsreport“ der Technikerkrankenkasse zeugt von den zunehmend unerträglichen Bedingungen, unter denen Menschen ihr Leben zur Produktion von Mehrwert verschwenden müssen.

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Einmal im Jahr veröffentlicht die Technikerkrankenkasse (TK) ihren „Gesundheitsreport“. Der Euphemismus soll überdecken, dass es um die Leiden der Menschen geht, die, bei Strafe von Hunger, Obdachlosigkeit oder Hartz-IV-Terror, in den Hamsterrädern der Verwertung des deutschen Kapitals buckeln und eben dadurch ihre Gesundheit ruinieren. Der Bericht dient den Anwendern und Verwaltern der Arbeitsmenschen also als Überblick darüber, wie weit die Arbeitsbedingungen die in ihnen Gefangenen zugrunde richten oder andersherum diese weiterhin durch postmoderne Umbenennung, geistige und materielle Verelendung sowie Vereinzelung bearbeitet werden müssen, es in jenen Verhältnissen auszuhalten.

Was stellt der „Gesundheitsreport“ fest?

Seit dem Jahr 2006 ist bei den Mitgliedern der TK ein kontinuierlicher Anstieg der sogenannten „Fehltage“ festgestellt worden. Das sind diejenigen Tage, die die ArbeiterInnen nicht in der Knochenmühle erscheinen müssen, um die GEldform ihrer notwendigen Lebensmittel zugestanden zu bekommen, weil sie einen Krankenschein haben. Bei Männern handelt es sich um einen Anstieg von 10,2 Krankheitstagen im Jahr (2006) auf 13,9 (2015), also um 36%. Bei Frauen von 12,9 auf 17,2, also ebenfalls um ein Drittel. Als Ursache benennt der Bericht das exponentielle Wachstum bestimmter Krankheiten und Störungen:

Für den Krankenstand verantwortlich sind, bei einer Betrachtung der Ergebnisse nach einer Zusammenfassung von Diagnosen in übergeordneten Erkrankungs gruppen beziehungsweise Diagnosekapiteln, insbesondere psychische Störungen, Atemwegserkrankungen, Krankheiten des Bewegungsapparats sowie Verletzungen.“ („TK-Gesundheitsreport“, S. 10)

Neben den für widrige Lebensumstände, wie die Lohnarbeit einen darstellt, typischen Erkrankungen von Atemwegen (Luftverpestung in und außerhalb von Büros, Werkstätten und Callcentern) sowie Beschädungungen von Gelenken, Skelett und Wirbelsäule (durch ungesunde Bewegungsabläufe, Verrenkungen, lange Sitzzeiten), fällt die Zunahme der psychischen Störungen als Grund zur „Arbeitsunfähigkeit“ besonders ins Gewicht:

Auch im Hinblick auf infektiöse und parasitäre Krankheiten sowie psychische Störungen kam es 2015 zu einem weiteren Anstieg der Fehlzeiten. Bei psychischen Störungen setzte sich damit ein seit 2006 nahezu durchgängig zu beobachtender Trend mit steigenden Fehlzeiten fort, der lediglich 2013 kurz unterbrochen war. Die Zahl der Fehltage aufgrund von psychischen Störungen erhöhte sich 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 Prozent (…) Damit war jede Erwerbsperson im Jahr 2015 durchschnittlich 2,71 Tage unter der Diagnose einer psychischen Störung krankgeschrieben. Im Jahr 2006 waren psychische (…) Von 2006 bis 2015 sind Fehlzeiten unter diesen Diagnosen bei Erwerbspersonen altersbereinigt um insgesamt 88 Prozent gestiegen. Frauen waren auch im Jahr 2015 mit 3,5 Fehltagen deutlich stärker als Männer mit 2,1 Tagen betroffen.“ (Gesundheitsreport, S.11)

Weiter konstatiert der Bericht, dass insbesondere Frauen unter psychischen Störungen leiden, diese sogar zu den meisten gemeldeten Erkrankungstagen bei Frauen führten, was unsvermuten lässt, dass die widersprüchlichen Anforderungen mit dem Anhalten der Krise, zu mentalen Doppelt- und Dreifachbelastungen für Frauen werden, weil sie sich eben nicht nur als bürgerlich-kapitalistisches Subjekte zu bewähren haben, sondern durch Lohnarbeit, Haus- und Familienarbeit, der Konfrontation mit einem weiblichem Idealbild, Mutterrolle, dem alltäglichen Patriarchat, usw .die vielfachen Anforderungen an das weibliche Subjekt, der psychologische Krisendruck für Frauen ebenso ein vielfacher ist.

Übrigens gelten diese Diagnosen als “Störungen” – ob körperlich oder mental – selbstverständlich nur im Sinne des herrschenden Interesses, also als individuelle Hindernisse in der erwünschten Funktionsweise des Menschen als Arbeitskraftbehälter, nicht etwa als Störungen im Sinne der Beschränkung und Ruinierung des menschlichen Lebens aufgrund des Zwangs, dieses Leben den lebenswidrigen Anforderungen der kapitalistischen Verwertung und dem Herrschaftsalltag der bürgerlichen Gesellschaft unterzuordnen.

Gesellschaftliche Ursachen für den Anstieg „individueller Krankheiten“

Die Ergebnisse des „Gesundheitsreports“ lassen darauf schließen, dass die Bedingungen unter denen die LohnarbeiterInnen in der BRD arbeiten müssen, sich in den letzten Jahren rapide verschlechtert haben. Insbesondere der Anstieg der psychischen Störungen um 88% seit 2006 ist besorgniserregend. Führend hierbei dürften Depressionen und Burnout-Zustände sein, die maßgeblich aus den widersprüchlichen Anforderungen resultieren, die das postmoderne, gegen die Auflösung seiner Grundlagen kämpfende Kapital repressiv gegen die ArbeiterInnen durchsetzt. Dass solche Erkrankungen in den letzten vierzig Jahren bereits um das siebenfache angestiegen sind, haben wir bereits an anderer Stelle erwähnt (Ausgabe 10/2016). Dass es seit dem Jahr 2006 noch einmal zu einer Intensivierung der Entwicklung gekommen ist, verweist aber auf den intensivierten Todeskampf, den das Kapital zugunsten der Profitrate kämpft und dem es alle opfert, die unter seinem Kommando für die notwendigen Bedingungen ihres eigenen Lebens sich zugrunde richten lassen müssen.

Die Entwicklung mit Bezug auf die Krise des Euro, der EU und der Staaten, die nach dem Schock der Finanzkrise 2008 am Gängelband der noch kreditfähigen Staaten hängen, hat ihre Ursache ja wesentlich in den Bedingungen, die dort hinführten und die brachiale Durchsetzung des Wertgesetzes zu einer Notwendigkeit machten. Bereits bevor die Investmentbank Lehman Brothers pleite gegangen ist, zeichnete sich für die Kapitale weltweit eine gigantische Überproduktionskrise ab, die nach der massiven Entwertung von Kapital schrie, ohne die die Einzelprofite nicht mehr steigen würden. Als diese Ausblieb, vielmehr mit der Ausreizung des Staatskredits zur Schaffung künstlicher Nachfrage die Entwertung auf unbestimmte (wenngleich nicht allzu ferne) Zeit aufgeschoben wurde, musste das Kapital seine Selbstverwertung auf anderem Wege profitabel machen – mit der Intensivierung der Arbeit, d.h. dem Herausquetschen von mehr Arbeitsleistung aus den ArbeiterInnen in derselben Zeit, um der fallenden Profitrate etwas entgegenzusetzen. Marx sagt hierzu:

Im Allgemeinen besteht die Produktionsmethode des relativen Mehrwerts darin, durch gesteigerte Produktivkraft der Arbeit den Arbeiter zu befähigen, mit derselben Arbeitsausgabe in derselben Zeit mehr zu produzieren. Dieselbe Arbeitszeit setzt nach wie vor dem Gesamtprodukt denselben Wert zu, obgleich dieser unveränderte Tauschwert sich jetzt in mehr Gebrauchswerten darstellt und daher der Wert der einzelnen Ware sinkt.

Anders jedoch, sobald die (…) Verkürzung des Arbeitstags (…) zugleich vergrößerte Arbeitsausgabe in derselben Zeit, erhöhte Anspannung der Arbeitskraft, dichtere Ausfüllung der Poren der Arbeitszeit, d. h. Kondensation der Arbeit dem Arbeiter zu einem Grad aufzwingt, der nur innerhalb des verkürzten Arbeitstags erreichbar ist.

Diese Zusammenpressung einer größeren Masse Arbeit in eine gegebene Zeitperiode zählt jetzt als was sie ist, als größeres Arbeitsquantum. Neben das Maß der Arbeitszeit als ‚ausgedehnter Größe‘ tritt jetzt das Maß ihres Verdichtungsgrads. Die intensivere Stunde des zehnstündigen Arbeitstags enthält jetzt so viel oder mehr Arbeit, d. h. verausgabte Arbeitskraft, als die porösere Stunde des zwölfstündigen Arbeitstags.“ (Karl Marx, Kapital I, MEW 23, 432f.)

Es liegt nahe, dass der massive Anstieg von psychischen Störungen und Erkrankungen auch die Konsequenzen der Intensifikation der Arbeit durch das Kapital und seinen Staat sind und gleichzeitig deren Schranke darstellen. Dazu gehört nicht nur, dass in zunehmendem Maße Heimarbeit verlangt wird, die die Trennung zwischen den Anforderungen des Unternehmens und denen des Privatlebens (von denen eine wesentlich ist, sich gefälligst für die Arbeit zu erholen) aufhebt. Neben ständiger Disponibilität, Reise- und Überstundenbereitschaft der dadurch noch einmal katalysierten Tendenz zur Aufhebung der bürgerlichen Familie usf., kommt nun noch die Steigerung der Anforderung, in derselben Zeit mehr zu arbeiten. In der parallel zum „Gesundheitsreport“ veröffentlichten Studie der TK, der „Job- und Gesundheitsstudie“, für die ArbeiterInnen zu ihren Arbeitsverhältnissen interviewt wurden, heißt es demgemäß auch:

In den aktuellen Studien sehen mehr als 50 Prozent für sich eine „ziemliche“ bis „sehr“ hohe Arbeitsintensität. Und wenn dies gilt, so fühlen sich zwei von drei Mitarbeitern dadurch auch belastet. Im zeitlichen Vergleich steigt die Anzahl von Personen in den neueren Befragungen noch einmal um 15 Prozent an. (…)

Berichtet wird von hohem Zeit- und Termindruck, von zu vielen Aufgaben, die zeitgleich zur Erledigung anstehen, sowie von zahlreichen Unterbrechungen und Behinderungen im Arbeitsablauf. Diese Belastungen werden von Beschäftigten häufig als zentrale Ursache für Stress am Arbeitsplatz genannt.

Der beobachtete Anstieg über die Zeit spiegelt sich auch in den Antworten auf die Frage wider, ob die Tätigkeit innerhalb der letzten zwei Jahre anstrengender geworden ist. Dies wird von mehr als 60 Prozent der Befragten bejaht. Zwei Drittel von ihnen beschreiben diesen Anstieg als „ziemlich“ oder „sehr“ belastend.“ („TK Job- und Gesundheitsstudie“, S. 10f.)

Die Intensifikation der Arbeit wird also von den Lohnabhängigen selbst festgestellt. Sie ist die Ursache dafür, dass die Gesundheit der noch Arbeitenden in zunehmenden Maße ruiniert wird und ihnen der psychische Druck der gestiegenen Anforderungen und der krisenhaften Gesellschaft selbst in die Schuhe geschoben wird. ‘Wenn du den Irrsinn im Kopf nicht mehr aushältst, dann gehst du eben zum Arzt. Der kann dir helfen, d e i n Problem zu lösen.’

Wie die Menschen hierzulande mittlerweile seelisch und körperlich zugerichtet werden, lässt sich aus solchen Studien und den Zahlen, in die sie das Leid pressen, natürlich nur erahnen. Ungezählt sind diejenigen, die sich nicht krankschreiben lassen, die ihr persönliches Elend, dass doch Ausdruck des gesellschaftlichen ist, mit sich selbst ausmachen. Hinter dem konkreten Leid der Menschen, die einzig dazu da sind, um vom Kapital für die Mehrwertproduktion angewendet zu werden, stehen Millionen unerzählte Geschichten von stumpfer Tätigkeit, sinnfreier Produktion, Psychoterror von Vorgesetzten und Kollegen, Mobbing, sexueller Belästigung, fehlendem Gesundheitsschutz, zu geringen Löhnen, dem „Macht’s dir auch Spaß?“, das einem auch noch das libidinöse Bekenntnis dazu abnötigt und die insgesamt maßloseste Verschwendung von Lebenszeit für die stumpfsinnige Bewegung einer barbarische Gesellschaft.

Die Konsequenz aus den Berichten der Krankenkasse wird wohl aufs neue nicht sein, dass die zunehmend geschundene Menschheit endlich zu Bewusstsein kommt und ihr Joch namens Kapitalismus abschüttelt. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden vielmehr gerade die nächsten Pamphlete mit Gesundheitstipps millionenfach in die Haushalte der Proleten geschickt, versehen mit einer einzigen Botschaft: „Es ist dein Problem!“

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