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Der Freier

09.09.2016

19.06.16  | Buchbesprechung

Nein, Frau Wagenknecht, Gier und leistungsloses Einkommen sind nicht die Ursache des kapitalistischen Elends

Sahra Wagenknechts neues Buch „Reichtum ohne Gier“ ist ein Zeitdokument für den Verfall linken Denkens. Die Vorsitzende der Linkspartei will Konkurrenz, nationale Demokratie und Unternehmertum in Schutz nehmen gegen Erbendynastien, Räuberbarone, Zockerbuden und Datenkraken. Mit Marx hat eine solche Kritik nichts zu tun, vielmehr steht sie in der Traditionslinie der antisemitischen Kritik am Kapitalismus

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Der Neoliberalismus, der seine Versprechungen nicht einlöste

Dass der Kapitalismus die Ursache für die derzeitigen Bürgerkriege, das Massenelend und die zunehmende Verarmung und Verunsicherung in den Zentren ist, darin stimmen wir Sahra Wagenknecht gern zu. Der Kapitalismus befindet sich in einer epochalen Krise, nachdem die Produktivitätssteigerungen der letzten Jahrzehnte auf der einen Seite den Warenausstoß unglaublich gesteigert, auf der anderen Seite die dafür notwendige Zahl von Arbeitskräften drastisch reduziert haben. Da der globale Absatzmarkt gegenüber dem unbeschränkten Warenausstoß mehr oder weniger beschränkt bleibt – schon dadurch, dass die kapitalistische Konkurrenz den Lohn der ArbeiterInnen und damit die von ihnen ausgehende Nachfrage auf das Minimum zu reduzieren strebt – führt die Produktivitätssteigerung notwendig zur Überproduktion und zu einem Zustand, den Marx als das paradoxe Nebeneinander von „Überfluß an Kapital bei Überfluß an Bevölkerung“ (Kapital Bd. III, S. 261) bezeichnete. Im Resultat verschärft sich die Konkurrenz der Kapitale wie der ArbeiterInnen und Nationalstaaten, und was wir heute weltweit als Krise und Bürgerkrieg erleben, ist der Untergang der Verlierer in dieser Konkurrenz.

Von all dem kommt in Sahra Wagenknechts Buch leider nichts vor. Laut Sahra Wagenknecht gründet sich die derzeitige globale Krise überhaupt nicht in den Strukturgesetzen und der gesellschaftlichen Dynamik des Kapitalismus. Wenn sie feststellt, dass „[s]eit gut zwanzig Jahren […] der explodierende Reichtum am oberen Ende die Mittelschichten und erst recht die Ärmeren nicht mehr nach[zieht]“ und „ihr Lebensstandard […] dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum nicht etwa nur langsamer, sondern „überhaupt nicht mehr“ folgt (S. 11), so sieht sie den Grund – wie viele andere auch – erstmal in der neoliberalen Politik der letzten 20 Jahre:

„Immerhin waren es politische Entscheidungen und Weichenstellungen, die das Gesicht unserer Wirtschaftsordnung im Übergang zum einundzwanzigsten Jahrhundert verändert haben. Sie alle fanden unter dem Slogan: mehr Markt, mehr Wettbewerb, mehr Freiheit, mehr Eigeninitiative, mehr Wachstum statt. Ihr Ergebnis lässt sich auf eine ebenso kurze Formel bringen: weniger Markt, weniger Wettbewerb, mehr leistungslose Abzocke, mehr Abhängigkeit und weniger Wachstum.“ (S. 13f)

Und in einem der vielen mit der Veröffentlichung ihres Buches einhergehenden, inhaltlich fast gleichlautenden Interviews sagt sie:

„Und wir sollten den Neoliberalen nicht auf den Leim gehen: Sie reden von Markt, Wettbewerb und Eigenverantwortung. In Wahrheit sind die Ergebnisse ihrer Politik wachsende wirtschaftliche Machtkonzentration, weniger Wettbewerb und mehr Abhängigkeit.“ (Interview zum Buch auf campus.de, 10.3.2016)

Nun ist die Diagnose, dass der Neoliberalismus unter der Hand die Konzentration und Monopolisierung des Kapitals massiv befördert hat, ebenso wie er auch den starken Staat förderte, obwohl er ihn zu bekämpfen vorgab, durchaus richtig. Wie bei allen kapitalistischen Ideologien und wie bei allen Rezepten, die auf eine Umgestaltung des Kapitalismus zielen, dabei aber Ausdruck der immanenten Bewegungsgesetze – vermittelt über Markt, Konkurrenz, Angebot und Nachfrage – sind, stellt sich auch beim Neoliberalismus heraus, dass er die kapitalistischen Widersprüche nur auf höherer Ebene synthetisierte. Die Monopolisierung, die seine Apologeten zu bekämpfen vorgaben, stellt er in Wirklichkeit auf höherer Ebene her, denn der zunehmende Wettbewerb in jeder Branche führt über kurz oder lang dazu, dass die einzelnen Kapitale, um ihre Profitabilität zu sichern, die Marktbeherrschung und Monopolstellung erreichen müssen, soll nicht die ganze Branche untergehen. „Das Monopol erzeugt die Konkurrenz, die Konkurrenz erzeugt das Monopol“ (Marx, Brief an Annenkow, MEW 4, S. 553).

Eine Kritik an Aktiengesellschaften und leistungslosem Millioneneinkommen

Aber Wagenknecht gerät hier auf die schiefe Bahn. Es ging ihr weder um die Erkenntnis noch um die Kritik der bewusstlosen Bewegungsgesetze, sondern – um eine Kritik am Kapitalismus, der seine eigenen Ideale nicht umgesetzt hätte:

„Im linken wie auch im konservativen Diskurs wird Kapitalismus gern mit Marktwirtschaft gleichgesetzt. Das ist grundfalsch. Das Wesen des Kapitalismus ist nicht, dass sich der Austausch über Märkte vermittelt, sondern dass Unternehmen bloße Anlageobjekte sind, dazu da, Kapital zu verwerten und Rendite zu erwirtschaften. Funktionierende Märkte und echter Wettbewerb stören bei der Renditemaximierung eher, und deshalb geht der Trend in Richtung zunehmender Marktbeherrschung durch wenige große Unternehmen. Zugespitzt könnte man sagen: Wir müssen nicht nur die Demokratie, sondern im Grunde auch die Marktwirtschaft vor dem Kapitalismus retten.“ (Interview zum Buch auf Telepolis, 23.4.2016)

Dass „Marktwirtschaft“ (Warenzirkulation) und Kapitalismus las Einheit von Warenproduktion und Warenzirkulation untrennbar sind, kann man, nunja, bei Karl Marx nachlesen. Was Sahra Wagenknecht am Kapitalismus kritisiert, ist noch nicht einmal das Prinzip des Wirtschaftswachstums und der Akkumulation, sondern die derzeitige „Verfassung des Wirtschaftseigentums“ innerhalb dieser Formen:

„Wir müssen den Wirtschaftsfeudalismus überwinden, der ökonomische Macht in der Hand von Familiendynastien konzentriert und der Oberschicht leistungslose Millioneneinkommen sichert, weil sie wie der alte Adel andere für sich arbeiten lässt. Es muss endlich eingelöst werden, was schon die Aufklärung gefordert hat: dass die Perspektive eines Menschen von seinem Talent und seiner Lebensleistung statt von seiner Herkunft abhängt. Der Schlüssel dafür ist eine andere Verfassung des Wirtschaftseigentums.“ (Interview Campus.de, a.a.O.)

Was Wagenknecht konkret meint, ist die Eigentumsform der Aktiengesellschaft, in der den Aktienbesitzern die Kontrolle über die Unternehmen zusteht, während sie ohne eigene Arbeitsleistung und ohne eigenes Risiko Dividenden beziehen. Wagenknecht sitzt, mit einem Wort, dem Zinsfetisch auf: anstatt zu verstehen, dass Zins und Dividende nur die höchsten Formen des den ArbeiterInnen ausgepressten Mehrwerts sind, will sie selbige zu einer „Ungerechtigkeit“ erklären und durch eine „andere Verfassung des Wirtschaftseigentums“ verunmöglichen, wie sie in einem anderen Interview erklärt:

„[Frage:] Worin unterscheidet sich die neue Wirtschaftsordnung von der alten?

[Antwort:] Kurz zusammengefasst kann man sagen: sie würde den Wirtschaftsfeudalismus überwinden, wie er dem Kapitalismus bis heute eigen ist: also keine leistungslosen Millioneneinkommen aus Betriebsvermögen mehr, die auf der Arbeit anderer beruhen, und keine Vererbbarkeit der Kontrolle über Unternehmen. […]“ (Interview zum Buch auf Nachdenkseiten.de, 29.3.2016)

Eine Ode an die heilsame kapitalistische Konkurrenz

Was Wagenknecht gegen Aktiengesellschaften und „Wirtschaftsfeudalismus“ setzt, ist die „Mitarbeitergesellschaft“, zu deren Vorbild ihr übrigens ausgerechnet das Carl Zeiss-Unternehmen dient, eines der jahrzehntelangen Granden der deutschen Rüstungsindustrie. Sie führt aus:

„Eine Mitarbeitergesellschaft ist kein Unternehmen, an dem die Mitarbeiter verkäufliche oder vererbbare Anteile halten und auf hohe Dividenden warten. Meine zentrale These ist vielmehr, dass der römische Eigentumsbegriff für Unternehmen nicht passt. Eine Mitarbeitergesellschaft gehört wie eine Stiftung sich selbst, sie hat keine externen Eigentümer, und muss daher auch an niemanden Geld ausschütten. Aber die Belegschaft bestimmt die Besetzung des Kontrollorgans, das über die Unternehmensleitung entscheidet und ihr die Ziele vorgibt.“ (Ebd., a.a.O.)

Allein eine andere Form des „Wirtschaftseigentums“, darin besteht der Eckstein des Wagenknecht’schen Systems, während ansonsten eigentlich alles so bleiben kann, wie es ist:

„[Frage:] Gibt es dann keinen Wettbewerb mehr?

[Antwort:] Doch, es gäbe sogar mehr Wettbewerb als heute, weil die Kapitalgesellschaft die wirtschaftliche Konzentration massiv befördert hat.“ (Ebd.)

An keiner Stelle stellt Wagenknecht das kapitalistische Grundprinzip der Konkurrenz (sie schreibt natürlich: „Wettbewerb“) infrage. Warum ist es notwendig, dass sich die Menschen heute, bei einer offensichtlichen Überproduktion an allen Dingen des Lebens, weiterhin in gegenseitiger Konkurrenz um Arbeitsplätze, Märkte und Profite zerfleischen? Was Wagenknecht will, ist nur eine alternative Verantwortung- und Eigentumsform innerhalb der bestehenden Konkurrenz und Warenproduktion. Ob ihr klar ist, dass dies unter den gegebenen Bedingungen der Überfüllung der „Märkte“ nur bedeuten könnte, dass die einzelnen „Mitarbeitergesellschaften“ sich aufs Messer bekriegen und ihr Lohndumping eigenverantwortlich durchsetzen?

Dass das Ganze mit einer emanzipatorischen Gesellschaft nichts zu tun hat, zeigt sich dann auch in Wagenknechts Konstrukt der „Mitarbeitergesellschaft“ selbst. Der Zweck der Produktion ist auch in ihrem „Systemchen“ nicht die Versorgung der (Welt-) Bevölkerung, sondern Waren müssen produziert werden, um einen Profit zu erzielen, denn allein von dieser Profitabilität hängen die „Arbeitsplätze“ der „Gesellschaften“ ab. Folglich muss sich dies auch in der Form dieser Gesellschaften niederschlagen, die zwar selbstverwaltet sein müssen, aber notwendig eine entfremdete und unverhandelbare Ebene enthalten müssen, die den Profitabilitätszweck notfalls gegen die ArbeiterInnen durchsetzt. Das Management darf zwar gewählt werden, ohne Management – natürlich im Sinne des Gesamtbetriebs, d.h., seiner Profitabilität – geht es nicht:

„Die Ziele würden unter solchen Bedingungen sicher nicht lauten, Maximierung des kurzfristigen Gewinns, sondern: langfristiges Unternehmenswachstum, solide Gewinne, um Investitionen zu finanzieren, aber eben keine Erhöhung der Rendite mittels prekärer Jobs oder durch Verlagerung in Niedriglohnländer.“ (Ebd.)

Absurd ist dann allerdings der Versuch Wagenknechts, wiederum die Gesundheitsvorsorge (nebst Internetsuchmaschinen und Geldverleihens) aus dem „Wettbewerb“ auszunehmen und in Form einer „öffentlichen Gesellschaft“ oder „Gemeinwohlgesellschaft“ zu organisieren:

„Die Öffentliche Gesellschaft ist genau wie die Mitarbeitergesellschaft ein kommerzielles Unternehmen, bei dem allerdings wegen seiner Größe die öffentliche Hand ebenfalls Vertreter ins Kontrollorgan entsendet. Die Gemeinwohlgesellschaft dagegen arbeitet nicht gewinnorientiert und ist dort angebracht, wo Märkte schlicht nicht funktionieren oder aus ethischen Gründen keinen Platz haben. Ein Krankenhaus etwa muss sich nicht in erster Linie rechnen, sondern muss Kranke optimal behandeln. Wenn dagegen betriebswirtschaftliche Kriterien über die gewählte Therapie entscheiden, ist das einfach pervers.“ (Ebd.)

Wenn der „Wettbewerb“ bei Nahrung, Kleidung, Wohnung, Transport und allen anderen Dingen des Lebens so dringend gestärkt werden soll, um mehr „Innovation“ zu ermöglichen – warum dann nicht auch im Gesundheitswesen? Und andersherum: wenn er hier „nicht funktioniert“ – läge es dann nicht auf der Hand, darüber nachzudenken, ob vielleicht auch der Zweck der Landwirtschaft nicht wäre, „sich in erster Linie zu rechnen“, sondern Menschen „optimal“ mit Nahrung zu versorgen? Dieser Punkt ist wohl ein halbherziges Zugeständnis an das eigene Wahlvolk, welches sonst jede Abgrenzung zur FDP vermissen würde.

Der Unternehmer als Sozialtypus der Zukunft

Besonders ätzend an ihrem Buch ist die Apologie des „Unternehmers“ als einem neuen Sozialtypus, den sie fördern will und positiv dem „leistungslosen Einkommen“ gegenüberstellt:

„Ein Unternehmer ist jemand, der ein Unternehmen aufbaut und führt, mit eigenen Ideen, Power und Kreativität. Jede vernünftige Wirtschaft braucht gute Unternehmer, aber sie braucht keine Kapitalisten. Wenn wir den heutigen Wirtschaftsfeudalismus überwinden, also die leistungslosen Kapitaleinkommen und die Vererbbarkeit der Macht über Unternehmen – darauf laufen die von mir vorgeschlagenen neuen Eigentumsformen hinaus – dann wäre dem Kapitalismus die Grundlage entzogen, aber echte Unternehmer fänden weit bessere Bedingungen vor als heute. (Telepolis-Interview, a.a.O.)

Der „Unternehmer“ ist nicht nur der neue Sozialtypus der westlichen Mittelschichten, er ist auch eine urmännliche kapitalistische Sozialfigur: der 80-Stunden-Mann voller „Power“ und „Ideen“, zu dessen Bedingung für das Ausleben dieser „Kreativität“ es gehört, dass sich Frauen und Dienstleisterinnen um Nachwuchs und Haushalt kümmern. Doch wer wollte ihm, von dem das Los der Gesellschaft und so vieler „Mitarbeiter“ abhängt, dies übel nehmen! Es sind die Steve Jobses, die Jeff Bezos, Travis Kalanicks und all die Arschlöcher, die ohne jede Rücksicht auf ihre Umwelt ihre „disruptiven“ „Ideen“ umsetzen, mit denen sie über Nacht tausende außer Lohn und Brot setzen, und deren Bücher die Mittelschichts-Möchtegern-Unternehmer fleißig studieren. Es ist auch hier konsequenter Ausdruck der in den bewusstlosen kapitalistischen Fetischformen befangenen Gesellschaftsvision Wagenknechts, dass die neue Gesellschaft auf den Schultern nicht der großen Massen, sondern einer handvoll „Unternehmer“-Stars ruhen soll.

Tatsächlich brauchen wir für eine kommende Gesellschaft keine neuen Unternehmer, genausowenig wie wir mehr Innovation oder „Wettbewerb“ brauchen. Wir brauchen zuvorderst eine bewusste gemeinsame Planung und Verteilung der Produktion und Reproduktion, also eine Planwirtschaft, die nicht bloß Markt und Geld „plant“, sondern diese durch direkte Organisation der Produktion und Verteilung ersetzt. Natürlich bräuchte sie weiterhin Ideen und auch „Power“, allgemein Leute, die vorangehen, aber keine kapitalistischen männlichen Sozialtypen, keine „Innovationen“ als Mittel zur Markteroberung und keine Konkurrenz, die das eigene Überleben abhängig von der Verdrängung der anderen vom Markt macht.

Eine Gesellschaftsvision für den nationalen Rahmen

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise scheint auch Wagenknecht irgendwie zu merken, dass jede Fortsetzung der globalen Konkurrenz weltweit weiter Hunger, Armut und Bürgerkrieg bedeuten wird – vielleicht dank tatkräftig „innovativer“ „Unternehmer“ nicht in Deutschland, dafür umso mehr im Rest der Welt. Der Bezugsrahmen ist national, was schert mich der Rest der Welt! –

„Demokratie lebt nur in Räumen, die für die Menschen überschaubar sind. Nur dort hat der Demos eine Chance, mit politischen Entscheidungsträgern auch in Kontakt zu kommen, sie zu beaufsichtigen und zu kontrollieren. Je größer, inhomogener und unübersichtlicher eine politische Einheit ist, desto weniger funktioniert das. Kommen dann noch Unterschiede in Sprachen und Kulturen hinzu, ist es ein aussichtsloses Unterfangen.“ (Buch S. 23)

Das Ganze noch verbunden mit einer anthropologisch begründeten Absage an Multikulti – nun, das dürfte Lutz Bachmann kaum anders sehen. Der Erfolg der deutschen „Mitarbeitergesellschaften“ wird, soviel ist klar, auf dem Ruin der „Mitarbeiter“ im Rest der Welt beruhen. Geschweige denn, dass die Masse der Menschen die Fessel des Arbeitskraftbehälters, der seine eigene Haut zu Markte tragen muss, in dieser linken Utopie los wird.

Mit Marx hat das alles nichts zu tun

Falls es hierzu noch Worte bedarf, so nur deshalb, weil wir bei Marx nicht nur eine komplett andere Form von Gesellschaftskritik finden – die sich nicht mit Umgestaltungen der Eigentumsformen innerhalb der Konkurrenz, sondern mit der Abschaffung von Warenproduktion und globaler Konkurrenz beschäftigt –, sondern deshalb, weil wir bei Marx eindeutige Aussagen zu einer sehr ähnlichen Spielart wie der Wagenknecht’schen „Kapitalismuskritik“ finden – nämlich zu den Theorien des Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), der die kleine Warenproduktion und das Geld vor dem großen Kapital und dem Zins retten wollte.

Proudhon kritisierte die Ungerechtigkeit, dass die Besitzer von Kapital und Geld in Form des Zinses sich einen Teil der Arbeitsprodukte aneignen könnten, was doch gegen den ewigen Grundsatz, dass das Eigentum nur aus eigener Arbeit gebildet werden dürfe, verstoße. Marx hatte dafür im „Kapital“ nur einige Fußnoten übrig, in denen er diese Form der Kritik nichtsdestotrotz treffend charakterisierte:

„Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice éternelle <ewigen Gerechtigkeit>, aus den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wodurch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröstliche Beweis geliefert wird, daß die Form der Warenproduktion ebenso ewig ist wie die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäß ummodeln.“ (MEW 23, S. 99f, Fußnote)

Die Abstoßung von der Proudhonschen Eigentums- und Zinskritik war kein allerdings Beiläufer der Entwicklung der Marxschen Kritik, sondern bildete vielmehr ihren Ausgangspunkt, nicht zuletzt im 1847 – zwanzig Jahre vor dem „Kapital“ – erschienenen Proudhon-Verriss „Das Elend der Philosophie“. Das Buch betreffend schrieb Marx 1846 in einem Brief an den russischen Bekannten Annenkow:

„Das Eigentum bildet schließlich die letzte Kategorie im System des Herrn Proudhon. In der realen Welt dagegen sind die Arbeitsteilung und alle übrigen Kategorien des Herrn Proudhon gesellschaftliche Beziehungen, deren Gesamtheit das bildet, was man heute das Eigentum nennt: außerhalb dieser Beziehungen ist das bürgerliche Eigentum nichts als eine metaphysische oder juristische Illusion. Das Eigentum einer anderen Epoche, das Feudaleigentum, entwickelt sich unter ganz anderen gesellschaftlichen Beziehungen. Wenn Herr Proudhon das Eigentum als eine selbständige Beziehung darstellt, begeht er mehr als nur einen Fehler der Methode: er beweist klar, daß er nicht das Band erfaßt hat, das alle Formen der bürgerlichen Produktion verknüpft, daß er den historischen und vorübergehenden Charakter der Produktionsformen in einer bestimmten Epoche nicht begriffen hat.

Herr Proudhon, der in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen nicht Produkte der Geschichte erblickt, der weder ihren Ursprung noch ihre Entwicklung versteht, kann an ihnen nur dogmatische Kritik üben.“ (Brief an Annenkow, MEW 4, S. 551f)

Das gleiche gilt auch zur dogmatischen Kritik Wagenknechts an der Aktiengesellschaft, die sie fälschlicherweise als „Feudaleigentum“ darstellt, zu sagen: sie beweist klar, dass sie nicht das Band erfasst hat, das alle Formen der bürgerlichen Produktion verknüpft, damit eine Überwindung des Kapitalismus überhaupt nicht mehr denken kann.

Diese Kritik steht in der Tradition des Antisemitismus

Wir hätten diesen Punkt gern ausgespart, da der Antisemitismus-Vorwurf und die damit einhergehenden heftigen Reaktionen leider häufig von der inhaltlichen Auseinandersetzung ablenken. Aber es wäre falsch, diesen Punkt auszulassen. Wir sagen nicht, dass Wagenknecht Antisemitin sei, schon aus juristischen Gründen und weil uns Personen nicht weiter interessieren, aber ihre Kritik steht eindeutig in der Tradition der antisemitischen Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft.

Schon das von Wagenknecht offensichtlich bewusst verwendete Vokabular enthält alle Projektionen, in denen sich das antisemitische Ressentiment früher wie heute ausdrückt: „arbeitsloses Einkommen“, „Erbendynastien“ (implizit darin die Vorstellung der Degenerierung – gegenüber dem vollblütigen „Unternehmer mit Power“); „Zockerbuden“, „Räuberbarone“, „Gier“ und „Datenkranken“. Verkürzte Kritik an Zins und Dividende. „Wenn auch auf ungleich höherem Produktivitäts- und Wohlstandsniveau, ähnelt die Verteilung von Reichtum und Macht im heutigen Kapitalismus jener Zeit, in der Ludwig XV. mit Madame Pompadour seine rauschenden Feste feierte.“ (Buch S. 17) Falls jemand behaupten möchte, sie würde hiermit etwas anderes „meinen“, als was sie schreibt, immer wieder sagt und was überall schwarz auf weiß steht, so möchten wir um den expliziten Gegenbeweis bitten.

Allgemein ist dieser Modus der Kritik, der den Kapitalismus an seinen eigenen Systemgesetzen und Idealen „heilen“ will, die Form von Gesellschaftskritik, die historisch mit dem Massenmord einherging. Markt, Konkurrenz und das Überleben des Stärkeren werden als ewige „Natur“ angesehen, deren heilsamer Lauf aber durch äußere Störungen wie Monopole und Zinskapital blockiert wird:

„Es gilt nicht minder für die Geschäftsidee der Firmenfresser und Konkursjäger oder auch für die globalen Steuersparmodelle, mit denen sich Amazon, Ikea und Co. im Unterschied zu mittelständischen Unternehmen ihren Verpflichtungen für das Gemeinwesen entziehen.“ (Buch S. 14)

Soziologisch steckt dahinter das Ressentiment der kleinen Verlierer in der Konkurrenz, die nun den Staat anrufen, dass er diese unlauteren Vorteile im Namen der Gerechtigkeit beseitige. Dies war auch schon immer die Kritik der Liberalen an der Monopolbildung, in deren Tradition sich Wagenknecht leider mit Recht sieht:

„Die Ordoliberalen sind in vieler Hinsicht kapitalismuskritisch und radikal. […] Walter Eucken hat massiv für eine Entflechtung großer Konzerne plädiert […].“ (Telepolis-Interview, a.a.O.)

Nicht zufällig aber ist die Tradition des Liberalismus eng mit dem Antisemitismus und dem historischen NS verknüpft, und nicht zufällig war übrigens auch Proudhon, den wir ruhig zu den Liberalen zählen dürfen, überzeugter Antisemit.

Es ist aber auch eine typisch männliche Form der Kritik, die hier in der kapitalistischen Krise vertreten wird. Das universelle gesellschaftliche Konkurrenzprinzip soll gegen das Besondere und Abweichende – für das im Kapitalismus Juden ebenso wie Frauen stehen – wiederhergestellt werden. Es handelt sich um ein Motiv, das sich im Erklärungsschreiben jedes Amokläufers und jedes Pegida-Spaziergängers findet und des androzentrischen Leistungswahns nicht bewusst, sich implizit auch gegen jene “leistungslosen Einkommen” richtet, die unter das “Hartz-IV”-Regime fallen. Zwar sagt Wagenknecht, dass sie bloß „die wirtschaftlichen Strukturen überwinden [will], die Einzelnen die Chance geben, sich zulasten anderer schamlos zu bereichern“ (Campus-Interview, a.a.O.), aber das Volk, an das sie appelliert, dürfte wissen, wer gemeint ist. Wagenknecht führt Madame Pompadour an, ein Interviewer fragt nach der BMW-Erbin Susanne Klatten. Die Psyche ruht nicht, bis sie die Täter sehen und greifen kann, und sie fordert ihre symbolische Degradation, wenn nicht gar ihre physische Vernichtung. Möglich wären Amokläufe und Morde an einzelnen „Erben“, aber eine Liste mit hundert Familiennamen, verteilt über ganz Deutschland, dürfte nicht ausreichen, das antisemitische Ressentiment zu befriedigen. Die Vorstellung der Unnatürlichkeit braucht körperliche Merkmale, an die sie sich heften kann. Wie es hier weitergeht, ist derzeit unklar: der Ausweg auf die Juden scheint noch verstellt, auch wenn der explizite Antisemitismus weltweit wieder an Fahrt gewinnt, unter Pegida und in Osteuropa ebenso wie unter den herbeiströmenden Flüchtlingen, die mehrheitlich wissen, dass Israel hinter dem “Islamischen Staat” steht.

Es ist genau in diesem historischen Moment der kapitalistischen Krise, dass Wagenknecht historisch antisemitische Kritikmuster und Vorstellungen wieder hoffähig macht – und zwar als angeblich linke Kapitalismuskritik. Wir haben keine Freude daran, Leuten ihre Ideen als antisemitisch zu kennzeichnen, aber wir befinden uns in der Pflicht, Auschwitz und den heutigen weltweiten Hass auf Israel und Juden mitzudenken, und dazu gehört es auch, darauf hinzuweisen, dass der millionenfache Judenmord mit genau einer solchen grundfalschen Kapitalismuskritik einherging, die Zins und arbeitsloses Einkommen im Namen von Arbeit und Konkurrenz beseitigen wollte.

Aber es gibt keine Antisemiten mehr. Sie waren zuletzt Linke, die ihre ordoliberale Kritik äußern wollten.

***

Sahra Wagenknecht: „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“. Campus Verlag. Frankfurt 2016. 292 Seiten. 19,95 €

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