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09.09.2016

14.06.16  | Kritik

„Ein Zwangsgesetz das sie verhindert, durch freiwilligen Kontrakt sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen“

Was Karl Marx zum Schwedischen Modell sagen würde. Anmerkungen zum Unterschied zwischen radikaler Gesellschaftskritik und bürgerlichem Linksradikalismus

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Natürlich ist die Ansicht, dass Marx oder irgendein vor 100 Jahren verstorbener Theoretiker zu jeder heutigen Debatte die Antwort liefern könnte, unsinnig. Insbesondere zum patriarchalen Geschlechterverhältnis, einer der Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, findet man bei Marx und Engels nichts von Relevanz, und würde man hier Marx zum Maßstab der Dinge machen, käme man dahin – und ist jahrhunderte- und jahrzehntelang erfolgreich dahin gekommen – alle solchen Dinge zu Nebenwidersprüchen zu erklären. Insofern die Marxschen Theorie das Geschlechterverhältnis ausblendet, sucht man in ihr vergeblich nach brauchbaren Aussagen zur Prostitution, besteht der Inhalt dieser patriarchalen Institution doch darin, Männern den sexuellen Zugriff auf Frauenkörper zu sichern – sei es, dass dies durch unmittelbare Gewalt geschieht, sei es, dass die Frauen in der postmodernen Variante als „freie Dienstleisterinnen“ daherkommen.

Dass die Prostitutionsdebatte überhaupt zu Marx kommt, zeigt nicht die Stärke, sondern die Schwäche der VerteidigerInnen der „Sexarbeit“ an. Die inzwischen in großer Zahl vorhandenen Schilderungen von Aussteigerinnen über die Schädigungen, die diese Institution – egal ob in Zwangs- oder „Dienstleistungs“-Variante – den in ihr tätigen Frauen zufügt, sprechen eine zu klare Sprache (siehe z.B. die Texte von Huschke Mau oder Rachel Moran). Dieselben Leute, die sich damit brüsten, für „Sexarbeiterinnen“ zu sprechen, haben alle Hände voll zu tun, die Schilderungen von Aussteigerinnen zu verdrängen, zu unterdrücken und madig zu machen. Ehemalige Prostituierte, die den Mund nicht halten wollen, werden mit Hetzkampagnen, Verleumdung und Gewaltdrohungen verfolgt.

Es ist nun genau in diesem Kontext, dass die VerteidigerInnen der Prostitution ihr Heil im Philosophischen suchen. Bevor man über Prostitution sprechen darf, soll man doch bitte eine grundsätzliche Kritik – der Lohnarbeit überhaupt leisten:

„Sexarbeit als „Job wie jeder andere auch“ zu beschreiben ist nur eine Positivzeichnung, wenn man einen „Job“ für eine grundsätzlich gute Sache hält. In der wirklichen Welt machen Leute alle möglichen schrecklichen Dinge, die sie lieber nicht tun würden, aus Verzweiflung, für Geld und Überleben. Leute machen Dinge, die sie langweilig oder abstoßend oder seelisch zerstörerisch machen, weil sie keine sinnvolle andere Wahl haben. […]

Nimm z.B. [Gloria] Steinems [amerikanische Feministin, K.P.] Befürchtung, dass wenn „Sexarbeit“ ein akzeptabler Begriff wird, Staaten von Leuten verlangen könnten, sie zu verrichten, um an staatliche Sozialhilfe zu kommen. Natürlich, das ist eine monströse Vorstellung – aber sie impliziert zugleich eine unproblematische Haltung dazu, dass Staaten Menschen zwingen, andere Arten von Arbeit unfreiwillig anzunehmen, um an staatliche Leistungen zu kommen. Wann ist das normal geworden? Warum ist es nur dann schrecklich und herabsetzend, wenn es sich um sexuelle Arbeit [sexual labour] handelt?

Ich unterstütze die Abschaffung von Sexarbeit – aber nur sofern ich die Abschaffung von Sexarbeit im Allgemeinen unterstütze, wo „Arbeit“ verstanden wird als „ökonomischer und moralischer Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um zu überleben.“ […]

Insofern mehr und mehr Arbeiten automatisiert werden und noch viel weitere unterbezahlt und unsicher werden, entdeckt die Linke die Anti-Arbeits-Politik: eine Politik, die nicht nur das Recht auf „bessere“ Arbeit einklagt, sondern das Recht, sofern die Umstände es erlauben, weniger zu arbeiten. […] Sexarbeit sollte legal sein als Teil des Prozesses, in dem wir verstehen, dass die Arbeitsgesellschaft selbst schädlich ist.“ (Laurie Penny, New Statesman, 26.5.2016, unsere Übersetzung)

Und die Autorin ruft, nachdem sie in einem seitenlangen Artikel kein einziges Mal auf den geschlechtlichen Aspekt von „Sexarbeit“ oder die mit ihr einhergehenden Schädigungen zu sprechen kam, den prostituierten Frauen zu: „Let’s not abolish sex work, let’s abolish all work!“ Hinfort mit euch, ihr Nebenwidersprüche!

Auf den Rest dieses schmierigen und haarsträubenden Artikels möchten wir hier nicht eingehen, wir zitieren hier wie überall exemplarisch. Bevor man die Institution der Prostitution angreift, soll man doch bitte erstmal die Lohnarbeit abschaffen. Bevor man über Köln rede, soll man doch bitte die globale Gender Pay Gap aufheben. Kennt man das Schema, lassen sich auf diese Weise hunderte taz- und New Statesman-Artikel produzieren.

Nichtsdestotrotz – die Frage steht im Raum: auch wenn oben zitierte Autorin ihn nicht explizit nannte, geht es doch um Marx. Stimmt es, dass eine an Marx anknüpfende radikale Kritik der Lohnarbeit auf die von Laurie Penny vertretene „Legalisierung“ der Prostitution hinauslaufen würde?

Lesen wir bei Marx selbst nach.

WWKMD – What would Karl Marx do?

Dort, wo Marx Prostitution explizit erwähnt, geschieht dies in Nebensätzen und meist in der Aufzählung von Huren, zusammen mit Bettlern und Tagedieben als Teil der untersten Schicht des Proletariats, des sogenannten Lumpenproletariats, in das Marx bekanntermaßen recht wenig revolutionäre Hoffnung setzte. Irgendwo noch augenzwinkernde Fußnoten an die männliche Leserschaft, dass zu den mittelalterlichen Waren auch „Frauen mit feurigem Körper“ gehörten. Wollte man begreifen, was Prostitution ist und wie diese Institution mit der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt, täte man gut daran, Marx zuzuschlagen und de Beauvoir, Andrea Dworkin oder Kajsa Ekis Ekman zu lesen.

Was wir bei Marx finden, ist etwas anderes, nämlich eine grundsätzliche Position bezüglich der Argumente und allgemein der politischen Strategie, die heute in der „Sexarbeitsdebatte“ in Stellung gebracht werden – und anhand derer sich der Unterschied zwischen radikaler Gesellschaftskritik und bürgerlichem Linksradikalismus darstellen lässt. Denn tatsächlich gibt es bei Marx eine lange Darstellung, bei deren Lektüre man unweigerlich an die Diskussionen um das „Schwedische Modell“ erinnert wird – nämlich die der englische Fabrikgesetzgebung des 19. Jahrhunderts. Diese hatte, nach Jahrhunderten staatlich dekretierter Arbeitszeitverlängerungen, erstmals 1833 den Fünfzehnstundentag eingeführt:

„Erst seit dem Fabrikakt von 1833 – umfassend Baumwoll-, Wolle-, Flachs- und Seidenfabriken – datiert für die moderne Industrie ein Normalarbeitstag. […]. Das Gesetz von 1833 erklärt, der gewöhnliche Fabrikarbeitstag solle beginnen um halb 6 Uhr morgens und enden halb 9 Uhr abends, und innerhalb dieser Schranken, einer Periode von 15 Stunden, solle es gesetzlich sein, junge Personen (d.h. Personen zwischen 13 und 18 Jahren) zu irgendeiner Zeit des Tags anzuwenden […].“ (MEW 23, S. 295)

Es folgten in den Jahrzehnten Gesetze zur Regulierung der Arbeitszeit von Frauen (1844) und endlich das Zehnstundengesetz von 1847 sowie eine Reihe von weiteren Gesetzen, die die anfangs auf die große Industrie beschränkten Gesetze nach und nach auch auf die Landwirtschaft und Kleinproduktion ausdehnten.

„Konventskommissäre, die ihrer Weltverbesserungsgrille den unglücklichen Arbeiter unbarmherzig aufopferten“

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass der Kampf für den 15-, 12-, später 10-Stundentag auf erheblichen Widerstand des Kapitals und seiner liberalen Presse stieß, welche sich das über die Jahrzehnte und Jahrhunderte selbstverständlich gewordene Anrecht auf die Auspressung der ArbeiterInnen nicht nehmen lassen wollte. Vergessen aber dürfte sein, mit welchen Argumenten die damalige liberale Presse die Öffentlichkeit von den Vorteilen des 18-Stundentags überzeugen wollte, und die aus Marxschen Nebenbemerkungen überliefert sind:

„Die Gesetzgeber waren so weit entfernt, die Freiheit des Kapitals in Aussaugung der erwachsnen Arbeitskraft oder, wie sie es nannten, “die Freiheit der Arbeit” antasten zu wollen“ usw. (ebd., S. 295)

Natürlich war der 10-Stundentag ein empfindlicher Eingriff in die „Freiheit der Arbeit“. Da sich die liberale Demagogie aber auch nach Umdeklaration in ein „Recht“ des Arbeiters auf dünnem Eis wusste, mussten die Arbeiter selbst sprechen – oder sprechen gemacht werden:

„Mit Bezug auf das halbe Dutzend Petitionen, worin die Arbeiter klagen mußten über “ihre Unterdrückung durch den Akt”, erklärten die Bittsteller selbst, bei mündlichem Verhör, ihre Unterschriften seien abgenötigt worden. “Sie seien unterdrückt, aber von jemand anders als dem Fabrikakt.” Wenn es aber den Fabrikanten nicht gelang, die Arbeiter in ihrem Sinn sprechen zu machen, schrien sie selbst nur um so lauter in Presse und Parlament im Namen der Arbeiter. Sie denunzierten die Fabrikinspektoren als eine Art Konventskommissäre, die ihrer Weltverbesserungsgrille den unglücklichen Arbeiter unbarmherzig aufopferten.“ (Ebd., S. 301)

Es ist nicht zufällig, dass man dieselben Argumente, Methoden und Demagogien heute wiederfindet – im Lager der VerteidigerInnen der „Sexarbeit“. Als die heutigen Konventskommisäre werden  „Polizeifeministinnen“ wie Alice Schwarzer denunziert, der Weltverbesserungsgrille wurde zur angeblichen „Rettungsindustrie“, und ein Gesetz wie die Kondompflicht, das einen empfindlichen Eingriff in das Recht – natürlich! – der prostituierten Frauen darstellt, ist nichts anderes als eine „Zwangskondomisierung“. Es gehört nicht viel Hirnschmalz dazu, hinter Vereinen, die sich mit Bedacht „Voice for Sexworkers“ und ähnliche Namen geben, und den vielen anderen, „die in Presse und Parlament“ „um so lauter im Namen“ der Prostituierten schreien – die heutigen „Fabrikanten“ zu vermuten.

„Ein Zwangsgesetz“

Aber nicht nur ein Rückblick auf die damaligen schmutzigen Kampagnen zur Verteidigung der „Freiheit der Arbeit“ ist erhellend für heutige Auseinandersetzungen, zur Prostitution wie zu anderen Themen, sondern auch die Art und Weise, wie Marx hier die Arbeitszeitverkürzung diskutiert. Er hatte es so wenig nötig, dem liberal-bürgerlichen Zeitgeist Zugeständnisse zu machen, dass er die Arbeitszeitgesetze in ihrem klaren anti-liberalen Charakter aussprach: als „Zwangsgesetze“ der Gesellschaft – und zwar auch der Arbeiter gegen sich selbst, zu ihrem eigenen Schutze:

„Zum “Schutz” gegen die Schlange ihrer Qualen müssen die Arbeiter ihre Köpfe zusammenrotten und als Klasse ein Staatsgesetz erzwingen, ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert [!], durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen.“ (Ebd., S. 320)

Nun, mit einem Banner mit der Forderung nach einem schwedischen „Zwangsgesetz“ drauf – nach dem Verbot auch nur des Kaufs „sexueller Dienstleistungen“ nach „schwedischem Modell“ – könnte man die heutigen liberalen „ArbeitskritikerInnen“ wohl bis über den schwedischen Polarkreis treiben. Marx, dem wir seine Staats- und Arbeitskritik im Gegensatz zu den meisten Linksradikalen abkaufen, hatte offenbar ein Herumreiten auf dem scheinbaren Widerspruch zwischen Staatskritik und der Notwendigkeit, staatliche „Zwangsgesetze“ zu erwirken, überhaupt nicht nötig, und dahinter steckt keine „entspannte Haltung“ gegenüber dem Staat, sondern die Erkenntnis, „daß der vereinzelte Arbeiter, der Arbeiter als “freier” Verkäufer seiner Arbeitskraft, auf gewisser Reifestufe der kapitalistischen Produktion, widerstandslos unterliegt“ (S. 316), jede Verbesserung also notwendig den vorläufigen Weg über ein staatliches Zwangsgesetz nehmen musste, wenn sie nicht Illusion bleiben sollte wie die „genossenschaftlich organisierten Bordelle“ des Jahres 2014.

„Eine vorläufige Bedingung, ohne welche alle andren Bestrebungen nach Emanzipation scheitern müssen“

Es ist dementsprechend nicht verwunderlich, dass Marx den englischen Arbeitern nicht zuruft, dass sie doch erst die Lohnarbeit selbst abschaffen sollen, bevor sie an ihre Arbeitszeitverkürzung denken sollten. Marx und die alten Kommunisten waren sich sehr bewusst darüber, dass die Beschränkung des kapitalistischen Zugriffs auf die Lebenszeit der Arbeiter nicht nur eine materielle Verbesserung für diese bedeutete, sondern ebenso ein wichtiger Schritt für eine kommunistische Bewegung war. Nirgendwo anders als auf dem Genfer Internationalen Arbeiterkongress 1866, einem der Höhepunkt der internationalen Arbeiterbewegung, wurde beschlossen:

„Wir erklären die Beschränkung des Arbeitstags für eine vorläufige Bedingung, ohne welche alle andren Bestrebungen nach Emanzipation scheitern müssen.“ (S. 319)

Marx war Kritiker der Lohnarbeit, des Staats, des Werts und überhaupt der abstrakten Arbeit. Er war zugleich Verfechter der staatlich durchgesetzten Reduktion der Arbeitszeit, weil er wusste, dass jede Beschränkung des kapitalistischen Zugriffs ein Schritt in die richtige Richtung war. Die heutigen „staatskritischen“ und „arbeitskritischen“ Liberalen werden dagegen zu Staats- und ArbeitskritikerInnen genau in dem Moment, in dem sie den grenzenlosen gesellschaftlichen Zugriff auf die Körper von Frauen verteidigen möchten, wie Gunhild Mewes in der Analyse&Kritik in einem lesenswerten Artikel treffend feststellte:

“Überdies zeigt sich in dieser Argumentation eine eigenartige Wendung: Üblicherweise klagen Linke den Kapitalismus und die Folgen seiner ausbeuterischen Zwänge an. In der Prostitutionsdebatte wird besagtes System jedoch plötzlich zur Verteidigung einer besonders zerstörerischen Einrichtung angeführt.” (24.05.2016)

Der Kreis schließt sich dann darin, dass der radikale Gestus der heutigen Liberalen einher geht mit einem gehässigen Kampf gegen wirklich alle tatsächlichen Verbesserungen. Während der deutsche Staat seine Bevölkerung an jeder Straßenbahnhaltestelle durch Plakate dazu anhält, zum Schutz vor sexuellen Infektionen und ungewollten Schwangerschaften Kondome zu benutzen, soll eine den Bordellen auferlegte Kondompflicht ein grundlegender Eingriff in die – wir kennen es schon! — Freiheit der Frauen darstellen; sei das Verbot von Gangbang- und Flatrate-Prostitution – der für die Frauen zerstörerischsten Formen der Prostitution – „moralisch” motiviert und nicht im Interesse der Frauen, usw. usf. Die Pseudo-Radikalität dieser „Fabrikanten“ entlarvt sich in ihrem tatsächlichen Kampf gegen jede handgreifliche Verbesserung.

Dabei gehört nicht viel dazu, zu verstehen, dass eine Einschränkung der grassierenden Sexindustrie ebenso ein ausbaufähiger Schritt in die richtige Richtung wäre, wie die Beschränkung des kapitalistischen Zugriffs auf die Lebenszeit der Arbeiter war (und weiter ist!). Ein Gesetz, das den Kauf des Zugriffs auf Frauenkörper – egal ob als „Dienstleistung“ oder erzwungen – verbietet, hätte weitreichende Signalwirkung für das Geschlechterverhältnis (und nicht umsonst steht das Gesetz zum Sexkauf im feministischen Schweden im Rahmen eines Gesetzespakets zur „Gleichstellung der Geschlechter“). Genauso wie der 18-Stundentag und die Arbeit ab dem sechsten Lebensjahr zerstört die „Sexarbeit“ die Frauen (man lese die vielfältigen Studien seit den 1970ern, z.B. im Buch von Kajsa Ekis Ekman, oder auf abolition2014 zu finden). Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Suizid, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse, Gewalterfahrungen, sexuell übertragbare Infektionen und langjährige Traumata sind nur einige der vielfach dokumentierten und statistisch immer wieder belegten „Berufsrisiken“, die in klarem Widerspruch dazu stehen, dass die Frauen nach Jahren und Jahrzehnten in der Prostitution bettelarm dastehen wie zuvor. Alle Aussteigerinnen berichten davon, wie ihnen hier Jahre ihres Lebens gestohlen wurden, und von den unglaublichen Schwierigkeiten, später aus Prostitution, Drogen, Schulden und Abhängigkeit herauszukommen. Die Kritik der Prostitution, dieser bürgerlichen Institution zur Bereitstellung von Frauenkörpern für die männliche „Konsumtion“, geht vor allem von der Zerstörung aus, die diese Prostitution für die Frauen hat und fordert, sehr richtig, ein staatliches Zwangsgesetz, welches sich nach dem schwedischen Modell genausowenig gegen die Frauen richten soll, wie die Fabrikgesetze Strafen für die ArbeiterInnen und ihre Kinder vorsahen. Es sind die Käufer, Vermittler und Profiteure der Prostitution zu bestrafen, genauso wie die Käufer und Aussauger der Arbeitskraft. Die Idee einer solchen Beschränkung der „Freiheit der Arbeit“ ist noch immer unerträglich für die heutigen Liberalen, die sich nun allerdings linksradikal mausern wollen.

„Die erste bewusste und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft“ auf sich selbst

Was sich an der Auseinandersetzung um die Prostitution zeigt, ist dabei mehr als eine zufällige Debatte, sondern eine grundsätzliche Fronstellung zwischen radikaler Gesellschaftskritik und bürgerlichem Linksradikalismus. Diese Frontstellung zieht sich, je genauer man darüber nachdenkt, durch alle Ebenen der sog. Prostitutionsdebatte, wie überhaupt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung – philosophisch und gesellschaftstheoretisch ebenso wie tagespolitisch. Bezeichnete Marx die englischen Fabrikgesetze als „erste bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses“ (Kapital Bd. I, S. 504), so druckte das Missy Magazine vor einiger Zeit ein Pamphlet der Soziologinnen Östergren und Dodillet – Schwedinnen, die das schwedische Modell kritisieren –, in dem diese sich bekennen:

„Wir sind also der Überzeugung, dass die ”Einzigartigkeit” des Sexkaufverbots und die oben beschriebenen Diskrepanzen im ideologischen und kulturellen Bereich liegen. Sie haben mit dem Bedürfnis zu tun, eine nationale Identität als moralisches Gewissen der Welt zu schaffen und aufrechtzuerhalten; mit Vorstellungen von ”guter” und ”schlechter” Sexualität; mit dem Hurenstigma; mit der Konstruktion neuer Formen sexuellen Fehlverhaltens“; mit einer kommunitaristischen im Gegensatz zu einer eher liberalen politischen Kultur; und vielleicht vor allem: einem stereotypisierenden und uninformierten Verständnis von Prostitution.“

Die restliche Liste ergänze, wem noch weitere klingelnde Schlagworte einfallen, die eigentliche Sache ist ihnen rausgerutscht: es geht hier wie überall um den „Gegensatz“ „einer kommunitaristischen“ „zu einer eher liberalen politischen Kultur“. Welche dieser beiden Optionen aus der Scheiße herausführt, und welche immer tiefer in sie hinein, und wo Marx heute stehen würde, darüber aber sollte kein Zweifel bestehen.

Hätten wir nur die bürgerlichen Linksradikalen, wir hätten noch immer den 18-Stunden-Tag von 1833.

***

Weitere gute Kritiken an der „linksradikalen“ Verteidigung der Institution der Prostitution finden sich  u.a. bei:

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