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Der Freier

09.09.2016

03.06.16  | Kritik

Die Tortenwerfer sind doch och nur Sozialdemokraten

Der Tortenwurf auf Sahra Wagenknecht war eine gelungene Aktion, in deren Nachgang die Linksparteikader und ihre FreundInnen enthüllten, was sie tatsächlich von „Argumenten“ und solchen Sachen hielten. Schaut man sich dann aber das „Bekennerschreiben“ der Tortenwerfer an, stellt man fest, dass auf dem Gegenpol auch nur sozialdemokratische Phraserei ist

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Mark Twain schrieb einmal: „wann immer du feststellst, dass du die Mehrheit hinter dir hast, ist es Zeit, inne zu halten und zu reflektieren“. Nun, wann immer du feststellst, dass, nachdem du auf dem Parteitag der Linkspartei mit einer Torte beworfen wurdest, dir die FAZ beispringt, sollte es auch Zeit sein, inne zu halten und zu reflektieren:

„Im April legte „TOP B3rlin“ bei der Ausgrenzung von Wagenknecht nach und rief unter dem Titel “Gegen jeden Nationalismus“ zu den später gewaltsam endenden Demonstrationen am Rande des AfD-Parteitags in Stuttgart auf[…] Dabei wurde beklagt, es gäbe einen „nationalen Konsens, der von Linken wie Sahra Wagenknecht über die liberale Mitte bis Rechtsaußen“ reiche. Die Formulierung „nationaler Konsens“ taucht folgerichtig auch in der Selbstbezichtigung der angeblichen Gruppierung „Torten für Menschenfeinde“ auf, die neben einem Video inzwischen auf der linksextremistischen Plattform linksunten.indymedia zu finden ist.“ (FAZ.net, 29.05.)

Zielte der Tortenwurf auf eine symbolische Entlarvung ab, startete er eine ganze Kettenreaktion höchst entlarvender Bekenntnisse von Linksparteikadern und ihren FreundInnen. Einer der ersten, die ihrer „ehrlichen Empörung“ Ausdruck verliehen, war MdB Dietmar Bartsch, der auf Facebook schrieb:

„Ich bin erschüttert. Wie kann man das machen? Das ist nicht links, das ist asozial und dumm. Wer mit Torten wirft, dem fehlen die Argumente. Wir sind solidarisch mit Sahra Wagenknecht und weisen diese Aktion entschieden zurück.“ (28.5.)

Sicher nicht zufällig die gleichen „Argumente“ fand auch Gregor Gysi:

„Ich verurteile die Aktion gegen Sahra Wagenknecht, die feige, hinterhältig und völlig überflüssig ist. Wer mit Torten wirft, hat zu wenig Argumente. So etwas hat es noch nie auf einem unserer Parteitage gegeben und muss für die Zukunft ausgeschlossen werden.“ (Gregor Gys

Der Verweis auf die fehlenden Argumente ist natürlich Unsinn, denn die massive Kritik am chauvinistischen und rechten Stimmenfang Wagenknechts gibt es seit mindestens einem Jahr, und außer Katja Kipping sah sich keiner der Parteigranden irgendwie bemüßigt, auf diese leider nicht mit Geld und Wählerstimmen hinterlegte Kritik einzugehen. Hätten sich die Tortenwerfer auf dem Parteitag etwa brav melden und dann, wie das üblicherweise geschieht, von der wütenden Horde der kleinen und großen Partei-MitläuferInnen niederbrüllen und niederklatschen lassen sollen?

Aber die Worte von „MdB Bartsch“ enthalten mehr, wenn man sie genauer liest. In der Bezeichnung der Kuchenwerfer als „asozial und dumm“ zeigt der, der von den anderen Argumente fordert, wie er’s selbst mit „Argumenten“ hält. Nicht nur das. Der, der sich hier polternd auf die Hinterfüße stellt – seine Partei kann nicht rechts sein, alles Denunziation! –, macht hier keinesfalls zufällig selbst Anleihen bei der faschistischen Sprache, die die anderen zu Ungeziefer, Asozialen, Banditen und Parasiten erklärt. Der Linksparteiler findet sich plötzlich in demselben Sprachkatalog, mit dem schon Lenin und Trotzki ihre Ermordung der Linksabweichler vorbereiteten. Und kein anderer als Gustav Noske beschrieb den von ihm in Auftrag gegebenen Mord an Rosa Luxemburg mit den Worten „ich habe ausgemistet und aufgeräumt“. Jede Kritik und jedes Aufzeigen des eklatanten Widerspruchs zwischen Ansprüchen und Handeln wird den KritikerInnen zum persönlichen Makel gestempelt. Die ganze „ehrliche Empörung“ der Kleinbürger in Parteiuniform dient schlussendlich dazu, von der Kritik an den Positionen Wagenknechts abzulenken, womit zugleich klar wird, dass etwas anderes als Tortenwürfe hier nicht mehr helfen.

Wer dieser Tage mehr davon sehen möchte, wie Linke, einmal in Weißglut versetzt, angesichts des Tortenwurfs ihre Vorliebe zu faschistischer Sprache entdecken, der kann dem inzwischen auf hunderten Blogs und Facebook-Diskussionen nachgehen. Ein Beispiel das man zur Kenntnis nehmen sollte sind die Nachdenkseiten, die „der politischen Linken“ empfehlen, „einmal in ihren eigenen Reihen ein wenig auf[zu]räumen.“ (Vielleicht auch gleich noch „ein wenig ausmisten“?) Ohne ein Wort zum miesen Chauvinismus Wagenknechts zu verlieren, ergeht sich der Autor darin, die Tortenwerfer für seine LeserInnen als „Antideutsche“ zu kennzeichnen, um schließlich festzustellen: „Dabei ist „Straßen aus Zucker“ [das Magazin, das hinter der Tat stehen soll] keinesfalls die einzige Schlange, die die Linkspartei an ihrem Busen nährt.“ Er spricht natürlich vom BAK Shalom, der Pro-Israel-Plattform in der Linkspartei, und allergrößten aller Schlangen. Und spricht’s schlussendlich aus:

„Wenn es die Parteiführung mit ihren Lippenbekenntnissen ernst meint, müssen daher den Worten auch Taten folgen. Viel zu lange hat die Partei es geduldet, dass ein Parteiflügel sich seine eigene Truppe fürs Grobe hält, deren Ideologie nichts mehr mit linker Politik zu tun hat.“

Freie Fahrt für Noske!

Und die Tortenwerfer selbst? – Sozialdemokratische Phraserei

Leider ist das inzwischen veröffentlichte Bekennerschreiben der Tortenwerfer kaum einen Deut besser:

„Ebenso wie die Vertreter der AfD ist Wagenknecht stets darum bemüht, den „Volkszorn“ in politische Forderungen zu übersetzen. Damit steht sie in ihrer Partei keineswegs allein da. Vielmehr ist sie die derzeitige Galionsfigur, bei der sich alles verdichtet, was die Linkspartei für uns unerträglich macht. Mit der Forderung selbst noch mit Pegida zu reden, trifft Wagenknecht den Common Sense ihrer Parteibasis. […] Ihre auf Flüchtlinge gemünzten Aussagen über „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“ und ihre bundesweit bekanntgewordene Rede zum „Gastrecht“, sind nur die Spitze des Eisberges.“

Irgendeinen Ansatz von politischer Analyse? Fehlanzeige. Das höchste, was den TortenwerferInnen einfällt, ist dass die Linkspartei wie die AfD eine „Rückkehr zur nationalen Borniertheit“ anstrebe „und dementsprechend das Ressentiment gegen die USA und die EU“ pflege (eine grundlegend falsche und sentimentale Analyse). „Selbst der Forderung nach einer Bekämpfung der Fluchtursachen liegt weniger Menschenliebe, als der Wunsch nach kulturell homogenen Gemeinschaften, zu Grunde“, stellt man überrascht und empört fest.

Damit ist der Standpunkt der eigenen Kritik benannt: nicht als Kritik am Kapitalismus, am Staat, an Demokratie und Parteibürokratie, sondern bloß als eine andere sozialdemokratische Option innerhalb dieses Gefüges: Europäische Union statt „nationaler Borniertheit“, mehr „kulturelle Vielfalt“ statt „homogener Gemeinschaft“, Verteidigung von Demokratie, Menschenrecht und westlichen Werte statt angeblicher Rückwärtsgewandtheit. Was anderes als eine immanente Gegenposition zum Bestehenden hatte man nie gewollt und nie begriffen. Kritisiert wird, dass die Linkspartei dem, was die Antifa-Szene von ihrer Linkspartei erwartete, nicht treu geblieben sei.

Die Leute, die heute solche Texte verfassen, sind dieselben, die bis gestern weiß machen wollten, dass man die Linkspartei als das kleinere Übel wählen gehen sollte, da ja alles mit der Kritik an dieser Gesellschaft schön und gut sei, aber es jetzt gälte, diese Gesellschaft und ihre „Vielfalt“ gegen die Nazis und AfD zu verteidigen. Was aus ihrer Tortenwurfaktion und ihrem sozialdemokratischen Begennerschreiben spricht, ist schlussendlich ihre enttäuschte Hoffnung.

Hatte Wagenknecht eine Torte verdient, wäre es an den Tortenwerfern, die Reste davon vom Boden aufzuessen.

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