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Der Freier

09.09.2016

20.05.16  | Kritik

„Und, macht dir das Spaß?“

Persönliche Reflexionen über soziale Inkompetenz.

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„Etwas werden“

Ich kann keinen Smalltalk. Damit meine ich nicht, dass ich nicht feststellen könnte, ob sich das Wetter diesmal an seine Vorhersage hält, wie es dem Wellensittich geht oder welche Mode der Kulturindustrie mir gerade gefällt. Derlei Unterhaltungsgegenstände sind so seicht, wie der Gedanke, der sie einfordert: Unterhaltung, damit es nicht still ist.

Schwierig wird es, wenn man jemanden kennenlernt und das Gespräch auf die Frage kommt, was man denn so mache. Die Frage zielt in der Regel nicht darauf ab, welches Buch gerade gelesen wird, oder wie man es denn so erträgt in unerträglichen Zuständen, sondern sie erkundigt sich, so unbewusst es dem oder der Fragenden sein mag, nach der Position innerhalb der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, die ebenso unbewusst Auskunft über den (gesellschaftlichen) Wert der Gesprächspartnerin und damit die Fortsetzungswürdigkeit der Unterhaltung gibt. Die gesellschaftliche Position äußert sich vor allem im Job, den man gerade so hauptamtlich macht, bzw. den sie vorbereitenden Anstalten. Menschen, die in Schule, Studium oder Ausbildung stecken, also der Großteil derer unter 30 Jahren, dürfen zu dieser Gelegenheit noch absondern, was denn der „Traumberuf“ wäre, welche „Erfahrungen“ auf dem Weg dorthin schon so gesammelt wurden und was man also „gern werden“ will und dürfen im selben Atemzug also zugeben, dass man außerhalb der eigentlichen Zweckbestimmung des Lebens eben doch nichts ist – zumindest nichts Erwähnenswertes.

Nicht zuletzt diese subjektive Seite der Vergesellschaftung trifft die davon Ausgeschlossenen am härtesten: „Ich bin gerade arbeitslos.“ – und das Gespräch regrediert nach kurzer Beklemmung im besten Falle zum Wetter oder zahlreichen persönlichen Rechtfertigungsversuchen der Betroffenen, dass man sich gerade neu orientiere, es nur eine kurze Phase sei oder einem sonstigen Bekenntnis der persönlichen Schuld an der eigenen gesellschaftlichen Überflüssigkeit. Die Vereinzelung, der Rückzug „aus dem Leben“ und die depressiven Tendenzen von Menschen, die nicht nur in materiellem Elend leben, sondern auch ganz subjektiv aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind, wird noch unendlich größer mit dem Bewusstsein, dass die Leute sich jenseits der formalisierten Auskunft über die Art und Weise der Integration in das gesellschaftliche Arbeitslager eigentlich gar nichts zu sagen haben. Für die Aktivitäten der sogenannten Freizeit gilt dasselbe: „Im Zeitalter wahrhaft beispielloser sozialer Integration fällt es schwer, überhaupt auszumachen, was an den Menschen anders wäre als funktionsbestimmt.“ (Th. W. Adorno)

„Etwas sein“

Ist man „etwas“ (lies: ein nützliches Rädchen der Verwertungsmaschinerie/ Lohnsklave/ Ausgebeutete des Kapitals) „geworden“ hören die Schwierigkeiten des Alltagsgesprächs nicht auf, auch wenn sie nicht gleich auf das eigene Ausgeschlossensein verweisen, was mit Sicherheit das härteste Los in einem solchen Moment bleibt. Jetzt heißt es Auskunft geben: Ich bin Gabelstaplerfahrer, Altenpflegerin, Lehrerin, Baustoffprüfer, KFZ-Mechatronikerin, IT-Systemelektronikerin, Erzieher, Callcenteragent, Gebäudereiniger, Einzelhandelskauffrau.

Die Frage, womit die Menschen (zumindest in Kartoffelland noch eine Weile) den größten Teil ihres bewussten Tages zubringen müssen, um anderer Leute Reichtum herzustellen, bzw. die Bedingungen dafür zu schaffen, will ebendavon gar nichts wissen, sondern interessiert sich für die konkrete Tätigkeit, die der oder die Ausgefragte eben so tätigt. Gelingt es das durch und durch entfremdete Werkeltagsleben in den schillerndsten Farben darzustellen, wird der Bericht vielleicht sogar mit dem einen oder anderen Ausdruck der Anerkennung quittiert: „Das klingt spannend!“ Insgeheim weiß ich jedoch, dass gerade diese Phrase ja doch nur umso häufiger bemüht wird, je mehr es die ätzende Langeweile und die Enttäuschung darüber, dass das jetzt das Leben sein soll, zu verdrängen gilt.

„Spaß haben“

Doch wer denkt, dass die steilsten Klippen schon umschifft sind, täuscht sich. Die härteste Prüfung kommt noch. Sie heißt: „Und, macht dir das Spaß?“ Hier bin ich mit meinem Latein am Ende. Das Zurechtlügen, dass der Ausdruck des eigenen Lebens etwas – jenseits kapitalistischer Maßstäbe – Sinnvolles wäre, viel mir noch einigermaßen leicht. Irgendetwas gutes, „spannendes“, berichtenswertes lässt sich schon finden. Das eingeforderte libidinöse Bekenntnis zum beschädigten Leben ist mir unmöglich. Die Lüge offensichtlich.

Die Frage, ob einer, angesichts seiner objektiven Ohnmacht, „Spaß“ an einer Zwangstätigkeit, angesichts ihrer objektiven Verkehrtheit, empfinde, verweist auf die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse und fordert das Bekenntnis zu ihnen ein – und zwar nicht vom „Arbeitgeber“, vor dem solche Bekenntnisse leicht fallen, da das Bewusstsein, hier nur einen Job bekommen zu müssen und dafür alles mögliche zurechtgelogen werden darf, immer noch mitschwingt.

Anders im Alltagsgespräch: Hier steht kein Chef und keine Vorgesetzte vor mir, sondern Personen, die ich vielleicht kennenlernen möchte, mit denen ich einzigartige Beziehungen eingehen möchte. Es sind diese Menschen, die einem die Marktschreierei abfordern, als ginge es eben darum seine Arbeitskraft zu Markte zu tragen.

Dass die Frage nach dem Glück aus der Mode gekommen und durch die ungleich rohere nach dem Spaß ersetzt scheint, verweist auf einen Zustand des Bewusstseins, in dem der Rausch, nach dem der Spaß verlangt, das Gefühl frühkindlicher Geborgenheit in den eigenen Lebensäußerungen ersetzt hat. Was wird hier nämlich eingefordert? Das „Spaß haben“ als entsublimierte Form der ursprünglich sublimen Form sexueller Befriedigung, nämlich innerhalb kultureller Bahnen, neben den „Hobbies“ (die die sinnfreie Lust am Zeittotschlagen verkörpern und somit prädestiniert dazu sind, „Spaß“ zu bereiten), ist es die Arbeitswelt selbst, in die die libidinösen Verknüpfungen anlegt gehören, um sich einen „Spaß“ herauszuziehen. Nur dass im Gegensatz zur sublimierten Form der Triebbefriedigung, die, nach Herbert Marcuse, noch immer etwas über die bestehende Gesellschaft Erhabenes, über sie Hinausgehendes, ihre Schranken Negierendes hatte, sie in entsublimierter Form vollends in der repressiven Gesellschaft aufgeht. Die Art der Triebbefriedigung, die mit dem „Machts dir auch Spaß?“ oder „Viel Spaß!“ eingefordert wird, geht nicht mehr über die bestehende Gesellschaft, den Triebverzicht, den sie einfordert und ihren repressiven Charakter hinaus, sondern besteht in ihrer entsublimierten Form fort. In ihr ist die Triebbefriedigung innerhalb der gesellschaftlichen Formen selbst angelegt und durch sie hindurch werden die gesellschaftlichen Verhältnisse reproduziert. Dass dies libidinöse Bekenntnis zum Job oder ihrem sinnentleerten Spiegel, den Hobbies, nun nicht mehr nur vom Chef eingefordert wird, sondern Thema von Alltagsgesprächen ist, verweist auf die psychische Zurichtung gesellschaftlicher Individuen, die ein solches Bekenntnis einfordern und die ja tatsächlich „ihren Spaß“ aus den elenden Zuständen ziehen können, anstatt, ihrer gegenwärtig, zu fragen: „Wie hältst du das eigentlich aus?“, „Was tust du, um das menschliche Elend zu beenden?“ Es ist der psychische Zustand des kleinbürgerlichen Milieus, der traurige Wiedergänge der Pastorenmoral des 19. Jahrhunderts; ein repressives Bewusstsein, das die allumfassende gesellschaftliche Kontrolle als Freiheit und Unterwerfung als Lust zelebriert, wie es Herbert Marcuse schon in seinem Eindimensionalen Menschen beschrieb:

„Die Reichweite gesellschaftlich statthafter und wünschenswerter Befriedigung nimmt erheblich zu; aber auf dem Wege dieser Befriedigung wird das Lustprinzip reduziert – seiner Ansprüche beraubt, die mit der bestehenden Gesellschaft unvereinbar sind. Derart angepasst, erzeugt Lust Unterwerfung. Im Gegensatz zu den Vergnügungen der angepassten Entsublimierung bewahrt die Sublimierung das Bewusstsein der Versagung, die die repressive Gesellschaft dem Individuum auferlegt, und hält damit an dem Bedürfnis nach Befreiung fest. Freilich wird alle Sublimierung durch die Macht der Gesellschaft erzwungen, aber das unglückliche Bewusstsein dieser Macht durchbricht bereits die Entfremdung. Freilich nimmt alle Sublimierung die gesellschaftliche Schranke der Triebbefriedigung hin aber sie überschreitet sie auch.“

Ein solches Gespräch mit mir scheitert. Wenn nicht direkt an dieser Stelle – die Abscheu über die Frage und die Lüge in der Antwort lässt sich bei bestem Willen nicht verdecken –, so doch an der Tatsache, dass niemand etwas mit Spaßverderbern zu tun haben möchte. Ich kann eben keinen Smalltalk.

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