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09.09.2016

25.03.16  | Buchbesprechung

Wie man einen Islamischen Staat aufbaut

Je mehr über den IS geschrieben und gesagt wird, desto weniger weiß man über ihn. Wie konnte er entstehen, wie kann er funktionieren? Jenseits der theatralischen Schreckensbilder findet man dazu wenig Belastbares. Christoph Reuters Buch „Die schwarze Macht. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors“ zeigt, wie der Aufbau des I.S. gelang – als Projekt irakischer Ex-Geheimdienstler und zu Fanatikern bekehrter sunnitischer Kleinkrimineller. Basierend nicht auf religiösem Fanatismus, sondern Kalkül, Bespitzelungen und pragmatischen Allianzen mit dem vorgeblichen Erzfeind.

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Der Grundstein des Islamischen Staats – Irak 2010

Das Buch beginnt im Sommer 2010, im Irak:

Von den 42 Anführern des „Islamischen Staates“ seien 34 „in den vergangenen 90 Tagen“ getötet oder gefangen genommen worden, verkündete General Ray Odierno nicht ohne Stolz die Bilanz des Anti-Terrorkrieges in Bagdad. […] Die Amerikaner klangen beinahe fasziniert über das vermessene Projekt der Djihadisten: „Die wollen das gänzliche Scheitern der Regierung im Irak“, so Odierno, „sie wollen ein Kalifat im Irak etablieren.“ Nun aber, unterwandert, führungslos und verraten, ihre Kämpfer gejagt bis in die letzten Winkel der westirakischen Steppen, sah es ganz danach aus, als ob dieses Vorhaben vor dem Untergang stand. Das war im Juni 2010.“ (S. 7)

Es war vor der von George Bush 2007 veranlassten Verstärkung der amerikanischen Truppen im Irak (Iraq Surge) und der amerikanischen Finanzierung sunnitischer „Erweckungsmilizen“ (Sunni Awakening), die dem „Islamischen Staat im Irak“ den Boden bereiteten. Was wie das Ende einer weiteren islamistischen Terrorgruppe erschien, war aber nur ihr Beginn.

Denn was nun begann, war eine Weichenstellung, die den Islamischen Staat von allen anderen Terrorgruppen, Al-Qaida inklusive, in den nächsten Jahren radikal unterscheiden sollte – die Übernahme der islamistischen Terrorgruppe durch Geheimdienstler der Baath-Partei:

Im Sommer 2010, just als General Ray Odierno in vorsichtigem Optimismus dem fast aufgeriebenen Führungszirkel des „Islamischen Staates“ schwere Zeiten vorraussagte, übernahm ein kleiner Kreis ehemaliger Geheimdienstler und Militärs dort das Ruder. Es waren die ehemaligen Kader des Regimes von Saddam Hussein, die den IS zum Siegeszug der kommenden Jahre führen würden.“ (S. 9)

Im Zentrum dieser Übernahme stand ein Iraker, der meist nur unter seinem Decknamen Haji Bakr bekannt war. Ein unscheinbarer Bürokrat aus Saddams Geheimdiensten, war er wie viele andere auch von der amerikanischen Zivilverwaltung über Nacht auf die Straße gesetzt worden, und schloss sich dem Widerstand gegen die amerikanische Besatzung an:

Fast ein Jahrzehnt hatte der einstige Baath-Parteikader schon damit verbracht, eine Macht zu etablieren gegen die neuen Verhältnisse im Irak, die der früheren Elite des Landes ihre Stellung genommen hatten. Er war Geheimdienstoberst der Luftabwehr in Saddam Husseins Armee gewesen, zuständig kuriorserweise unter anderem für Konzepte zur Rettung von Piloten notwassernder Militärjets, bevor Saddam Hussein gestürzt und die Armee per Dekret aufgelöst wurde. Bakr war daraufhin in den Untergrund gegangen. Um gegen die Amerikaner zu kämpfen, hatte er die kurzlebigen „Brigaden der Baath-Partei“ mitgegründet und war dann bei al-Qaida gelandet, erinnert sich der irakische Kenner der Dschihadisten Hischam al-Haschimi, der ihn noch aus der Zeit vor Saddams Sturz kannte […]“ (S. 21)

Was Bakr und seine ehemaligen Kollegen bei ihrem Beitritt zum „Islamischen Staat im Irak“ mitbrachten, waren neben ihren Verbindungen zum Netzwerk des gestürzten irakischen Staatsapparats ihre planerischen und logistischen Fähigkeiten. Als Bakr Anfang 2014 eher zufällig einer syrischen Rebellengruppe in die Hände fiel und nach kurzem Feuergefecht getötet wurde, fanden sich bei ihm stapelweise Aufzeichnungen aus der Entstehungsphase des IS. Zusammen mit Zeugenaussagen zeichnen diese ein detailliertes Bild über den organisatorischen Aufbauprozess des IS, mitten im Chaos des syrischen Bürgerkriegs:

Im Tosen des Krieges saß der „Herr der Schatten“, wie ihn ein Nusra-Mann nannte, in der ruhigen Kleinstadt Tal Rifaat und schrieb. Er skizzierte die Verwaltungsstruktur eines Staates bis auf Ortsebene, erstellte Listen zur schleichenden, unbemerkten Infiltration von Dörfern, entwarf Zuständigkeiten, wer wen überwachen sollte. Mit Kugelschreiber zeichnete er die Befehlsketten des Sicherheitsapparates […]. Was Haji Bakr entwarf und was in den folgenden Monaten erstaunlich akkurat umgesetzt wurde, war kein Glaubensmanifest, sondern der technisch präzis entworfene Bauplan für einen „Islamischen Geheimdienst-Staat“. Ein Stasi-Kalifat.“ (S. 30)

Der neue Staat funktionierte gewissermaßen als Franchise-Unternehmen – genau wie man für die Eröffnung einer McDonalds-Filiale irgendwo auf der Welt einen Stapel von Aufgaben- und Ablaufpläne erhält, den man nur umsetzen muss, so gab es bald in Syrien für alle Funktionen innerhalb des Islamischen Staats ausgefeilte Baupläne:

In den Plänen, in denen er die Verwaltung des zukünftigen Staates skizzierte, kamen zwar auch Bereiche vor wie Finanzen, Schulen, Kindergärten, Medien, Transportwesen. Aber immer wieder ging es um das Kernthema, das in Organigrammen und Listen für Zuständigkeiten und Berichtspflichten akribisch abgehandelt wird: Überwachung, Spionage, Morde, Entführungen. Für jeden Schura-Rat, ein allgemeines Aufsichts- oder Beratungsgremium und die zentrale Verwaltungsinstanz, hatte Haji Bakr einen Emir, einen Befehlshaber, für „Ermordungen“, einen Emir für Entführungen, einen für die Scharfschützen, einen für Kommunikation und Verschlüsselung sowie einen zur Überwachung der anderen Emire vorgesehen – „falls sie ihre Arbeit nicht gut machten“. […] Von Anfang an war geplant, dass die Geheimdienste parallel arbeiteten […]. Kurz: Jeder würde jeden überwachen.“ (S. 32f)

Bakr hatte das keinesfalls selbst erfunden:

Sair Abed al Mohammed al-Khleifawi alias Haji Bakr modifizierte lediglich, womit er groß geworden war: Saddam Husseins allumfassenden Geheimdienstapparat, in dem sich niemand, auch kein Geheimdienstgeneral, sicher sein konnte, nicht seinerseits bespitzelt zu werden.“ (S. 33)

Es war dieses bürokratische Räderwerk, das sich in den folgenden Monaten und Jahren in Syrien als höchst erfolgreich erweisen sollte.

Unter falscher Flagge in Syrien

Nach der fast vollständigen Zerschlagung des IS im Irak war Bakr Ende 2012 als Teil einer kleinen Vorhut nach Aleppo in Syrien gegangen. In der schwer durchschaubaren Situation des Bürgerkriegs, in einem Geflecht lokaler Milizen, Dorfräte und paralleler Verwaltungsstrukturen nahm der Aufstieg des IS langsam Gestalt an:

Aber für den Anfang ging es darum, erst einmal Fuß zu fassen. So entstanden, ganz nach Plan, ab Frühjahr 2013 in vielen Dörfern und Städten Nordsyriens Daawa-Büros, unschuldig wirkende Missionierungsstellen, wie sie von zig islamischen Wohltätigkeitsorganisationen weltweit vielfach mit Geldern aus Saudi-Arabien in den vergangenen Jahrzehnten eröffnet wurden. Gegen Daawa ist nichts einzuwenden, harmloser als mit religiöser Bekehrung kann man sich nicht geben. Genau das war der Plan. Es galt, einen Mittelweg zu finden: das Weichbild der Gesellschaft zu kennen, ohne sich von vornherein allzu unbeliebt zu machen und Feinde zu schaffen, die man noch nicht besiegen konnte.

So machte etwa in Raqqa ein Daawa-Büro auf, „aber die sagten nur, sie seien „Brüder“, erwähnten ISI oder al-Qaida mit keinem Wort“, erinnert sich ein aus der Stadt geflohener Arzt. Auch in Manbij, jener großen und seit jeher eher liberalen Stadt im Nordosten de Provinz Aleppo, entstand im Frühjahr 2013 ein Daawa-Büro. „Ich habe das erst gar nicht gemerkt,“, erinnerte sich nach ihrer Flucht 2014 eine junge Bürgerrechtlerin, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen wollte, weil sie immer noch heimlich und vollverschleiert in die Stadt ging: „Jeder konnte aufmachen, was er wollte, aber wir wären gar nicht auf die Idee gekommen, dass irgendwer anderes als das Regime uns bedrohen, die Macht an sich reißen könnte. Erst hinterher, als im Januar die Kämpfe ausbrachen, erfuhren wir, das Da’ish (die arabische Abkürzung für den „Islamischen Staat“) schon vorher mehrere konspirative Wohnungen angemietet hatte, um dort Waffen zu lagern und seine Männer versteckt zu halten.““ (S. 34f)

Es war eine Phase von vielen Vor- und Rückschritten. Stieß man in einem Ort auf Widerstand, zog man sich wieder auf die missionarische Tätigkeit zurück. Lief alles nach Plan, folgte auf die Unterwanderung die stille Beseitigung einflussreicher lokaler Kommandeure und PolitikerInnen. Etwa in Raqqa, einer nicht besonders religiösen syrischen Stadt, die bald zur Hauptstadt des neuen „Kaliphats“ werden sollte:

Raqqa war der Prototyp einer Eroberung durch ISIS, die schleichend begann, langsam brutaler wurde und gegen größere Gegner erfolgreich war, ohne dass wirklich gekämpft worden wäre. Niemand hatte die vollständige Kontrolle über die Stadt, diverse FSA-Gruppen kämpften außerhalb des Stadtgebiets vor der letzten Militärbastion der Armee, die FSA-Kämpfer hielten sich die Waage mit Angehörigen von Nusra, Ahra al-Scham und ISIS. Letzter war im März [2013] mit einer kleinen Schar nach Raqqa gekommen und hatte auch hier ein Daawa-Büro eröffnet. […] Und, noch wichtiger, sie übernahmen die Kontrolle über die Ölquellen in der Umgebung, deren Produktion weitgehend zur Raffinerie in die Hafenstadt Banyas floss und ans Regime verkauft wurde. Während ISIS sich also strategisch in Stellung brachte, hielten sich die Nusra-Front und Ahra al-Scham aus Fragen der Verwaltung und der öffentlichen Ordnung weitgehend heraus. […]

Anfangs noch verdeckt, begann der Würgegriff des ISIS. Dem Plan folgend, den Haji Bakr aufgestellt hatte, folgte der Phase der Unterwanderung nun die Beseitigung jener Personen, die als potenzielle Anführer und Gegner ihrer Machtergreifung ausgemacht worden waren. Die Führungsfiguren ließ man einer nach dem anderen einfach verschwinden. Als Ersten traf es Abdullah Khalil, den Rechtsanwalt und gewählten Vorsitzenden des Stadtrates der Bewohner von Raqqa, der zuvor schon vom Regime verhaftet und gefoltert worden war, bevor er in die Türkei fliehen konnte und im März 2013 zurückkehrte. Mitte Mai verschleppten ihn maskierte Bewaffnete. Alle Gruppen, auch ISIS dementierten hartnäckig, etwas mit seinem Verschwinden zu tun zu haben.“ (S. 127f)

Anfangs noch zahlen- und ausrüstungsmäßig weit unterlegen gegenüber den syrischen Milizen, wurde der IS zunehmend selbstbewusster und aggressiver in seiner Ausdehnung:

Im August schickte ISIS nacheinander mehrere Autos mit Selbstmordattentäter ins Hauptquartier der am wenigsten religiösen FSA-Brigade Ahfadh al-Rasul im ehemaligen Bahnhof von Raqqa, tötete Dutzende Kämpfer und trieb die Übrigen in die Flucht.“ (S. 129)

Bis Mitte 2014 fokussierte sich der IS praktisch ausschließlich auf die Unterwanderung und stille Beseitigung der gegen das Assad-Regime kämpfenden anderen Rebellengruppen, JournalistInnen, MenschenrechtsaktivistInnen und PolitikerInnen. Ein Kampf gegen das Assad-Regime, die „Ungläubigen“, wäre zu dieser Zeit taktisch nicht opportun gewesen, und unterblieb, abgesehen von einigen, in der IS-Propaganda umso stärker übertriebenen Scharmützeln. Die syrischen Rebellen hatten in den meisten Orten eine grobe Ahnung, dass die eigenartige irakische Terrorgruppe des „Islamischen Staats“ hinter den Ermordungen steckte, wollten aber die Eröffnung einer zweiten Front in Syrien vermeiden.

Eine Wende trat ein, als sich die syrischen Rebellengruppen Anfang 2014 gegen den IS zusammenschlossen – und koordiniert gegen ihn vorgingen. Überrascht wurde davon offensichtlich nicht nur der IS, der sich durch ein Netzwerk von Allianzen und Geheimverträgen mit den stärkeren Rebellengruppen abgesichert glaubte. Haji Bakr, der Stratege des IS, fand sich plötzlich in einem von Rebellen überrannten Gebiet wieder, während das Kommando, das ihn abholen sollte, in einen Hinterhalt geriet. Überrascht, von den Resultaten, waren auch die Rebellen, die in vielen Orten feststellten, dass die IS-Truppen viel schwächer waren als angenommen. Die Effektivität der IS-Angriffe hatte auf der zentralen Koordination beruht, auf dem Ausspielen der verschiedenen Fraktionen gegeneinander, und auf der schnellen Verlegung der ausländischen, maskierten Kämpfer.

Dass die Vertreibung des IS 2014 aus Nordsyrien nicht gelang – aus Raqqa war er zwischenzeitlich fast vollständig vertrieben – lag nicht allein an seinen Selbstmordattentätern, die nun überall in Syrien in Kontrollposten und Quartiere der Rebellen gingen, oder der Verstärkung mit irakischen Kämpfern. Dass der IS überlebte, lag auch wesentlich an der Unterstützung durch das syrische Regime, dessen Luftwaffe nun überall dort Rebellenmilizen bombardierte, wo der IS in Bedrängnis geriet. Es gibt im Buch eine lange Liste von Vorfällen, wo Assads Flugzeuge und Helikopter just in dem Moment aufkreuzten, wo ein Ort nach mehreren Monaten der IS-Herrschaft befreit wurde – während sie vorher selbst mit Flaggen ausstaffierte IS-Hauptquartiere stets in Ruhe gelassen hatten. Tatsächlich war der IS dem Regime höchst nützlich nicht nur im Kampf gegen die Rebellen, sondern auch für die propagandistische Darstellung des eigenen Fassbomben- und Chemiewaffenterrors: man massakrierte keine rebellische Zivilbevölkerung, sondern stand islamistischen Terroristen gegenüber – jedenfalls in der Theorie. Ein ganzes Kapitel des Buches widmet sich den Belegen, dass die ersten Attentate der bis 2012 komplett unbekannten „Al Nusra-Front“ vom Regime, mit Hilfe iranischer Bombenexperten, inszeniert wurden.

Das Buch beschreibt detailliert die weitere Geschichte des Aufstiegs des IS: von seiner Konsolidierung in Syrien, die durch die bekannten Unterwanderungstaktiken lange vorbereitete, blitzartige Eroberung von Mosul, die Erbeutung ungeheurer Waffenbestände, der Zulauf durch die sunnitische Bevölkerung im Irak, die den IS, anders als in Syrien, als Befreier begrüßte. Die Rückkehr nach Syrien, wo der IS nun, mit erbeuteter amerikanischer Waffentechnik, dem Regime den Krieg erklären kann. Das Buch erläutert detailliert das militärische Vorgehen des IS, seine logistische Überlegenheit in der schnellen Verlegung der Truppen, sowie seine gezielt eingesetzte Schreckenspropaganda – bis hin zu auf dem ersten Blick unerklärlich wirkenden, nachgestellten Enthauptungsvideos und falschen Berichten über selbst begangene Massenhinrichtungen. Schlussendlich vom Leben unter der IS-Besatzung in Syrien und im Irak – und der geringen Hoffnung, dass es angesichts der Alternativlosigkeit der dortigen Bevölkerung eine Erhebung der lokalen Bevölkerung gegen den IS geben wird.

Ein Staat neuer Qualität

Der Islamische Staat ist, wie eindrücklich dargestellt, kein neuer religiöser Fundamentalismus und auch keine bloße Neuauflage von al-Qaida. Der IS stellt sich im inneren als kaltblütig-technische Organisation dar, die hinter allen religiösen Proklamationen einen zynisch-pragmatischen Kurs wechselnder Zweckallianzen verfolgt, und den religiösen Mantel genau in dem Maße nutzt, wie er ihren aktuellen Zielen dienlich ist:

Dabei liegt das radikal Neue am „Islamischen Staat“ gar nicht in sklavischer Glaubensergebenheit und Gottvertrauen – sondern in dessen Gegenteil. Der IS glaubt nicht und hofft schon gar nicht, sondern verfolgt mit strategischer Planung und nüchterner Berechnung seine Ziele. Dabei wird so wenig wie möglich dem Zufall – oder der Glaubenshoffnung – überlassen. Der nüchterne Einsatz von Lügen, der vollkommen unideologische Wechsel taktischer Allianzen, das absolute Misstrauen allen gegenüber inklusive der eigenen Emire, das ausgefeilte System von Bespitzelung und Kontrolle, all dies hat in den vergangenen Jahrzehnten noch nie eine Dschihadistenformation so kaltblütig ausgeführt.“ (S. 204)

Zum Ende des Buches, im Frühjahr 2015, kann man sich in Raqqa wieder Zigaretten kaufen – aber nur unter horrenden „religiösen“ Steuern, denn der IS ist inzwischen knapp bei Kasse. In seinem zynischen taktischen Vorgehen, das nicht auf irgendeine religiöse Befreiung, sondern der blanken Unterwerfung der muslimischen Bevölkerung beruht, unterscheidet sich der IS von seiner Vorläuferorganisation, al-Qaida, die er lange hinter sich gelassen hat:

Im Kontrast dazu muss al-Qaida als Bewegung gesehen werden, die immer wieder daran gescheitert ist, zu sehr zu glauben. Vor allen Dingen an die eigenen Hoffnungen zu glauben, statt die realen Verhältnisse für sich zu nutzen. Die frühen Führer von al-Qaida glaubten an Gott, an die muslimischen Massen, die sich in seinem Namen erheben würden gegen ihre jeweiligen Regime und gegen die Übermacht des gottlosen Westens. […] Weiter als bis zu Terror und Massenmord sind Bin Laden und Co. nicht gekommen. Nüchtern gesehen waren sie religiöse Romantiker, die in ihrer Illusion über das revolutionäre Potenzial der Massen den europäischen Linksterroristen der siebziger Jahre ähnelten. Auch die glaubten, dass ihr Terror gegen die Symbolfiguren des „Schweinesystems“ über den Umweg der folgenden staatlichen Repression die Massen zum Aufstand bewegen würden. Und auch das ging bekanntermaßen schief.“ (S. 206f)

Dementsprechend sind seine mit religiösen Floskeln und Zitaten daherkommenden Rechtfertigungen, etwa der Versklavung der Jesidinnen, keiner wie auch immer abwegigen Korangläubigkeit zuzuschreiben, sondern sind blanke Proklamationen der eigenen Herrschaft:

Dies alles als widerwärtige Rechtfertigung zu verdammen, griffe für eine Analyse zu kurz: Denn es war keine Rechtfertigung mehr, es gibt im Kosmos des IS keine Instanz, vor der irgendetwas zu rechtfertigen wäre – außer Gott, aber in dessen Namen sind sie ja unterwegs. Der „Islamische Staat“ schafft sich eine eigene, in sich konsistente Welt, die sich an nichts mehr messen muss.“ (S. 227f)

Leseempfehlung

Der große Vorzug des Buches besteht in dem, was wir vorsichtig einen kritischen Realismus nennen möchten. Es ist zuvorderst eine unprätentiöse, auf Unmengen von Quellen, Aussagen und Vor-Ort-Recherchen des Autors basierende journalistische Darstellung. Für eine Analyse der gegenwärtigen Krisenprozesse sind wir auf solche Arbeiten angewiesen – mehr denn je, denn es wird immer schwieriger, ein realistisches Bild der Situation außerhalb Europas zu bekommen. Die geläufigen Darstellungen des IS, einmal als Geisterhorde aus dem 7. Jahrhundert – bombardierbar, aber nicht erklärbar –, das andere Mal als Geschöpf wahlweise des amerikanischen, türkischen oder saudi-arabischen Imperialismus, erklären dagegen gar nichts. Der IS als Ausgeburt der Vormoderne oder als Puppe von Washington, Istanbul oder Riad? – Alles unter Kontrolle, wenn auch vielleicht in den falschen Händen.

Was diese geläufigen „Erklärungen“, die sich mit keiner Empirie zu vermitteln versuchen, leisten, ist vor allem die Beruhigung des Publikums, wie immer auch des linken: entweder ist der Islamische Staat ein unerklärlicher Einbruch der Vormoderne, oder aber es ist schlussendlich nur der alte Imperialismus von vor einhundert Jahren, die Konkurrenz der Staaten um Ressourcen, Bevölkerungen und Absatzmärkte. Dagegen gilt es heute zu begreifen, dass der Phänomene wie der IS gerade auf dem Boden der zerfallenden kapitalistischen Weltordnung erwachsen, und wesentlich auf eigenen Füßen stehen. Der IS mag viele staatliche Sponsoren gehabt haben und haben, seinen Siegeszug verdankt er wesentlich sich selbst. Er ist die Rache des kapitalistischen Staats an seiner eigenen Bevölkerung – der jetzt als Geheimdienst- und Mordapparat organisierte Staat, der keinen Zweck verfolgt, außer der inhaltslosen Reproduktion der eigenen Herrschaft. Die Krisenrealität außerhalb Europas ist bereits wesentlich krasser, als wir es wahrhaben möchten. Gegen die verschiedenen Spielarten der Krisenverleugnung ist die nüchterne Darstellung der Wahrheit eine revolutionäre Tat. Das Buch hat unsere unbedingte Leseempfehlung.

Literatur

Christoph Reuter 2015: Die schwarze Macht: Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors. 352 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt. 19,99 Euro

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