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Der Freier

09.09.2016

11.03.16  | Nachrichten

Donald Trump, die AfD und der Faschismus des 21. Jahrhunderts

In den USA wird die Nominierung Donald Trumps zum Präsidentschaftskandidatenn immer wahrscheinlicher. In Deutschland wurde die AfD bei den Kommunalwahlen aus dem Stand die drittstärkste Partei. Die bürgerliche Mitte und das linksbürgerliche Milieu sind ratlos: sie können sich den Erfolg dieser anti-politischen Parteien nicht erklären, ja noch nichteinmal rational vorstellen. Genauso wie sie sich einen Hitler und einen Islamischen Staat nie erklären konnten. Tatsächlich drängt die ganze kapitalistische Gesellschaft auf eine neue faschistische Revolutionierung – diesmal aber im Gewand des 21. Jahrhunderts.

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Die Nominierung Donald Trumps zum Präsidentschaftskandidaten in den USA wird mit jedem Tag wahrscheinlicher. Beim „Super Tuesday“ vergangene Woche lag Trump in sieben der zehn an diesem Tag abstimmenden Bundesstaaten vor seinen republikanischen Konkurrenten. Wie sich zeigte, waren alle Versuche des republikanischen Establishments und der republikanischen Medienkonzerne bisher nicht in der Lage, die Popularität Trumps bei den republikanischen WählerInnen zu brechen. Inzwischen hat er bei den Vorwahlen 25 % Vorsprung vor dem Zweitplatzierten, Ted Cruz. Noch ist nichts entschieden, aber solange niemand einen Grund für eine Wende angegeben kann, ist nicht einzusehen, warum sich dieser Siegeszug Trumps nicht fortsetzen sollte.

Die Anziehung, die von Trump ausgeht, lässt sich kaum besser verstehen als durch den Vergleich mit seiner voraussichtlichen Kontrahentin aus dem demokratischen Lager, Hillary Clinton, die den Pseudo-„Sozialisten“ Bernie Sanders bereits mit 30 % Stimmenvorsprung hinter sich gelassen hat. Chris Hedges, einer unserer amerikanischen Lieblingskommentatoren, schreibt dazu treffend auf truthdig.org:

„Es waren akademisch gebildete Eliten, die im Auftrag der Konzerne den brutalen Angriff auf die arbeitenden Massen ausführten. Nun müssen sie dafür bezahlen. Ihre Doppelzüngigkeit – verkörpert von PolitikerInnen wie Bill und Hillary Clinton und Barrack Obama – war jahrzehntelang erfolgreich. Diese Eliten, viele von den Eliteunis der Ostküste, sprachen die Sprache der Werte – Anstand, Inklusion, eine Verdammung offenen Rassismus’ und Hasses, eine Sorge um die Mittelschicht – während sie im Auftrag ihrer kapitalistischen Meister das Messer in den Rücken der Unterschicht stießen. Dieses Spiel ist nun vorbei.

Es gibt dutzende Millionen AmerikanerInnen, besonders aus der weißen Unterschicht, die zu Recht wütend sind auf das, was ihnen, ihren Familien und ihren Communities angetan wurde. Sie sind aufgestanden, um die neoliberale Politik und „political correctness“, die ihnen von akademisch gebildeten Eliten beider Parteien aufoktroyiert wurde, zurückzuweisen: die amerikanische weiße Unterschicht sehnt sich nach einem amerikanischen Faschismus.“

Und weiter:

„Diese AmerikanerInnen wollen eine Art von Freiheit – die Freiheit zu hassen. Sie wollen die Freiheit, Worte wie „Nigger“ […] zu verwenden. Sie wollen die Freiheit, Gewalt und Waffen zu verherrlichen. Sie wollen die Freiheit, Feinde zu haben und Moslems, illegalisierte MigrantInnen, Schwarze, Homosexuelle und alle, die ihren Kryptofaschismus [crypto fascism] kritisieren, körperlich anzugreifen. Sie wollen die Freiheit, die von den akademischen Eliten verurteilten historischen Bewegungen, wie den Ku-Klux-Klan und die Konförderierten, zu feiern. Sie wollen die Freiheit, Intellektuelle, Ideen, Wissenschaft und Kultur zu verlachen und abzulehnen. Sie wollen die Freiheit, diejenigen, die ihnen sagen, wie sie sich benehmen sollen, zum Schweigen zu bringen. Und sie wollen die Freiheit, sich Hypermaskulinität, Rassimus, Sexismus und weißem Patriarchalismus hinzugeben. Dies sind die Gefühle, die im Kern des Faschismus liegen. Sie werden hervorgebracht durch den Kollaps des liberalen bürgerlichen Staats.“

Dabei deutet derzeit alles darauf hin, dass in einem Rennen Trump vs. Clinton derzeit Trump vorn liegt:

„Die Republikaner, angetrieben durch die amerikanische Reality-Show-Version von Il Duce, Donald Trump, konnten viele WählerInnen für sich gewinnen, besonders neue WählerInnen, während die Demokraten weit hinter der Wahlbeteiligung von 2008 zurückblieben. Im Super Tuesday wurden 5,6 Millionen Stimmen für die Demokraten abgegeben, während die Republikaner 8,3 Millionen erhielten. 2008 waren die Zahlen praktisch umgekehrt – 8,2 Millionen für die Demokraten und etwa 5 für die Republikaner.“

Und man darf davon ausgehen, dass die Wahlbeteiligung auf Seiten der Demokraten nach dem absehbaren Ausscheiden des (Pseudo-) „Anti-Establishment“-Sanders eher sinken dürfte.

Der neue Faschismus ist real

Das Hauptproblem der meisten linksbürgerlichen KommentatorInnen ist, dass sie sich einen Wahlsieg Trumps partout nicht vorstellen können, genausowenig wie einen der AfD in Deutschland. Die sich auf Hass gegen ImmigrantInnen und offenkundig irrationale Weltbilder reduzierende Programmatik dieser Leute und Parteien steht außerhalb all dessen, was im vergangenen halben Jahrhundert auf der politischen Bühne gegeneinander gefochten hat. Sie stehen für keine Positionierung innerhalb des Spektrums bürgerlich-demokratischer Alternativen, sondern für die Übertretung desselben, für die Machtergreifung, die Aufhebung bürgerlicher Gesetze, die Lynchjustiz und den Schießbefehl. Sie stehen für den Ersatz der argumentativen Rechtfertigung der eigenen Position durch die Verhöhnung der politischen Gegner. (Siehe zum „Wahlprogramm“ Trumps ausführlicher: Make America great again!, Ausgabe 15/2015.)

Die gesamte bürgerliche Presse tut Trump & Co. als unbegreiflichen Irrationalismus ab. Sie rotiert immer schneller darin, seinen Rassismus und Sexismus moralisch anzuklagen und zu verurteilen – verstehen kann sie ihn nicht mehr. Sie hofft, dass dieser Einbruch der Irrationalität zu Ende geht wie ein bizarrer Traum. Es ist nicht nur die faschistische Begeisterung der Massen für einen Trump, die an 1933 erinnert, sondern ebenso die Naivität und Ignoranz aller KommentatorInnen. Auch 1933 war ein Wahlsieg Hitlers, war ein neuer Weltkrieg, war die Vernichtung der europäischen Juden unvorstellbar, gleichwohl doch alles von Hitler angekündigt und beworben wurde. „Wir haben uns Herrn Hitler engagiert. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“, meinte bekanntlich der Vizekanzler Franz von Papen im Jahre 1933.

In ein paar Monaten werden auch die heutigen KommentatorInnen sagen, dass ein Trump, einmal Präsident, durch die Einbettung in internationale Verträge gezähmt werden wird. Dass er die Realitäten und Sachzwänge erkennen wird. Dass er von seinem Programm der Ausweisung von 10 Millionen ImmigrantInnen und dem Einreiseverbot für alle Muslime Abstand nehmen wird. Dass ihn doch alle möglichen Gründe daran hindern müssen, der Armee zu befehlen, die Familienmitglieder von Terroristen zu töten. Mit Trump überschreitet die bürgerliche Gesellschaft eine Grenze, hinter der sie sich selbst nicht mehr begreifen kann. Anstatt in die moralische Denunziation und demokratische Exterritorialisierung Trumps einzustimmen, besteht unsere Aufgabe gerade darin, zu begreifen, warum die bürgerliche Gesellschaft heute einen Trump ausbrütet – und warum ihm die Massen so begeistert zuströmen.

Die Sehnsucht nach dem neuen Faschismus

Wie im eingangs angeführten Zitat angedeutet, wird Trump nicht aufgrund irgendeines materiellen Vorteils gewählt – einen solchen verspricht er kaum – sondern aus dem Bedürfnis nach Ablehnung von „political correctness“ und akademischer Bevormundung – ein Bedürfnis, das zugleich als Rebellion erscheint. Es ist das autoritäre und faschistische Bedürfnis eines „von oben“ abgesegneten Tabubruchs, für welches das genaue Wahlprogramm eines Trumps – etwa, ob er die Peripherie nun flächendeckend einäschern, oder ob er alle amerikanischen Truppen abziehen will – recht gleichgültig ist.

Gleichwohl bleibt es unzureichend, Trump und die faschistische Begeisterung für ihn allein aus einer psychischen Regung der Subjekte zu erklären. Es sind nicht allein die Subjekte, die zum Faschismus drängen; es ist die kapitalistische Gesellschaft selbst, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit aller Kraft zu einer neuen faschistischen Revolutionierung drängt, und erst vor diesem Hintergrund kann der tatsächliche Inhalt von Trumps Programm begreifbar werden. Der eingangs zitierte Chris Hedges befindet sich hier auf dem Holzweg, wenn er den Inhalt des neuen Faschismus in einer bloßen Wiederauflage des historischen sieht, etwa wenn er zustimmend Robert Paxtons „The Anatomy of American Fascism“ zitiert:

„Die Sprache und Symbole eines authentischen amerikanischen Faschismus würden natürlich wenig mit seinen europäischen Modellen gemeinsam haben. Sie würden loyalen AmerikanerInnen genauso vertraut und beruhigend erscheinen, wie die Sprache und Symbole des ursprünglichen Faschismus für viele ItalienerInnen und Deutsche vertraut und beruhigend erschien […]. Keine Hakenkreuze im amerikanischen Faschismus, aber „Stars and Stripes“ (oder „Stars and bars“ [Gitterstäbe]) und christliche Kreuze. Kein faschistischer Gruß, sondern Massenrezitationen des Fahneneids.“

Diese Suche nach organisatorischen Analogien zum historischen Faschismus, nach neuen Massenorganisationen und Massenritualen, ist falsch: sie übersieht gerade das Moderne und Zeitgemäße des neuen Faschismus.

Der historische Faschismus und die Modernisierung der bürgerlichen Gesellschaft

Denn warum waren Massenorganisationen und die Millionenarmeen ein Kernelement des Faschismus der 1930er? – Weil seine historische Aufgabe darin bestand, eine neue Entwicklungsstufe der kapitalistischen Gesellschaft durchzusetzen. Die vorgefundene bürgerliche Gesellschaft der Weimarer Zeit war zersplittert in Klassen, durchsetzt mit feudalen Resten der Kaiserzeit und Überbleibseln vor-kapitalistischer Produktionsweisen gerade in der Landwirtschaft. Dementsprechend war sie der Ort beständiger Auseinandersetzungen und Konflikte. Die Gesamtheit der kapitalistischen Gesellschaft, verkörpert durch die Nation, war eher ein äußerer Rahmen, innerhalb dessen die Individuen agierten, und blieb genauso heterogen und in sich zersplittert wie die Bevölkerung und die Produktion. Diese Zersplitterung aber limitierte den Zugriff der kapitalistischen Gesellschaft auf die Individuen, die mit einem Bein immer noch außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft standen.

Die nächste Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung bedingte die Auslöschung aller dieser zum Teil nicht-kapitalistischen, zum Teil bereits auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft gewachsenen Widersprüche. Für die Durchsetzung der fordistischen Fließbandproduktion brauchte es disziplinierte Arbeiter, die die kapitalistischen Anforderungen verinnerlicht hatten und keiner Aufsicht bedurften. Der kapitalistische Zugriff auf die Bevölkerung über Nation und Staat setzte ebenso einen einheitlichen „Volkskörper“ voraus, wie er einheitliche, keinen anderen Anforderungen und Traditionen verpflichtete Individuen voraussetzte.

Diese Umwälzung zu vollziehen, in der die kapitalistische Gesellschaft sich die Individuen total aneignete, gelang keiner der Weimarer Parteien, weder der Sozialdemokratie, noch den Liberalen oder Konservativen. Allein der Faschismus war in der Lage, diesen Knoten der kapitalistischen Gesellschaft zu durchschlagen und den Weg für das nächste Akkumulationsmodell zu bereiten. Um die benötigten Arbeitsheere zu schaffen, schuf der Faschismus die Heere der Wehrmacht. Um alles Leben der Individuen außerhalb der kapitalistischen Produktion auszulöschen, organisierte er ihre Freizeit in Massenorganisationen, verinnerlichte den Individuen in Sport und Eisbädern die Kontrolle über ihren Körper, und versuchte, wenigstens seinem Anspruch nach, noch die Sexualität der Individuen der Nation, sprich: dem Gesamtkapital, unterzuordnen. Die Vernichtung der Jüdinnen und Juden war zugleich die symbolische Vernichtung alles Nichtaufgehenden, aller außerhalb der homogenen Nation stehenden Reste an den einzelnen Individuen selbst.

Dass dies alles keineswegs zufällige deutsche Erfindung war, zeigen ähnlichen Tendenzen zur „Massenorganisation“ des gesellschaftlichen Lebens in allen kapitalistischen Staaten in den 1930ern, insbesondere in Stalins Sowjetunion und Roosevelts USA, wo der Staat die in der Krise entwurzelten ArbeiterInnen und FarmerInnen in quasi-militärisch organisierte Massenorganisationen für gigantische Infrastrukturprojekte herüberzog (Civilian Conservation Corps).

Schlussendlich gelang der totale Zugriff auf die Individuen nur durch den absichtlich herbeigeführten Weltkrieg, die Versetzung der Individuen in diese künstliche Bewährungsaufgabe, in der sie zu ihrem eigenen Überleben gezwungen waren, die vom Faschismus gewollte Unterordnung und Disziplinierung zu vollziehen. Die künstlich herbeigeführte Katastrophensituation hatte einen zentralen Platz in der faschistischen Ideologie.

Insofern diese unumkehrbare Unterwerfung gelang, war Hitlers faschistische Revolution erfolgreich. Sie bildete den Ausgangspunkt für die fünfzig Jahre kapitalistische Akkumulation.

Die Aufgabe des neuen Faschismus

Vor diesem Hintergrund liegt auf der Hand, dass die faschistische Umwälzung, zu der die kapitalistische Gesellschaft heute drängt, keine Wiederholung des historischen Faschismus sein kann. Eine bloße Wiederholung, ein Zurück zu Massenorganisationen und Massenarmeen, wäre heute objektiv sinnlos. Der historische Faschismus, der seine Umwälzung in dieser Form vollzog, war erfolgreich, der totalitäre gesellschaftliche Zugriff auf die Individuen ist Realität und braucht kein zweites Mal durchgesetzt zu werden.

Ebenso sind die Massenorganisationen selbst unzeitgemäß. Sie entsprechen einer Entwicklungsstufe der Produktivkräfte, in der die Produktion auf disziplinierten Fließbandarbeitern, „skilled workers“, beruhte. Gleiches gilt für die mechanisierten Massenheere der Weltkriegsepoche. Die heutige Produktion – ebenso wie der heutige Krieg – sind digital und automatisiert. Sie beruhen nicht auf disziplinierten Facharbeitern, sondern auf „knowledge workers“, die die zur Steuerung der Produktion notwendigen Computer- und Maschinenmanipulationen ausführen. Die neuen Technologien (man denke an 3D-Drucker und Industrie 4.0, d.h. die erstmals mögliche und rentable vollautomatische Produktion ab einer Stückzahl nicht von einigen 100.000, sondern von 1) brauchen keine quasi-militärisch organisierten Arbeiterheere, sondern vereinzelte SpezialistInnen.

Dementsprechend hat sich auch die Sozialstruktur der kapitalistischen Gesellschaft seit den 1980ern gewandelt. In einem historischen Prozess hat sich die bürgerliche Gesellschaft in eine Gesellschaft vereinzelter Individuen aufgelöst – eine Zersplitterung allerdings, die die totalitäre Unterordnung der Individuen nicht rückgängig macht, sondern sich auf dem Boden derselben vollzieht. Die atomisierten kapitalistischen Individuen haben kein Leben außerhalb dieser Gesellschaft mehr.

Der neue Faschismus will die Vereinzelung nicht rückgängig machen, sondern setzt sie geradezu voraus. Er will nicht zurück zu Massenorganisationen und Massenheeren, denn dies wäre heute einfach nur sinnloser Anachronismus. Hinter Trump stehen auch keine Massenorganisationen mit ihren Militärparaden, sondern Millionen vereinzelter FernsehzuschauerInnen mit ihrem individuellen autoritär-faschistischem Bedürfnis, dass ihr Hass wieder legitimiert werde.

Die Frage, die sich uns stellt, ist dann aber: worauf will der neue Faschismus hinaus, welches neue kapitalistische Akkumulationsmodell ist es, das nur gewaltsam hervorgebracht werden kann? An welcher Schranke steht die kapitalistische Gesellschaft heute, die sie ohne ihn nicht überwinden kann? Wie geht es nach der Vereinzelung weiter?

Zur aktuelle Schranke der kapitalistischen Gesellschaft ist die Nation selbst geworden. Der Fortschritt der Produktivkraft der Arbeit wirft immer mehr Menschen auch innerhalb der kapitalistischen Zentren aus der Produktion – und trotzdem bleibt die bürgerliche Politik, bleibt der Nationalstaat für alle zuständig, für die „produktiven“ wie für die „überflüssigen“. Der Staat ist, wie zähneknirschend auch immer, darauf verpflichtet, auch die Überflüssigen – seien es die Hartz IV-BezieherInnen, seien es die im globalen Maßstab „überflüssigen“ Flüchtlinge – mitzuversorgen. Diesen Knoten konnten, trotz aller ernsten Bemühungen, selbst die SozialdemokratInnen, die CDU oder die Grünen, weder ein Bush noch ein Obama lösen. Was die „sozialen Programme“ von Trump bis AfD heute dagegen als Ideal offen aussprechen, ist genau dieser anstehende Zerfall der Bevölkerung in einzelne „profit center“ – wobei hiermit nicht mehr, wie in der gegenwärtigen ökonomischen Sprache, einzelne profitable kapitalistische Betriebe oder Regionen, sondern einzelne profitable Menschen gemeint sind. Allein diesen kapitalistisch „produktiven“ Individuen soll die staatliche Politik und Gewalt verpflichtet sein – während sie für alle anderen nur das Recht auf die Kugel vorsieht, egal ob am Grenzzaun oder in den sicher bald auch für Arbeitslose entstehenden „Hot Spots“ im Innern. Seine WählerInnen mögen sich eine geringe materielle Verbesserung unter Trump versprechen:

„Vielmehr personifiziert Trump, der Gewinner, dem alle anderen egal sind, die Hoffnung des zunehmend abgehängten Mittelschichtsproletariats, dass dieser materielle Erfolg – koste er (die anderen) was er wolle – mit Trump als US-Präsidenten auch zurück in die USA als selbstbewusste Supermacht kommt.“ (Make America great again!, Ausgabe 15/2015)

Wichtiger aber ist ihnen die Aufkündigung der Solidarität mit den Herausgefallenen. „Wir zahlen nicht für eure Krise!“, rufen die Trump-WählerInnen diesen zu. Es tut nichts zur Sache, dass sie es gar nicht sind, die für Flüchtlinge und Arbeitslose zahlen; sie wollen gezeigt bekommen, wie diesen jeder Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe, noch auf das Existenzminimum verweigert wird. Sie verstehen es gern, wenn ihnen gesagt wird, dass für sie selbst zur Zeit leider nicht mehr als Bohnensuppe übrig ist – aber sie verstehen es nicht, dass für andere, die nicht „profitabel“ sind, irgend etwas übrig sein sollte. Die eigentliche soziale Basis von Trump und AfD sind nicht die absoluten Unterklassen, die Herausgefallenen, sondern die kurz davor stehenden, die jede Vorstellung hassen, für die Unverwertbaren bezahlen zu müssen. Darüber hinaus ist das Programm Trumps aber inklusiv, wie er selbst sagt: durch die Zusage zu diesem Programm der vollständigen Entsolidarisierung können selbst die tatsächlich Herausgefallenen noch symbolisch am Erfolg der Wenigen partizipieren – denn wenigstens im Hass und im Todesurteil gegen die Unteren stehen sie mit ihnen auf derselben Seite. Kaum verwunderlich, gibt es selbst Muslime und Schwarze unter den Trump-Fans.

Diese Auflösung der „Nation“ und der Bevölkerung, das Ende der Zeit, in der die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Staat privilegierte und zum Bezug von Sozialleistungen berechtigte, ist es, was Trump und Co. predigen. Der Fehlgriff der NPD, die ihre Wahlkampfparole „Konsequent abschieben“ auf Wahlplakaten mit „Unser Volk zuerst!“ unterschrieb, bringt dieses Programm unfreiwillig auf den Punkt. Schießbefehl und Zweiklassenjustiz – willkürliche Bestrafung und Gängelung für die einen, Straffreiheit für die anderen – sind die Kernelemente dieser neuen Umwälzung.

Die Durchsetzung eines neuen Gesellschaftsideals

Mit dieser Aufspaltung der Bevölkerung in „profit center“ und „Überflüssige“ einher geht notwendig das Aufbrechen aller Differenzen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Der Kapitalismus wird auch auf der kulturellen Oberfläche wieder zur Angelegenheit weißer westlicher Männer. Ihr „Recht auf Familie“, das in allen diesen faschistischen Wahlprogrammen vorkommt, ist dabei keine konservative Wiederherstellung der Kleinfamilie, als welches es erscheint, sondern impliziert eine Familie neuen Typs, in der die Frau als austauschbare „Dienstleisterin“ ohne staatliche und gesellschaftliche Absicherung auftritt. Sie kann jederzeit weggeschoben werden, ohne Recht auf Kinder oder Unterhalt. Sie ist nicht traditionell untergeordnet, aber auch nicht mehr traditionell durch Konvention und Unterhaltsrechte abgesichert. Sie erscheint genau so, wie sie in der „Sexarbeits“-Geschichte idealisiert wurde: als prekäre, doppelt freie Warenverkäuferin, welche jedoch keine Ware außer ihrer „personenbezogenen Dienstleistungen“ zu verkaufen hat. Zur Freiheit der „profit center“-Männer – Arbeiter, kleiner Angestellter, Manager und Kapitalisten – gehört auch das Recht, sich alle anderen Menschen kaufen zu können – als Gärtner, Haushaltshilfe oder Prostituierte.

Zur Durchsetzung dieses neuen Modells kapitalistischer Vergesellschaftung ist keine der sozialdemokratischen und konservativen Parteien in der Lage. Man mag darauf hinweisen, dass die meisten Programmpunkte Trumps auch bei seinen konservativen republikanischen Mitbewerbern in abgeschwächter Form vorkommen, doch liegen hier Welten dazwischen. Sie verhalten sich zu Trump wie der hässliche, auf die nationalistische Karte setzende Reichskanzler Brüning zu einem Hitler. Sie alle hängen der anachronistischen Idee an, dass es das Ziel der Politik sei, irgendein Auskommen, wie schlecht auch immer, für alle Teile der amerikanischen bzw. deutschen usw. Bevölkerung zu schaffen.

Genauso wie die Durchsetzung des totalen Zugriffs auf die Individuen durch den historischen Faschismus wird auch diese Durchsetzung nicht ohne Widerstand, und daher ohne Gewalt möglich sein. Auch der Krieg gewinnt dabei ein neues, gewissermaßen digitales und individualisiertes Gesicht, nämlich nicht mehr als Kampf der Massenheere, sondern als hochtechnologisierte Verwüstung der Welt der Überflüssigen, wie dies derzeit von Russland in Syrien und der Türkei in Kurdistan bereits praktiziert wird. In absehbarer Zeit können sich die Erfolgreichen der Gesellschaft in ihren Fernsehsesseln in den Livestream von Drohne 311 hineinklicken, wie diese in den Athener Flüchtlings- und Armenghettos auf Menschenjagd geht. Faschismus und Krieg sind untrennbar.

Der neue Faschismus hat keine Zukunft

Soll die bürgerliche Gesellschaft weitergehen, ist dieser faschistische Durchgang unvermeidlich. Es ist keine bloß faschistische Option, die hier gespielt wird, sondern der Faschismus ist der objektiv anstehende nächste Schritt der kapitalistischen Entwicklung. Trump oder die AfD mögen aufgrund welcher Zufälle auch immer scheitern, die objektive Notwendigkeit der Revolutionierung, für die sie stehen, vergeht dadurch nicht.

Dies heißt jedoch nicht, dass der neue Faschismus deshalb die kapitalistische Gesellschaft retten kann. Das grundsätzliche Problem, dass die zur Versorgung der Massen benötigten Waren mit immer weniger Arbeitskraft herstellbar sind, kann er nicht beseitigen, und damit auch die Profitabilität des Kapitals nicht mehr herstellen. Ungeachtet aller absehbaren Verwüstung des nächsten Weltkriegs gibt es kein Zurück mehr hinter den erreichten Stand der Produktivkräfte. Die Masse an Gebrauchswerten, die eine einzelne Arbeitskraft erzeugt, wird auch nach dem Krieg dafür reichen, zehn Arbeitskräfte zu versorgen – deren Arbeitskraft somit nicht benötigt wird, und die somit auch kein Geld haben, die für sie bestimmten Waren zu kaufen. Der kapitalistische Betrieb, der die erste Arbeitskraft anstellt, wird seine eigenen Abnehmer nie mehr finden. Produktion und Konsumtion lassen sich auf kapitalistischer Basis nicht mehr zusammenführen.

Der neue Faschismus wird kommen, aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist er kein Steigbügel für irgendein neues Akkumulationsmodell mehr. Der Fortschritt der Verwertung und die Zerstörung ihrer eigenen Grundlagen verschmelzen. Es lässt sich gar nicht mehr sagen, ob dieser neue Faschismus einen Ruhepunkt des kapitalistischen Gesellschaft vor ihrem Zusammenbruch ist, oder nichts als der objektive Vollzug und die Beschleunigung dieses Zusammenbruchs selbst. Er ist zugleich ein Aufbäumen dieser Gesellschaft gegen ihre Krise, wie die totale Auslieferung an diese Krise.

Wie Anfang der 1930er Jahre befinden wir uns heute in einer epochalen und historischen Krise, und müssen uns unbedingt von aller Naivität, allem Optimismus, allem Glauben an „Werte“, „zivilisatorische Mindeststandards“ und alle Verdrängung von „Unmöglichem“ verabschieden. Die Zukunft dieser Gesellschaft wird hässlich – und zwar hässlicher, als wir es uns in den schlimmsten Träumen vorstellen können. Das Kapital kam, wie Marx schrieb, „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ zur Welt. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sein Ende irgendwie besser sein sollte als sein Anfang.

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