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Der Freier

09.09.2016

04.03.16  | Kritik

Aus dem Land der Robotermenschen

„Uns geht es doch gut hier.“ Diesen Satz hört man die Tage öfter, wenn es darum geht, Menschen davon zu überzeugen, dass sie in barbarischen Verhältnissen leben, die ihnen langsam die Luft zum Atmen abschnüren. Wie gut es uns wirklich geht, in dem Land, das Ortsfremde auch mal als „dort wo die Robotermenschen wohnen“ bezeichnen, möchten wir mit einigen Blicken auf die Realität noch verdeutlichen.

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Wir haben Arbeit

Die seit mindestens 200 Jahren immerselben Tatsachen vorneweg, gerade weil sie durch Gewöhnung aus dem Bewusstsein zu rutschen sich angewöhnt haben: Wir müssen arbeiten, um essen zu dürfen. Wir müssen arbeiten, um wohnen zu dürfen. Wir müssen arbeiten um leben zu dürfen. Und nein: Wir arbeiten nicht, damit unser Essen hergestellt wird, oder es uns besser geht, sondern wir arbeiten für das abstrakte Prinzip der Selbstverwertung des Kapitals – dass immer mehr produziert werden kann, um immer mehr zu verkaufen, um immer mehr Reichtum in immer weniger Händen zu konzentrieren. Ob das nun Häuserbau oder „Granatendreherei“ ist – völlig egal. Nichts wird hergestellt, damit es den Leuten, die es herstellen, also uns, besser geht. Auch Essen wird nicht zum Essen hergestellt. Nein wir leisten keine Arbeit, damit es allen besser geht, oder „für unser Land“. Was bitte gehört uns hier?

Und weil sich im Laufe der Zeit immer zahlreichere Vorwände etabliert haben, uns etwas von dem ohnehin uns entfremdeten Reichtum abzuknöpfen, haben die deutschen UnternehmerInnen nicht nur einen Gewinn, die deutschen AktionärInnen nicht nur eine Dividende, die deutschen Banken nicht nur den Zins, die deutschen VermieterInnen nicht nur die Miete und der deutsche Staat nicht nur die Steuer, für die alle wir arbeiten müssen, sondern es wird jüngst mit der Umgestaltung der Sozialversicherungssysteme nicht mehr die drohende Bettlerexistenz im Falle der Unfähigkeit zur Zwangsarbeit abgefedert, sondern diese unsere Kasse als Druckmittel gegen uns verwendet, um uns wieder in die Arbeitsmühle zu pressen. Sie sind verwandelt in ein Zwangsmittel in der Hand des Kapitalismusverwaltungsapparates, dem wir per se schon als BettlerInnen gegenüberstehen.

Von dieser allgemeinen Tatsache abgesehen, gibt es vielleicht ein, zwei weitere „Wermutstropfen“, die die allgemeine Freude darüber trüben könnten, dass wir alle „eine Arbeit haben“. So müssen wir z.B. immer zeitaufwändiger und weiter zur Arbeitsmühle fahren und verlängern somit die Zeit, die wir eigentlich damit zubringen, den Reichtum für andere herzustellen, um dafür essen und wohnen zu dürfen. Unbezahlt natürlich. Auch die Zahl derjenigen, die nur noch am Wochenende nach Hause kommen, steigt kontinuierlich, v.a. in Ostdeutschland.

Das trifft natürlich vor allem die Männer unter uns, weil doch die Frauen ohnehin nicht mehr so mobil sind, wenn sie die Kinder bekommen.

Das Seelenleben eines Robotermenschen

Dass die Arbeitszeit, die wir dafür aufwenden, fremden Reichtum herzustellen, ein Teil der Lebenszeit ist und mindestens die Hälfte des bewusst erlebten Tages verschlingt, haben wir hier entweder vergessen, weil in den Filmen, die wir schauen, der Werbung die uns zudröhnt, den Büchern, die wir lesen, die Handlung (also das Leben) erst beginnt, wo die Arbeit aufhört. Oder der Gedanke daran ist derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass der hiesige Robotermensch nicht fertig wird, zu betonen, mit wie viel „Engagement“ er das ihm entfremdete Leben bestreitet und wie viel „Spaß“ ihm das Bauen von Maschinen/Automaten/Elektronikdings und Plastebums macht, die er oder sie weder braucht, geschweige denn sich jemals leisten können wird.

Es macht uns geradezu derart viel „Spaß“ dieses uns fremde Leben zu reproduzieren, dass wir darüber glatt vergessen (können), Pause zu machen. Wozu Pause, wenn das, was wir Leben nennen, ohnehin nur diese Form der Arbeit ist?

Ja, wir Robotermenschen arbeiten gern. Dazu sind wir ja da. Auch gern mehr als uns unsere Arbeitskraft wert ist: Im Schnitt machen wir 5 Überstunden, die wir, wenn wir Glück haben, wieder „abbummeln“ dürfen. Mit anderen Worten: Wir dürfen unbezahlte Mehrarbeit verrichten, um uns an anderer Stelle unbezahlt davon erholen zu dürfen.

Wobei der größte Teil von uns sich während dieser Spanne des Lebens gehetzt fühlt. Dass uns in diesen acht bis zehn Stunden täglich (plus Arbeitsweg) keine einzige der Äußerungen unseres Lebens uns gehört, sondern denjenigen, die uns die Mittel für unser Überleben leihweise aushändigen (die wir ihnen in Wirklichkeit selbst herstellen), gerät bei dem ganzen Stress in Vergessenheit und so fühlen wir uns vielmehr unseren Lohnsklavenhaltern zu Dank verpflichtet, wenn wir uns an einem der Tage, die wir uns an sie verkaufen, auch mal frei nehmen können. Unser Glück steigert sich nur noch, wenn wir uns dann gegenseitig Vorwürfe machen können, wenn sich dann doch mal jemand traut blau zu machen, „krank zu feiern“ oder sich sonstwie der Arbeitsmühle entzieht. Ganz zu schweigen von unserem Hass, der diejenigen unter uns trifft, die zwar nicht verantwortlich sind dafür, dass es so läuft, sich aber trotzdem unseres Erachtens ungerechtfertigt der Zwangsarbeit entziehen und arbeitslos sind.

Working Poor

Ein großer Teil von uns arbeitet im sogenannten „Niedriglohnsektor“. Das ist ein schön klingendes Wort für die Tatsache, dass knapp ein Viertel der Robotermenschen hierzulande arbeitet und trotzdem in Armut lebt, oder in Zahlen ausgedrückt: weniger als zwei Drittel des durchschnittlichen Lohns für die Lebenszeit bekommt, die er oder sie mit der Produktion dieses Lohns und der des Reichtums seiner AusbeuterInnen beschäftigt ist. Besonders beschissen haben es da wieder einmal die Frauen unter uns: Sie bekommen insgesamt ein Fünftel weniger, obwohl sie mit der Kindererziehung, der Altenpflege und all den anderen Tätigkeiten, die den männlichen Robotermenschen zu wider sind, sicher nicht weniger in der desaströsen Mühle stecken, als jene. Dass dieser Teil von uns dann vermehrt Teilzeitjobs nachgeht und mit diesen Erwerbsformen sich entweder einem erwerbstätigen Mann oder dem Almosen verteilenden Staat, in jedem Fall aber der patriarchalen Bevormundung unterwerfen müssen, erschwert das doppelt schwere Los der weiblichen Robotermenschen noch zusätzlich.

Auch wenn uns die Flüchtlinge, die in dieses, in „unser Land“ (Was nochmal gehört uns hier?) strömen, uns gerade noch recht fremd vorkommen. Sie bilden die neue soziale Unterschicht, auf die wir entweder hinabspucken können, wie es für den Umgang der Robotermenschen mit jenen so typisch ist, die ihre Robotermenschenselbstverständlichkeiten in Frage stellen. Wir könnten mit ihnen zusammen allerdings auch feststellen, dass wir doch jenseits von „Nation“, „Religion“ und dem ganzen anderen ideologischen Quacksalbertum doch eigentlich dasselbe Interesse haben, dieses Armut- und Elend-produzierende System über den Haufen zu werfen. Momentan sieht es aber so aus, als schlügen sich die Robotermenschen hierzulande einmal mehr auf die Seite ihrer VerwalterInnen und VernutzerInnen.

Zuletzt haben uns unsere Verwalter und Ingenieure – scheinbar gegen unsere Vernutzer – einen Mindestlohn zugestanden: Mit dem Meilenstein von 8,50 Euro pro Stunde steuern der und die damit Beglückten von uns aber direkt auf die Altersarmut zu. Nicht nur, dass es sich dabei um weniger als die Hälfte des mittlern Stundenlohns in der BRD handelt. Die unwahrscheinliche Bedingung von 45 Jahren ununterbrochener Lohnknechtschaft vorausgesetzt, müsste der Mindestlohn 11,50€ betragen, um im Rentenalter, sollte sie oder er es bis dahin überleben, keine Sozialhilfe beantragen und Flaschensammeln gehen zu müssen. Für große Teile des östlichen Robotermenschenlandes ist die Altersarmut schon unter den gegenwärtigen Bedingungen die absehbare Zukunft. Wer hier von uns „nur“ arbeitet, weil er oder sie glaubt, sich im Alter unbeschwert zurücklehnen zu können, sollte lieber gleich damit aufhören, anstatt seine Zeit weiterhin damit zu verschwenden, seinen AusbeuterInnen ein schönes Leben zu bescheren.*

Gleiches gilt für die Robotermenschen im Reinigungssektor, Gastgewerbe und Pflegebereich, die, aufgrund der „natürlichen Arbeitsteilung“ zwischen Zusammenschrauben und Zerstören – Männer – und die Scheiße anderer wegputzen – Frauen –, vor allem mit letzteren besetzt sind.

Bildung ist Mehrwert

Während die ausgedienten Robotermenschen mit einer gewissen Verbitterung massenhaft den in Pfandflaschen gepressten Müll ihrer sich betäubenden Enkel von Parks und Plätzen sammeln, um nicht verhungern zu müssen, lebt jedes fünfte unserer Kinder in Armut, mit der Gewissheit, dass sich daran, trotz des Inklusions- und Durchlässigkeitsgetöses der Verwalter, ihr Leben lang ganz bestimmt nichts ändern wird. Ihre Eltern unterdes nehmen Zweit- und Drittjobs an, um irgendwie über die Runden zu kommen. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass ein Drittel bis die Hälfte des Gegenwerts für unsere Lohnplackerei an jemanden direkt wieder abgedrückt werden darf, der lediglich einen Eigentumstitel auf die Wohnung hat – in der wir doch leben!

Ein veritabler anderer Teil unserer Jugend verzweifelt gerade an den Zurichtung in den Kindergärten und Schulen des Kapitals, um nicht am unteren Ende des Systems der organisierten Menschenschinderei zu landen, leidet unter Burnout, „ADHS“ und Depressionen. Aber dafür gibt’s ja Medikamente. Wer den widersprüchlichen Anforderungen eines Robotermenschen (durchsetzungsfähig, sensibel, zielstrebig, flexibel, immer aufmerksam, gechillt, leistungsorientiert, sportlich, smart, sexy, vor allem sexy! etc.) nicht genügt, ist eben krank und muss behandelt werden. Die Schule des Kapitals ist nichts als die Vorbereitung auf eine automatisierte Welt des leistungsbezogenen Funktionierens. In ihr wird, zunächst durch Zwang vermittelt, zunehmend aber durch zwangsvermittelte „Freiwilligkeit“, eingeübt, den größten Teil des Tages damit zu verbringen, die Anforderungen des Kapitals widerspruchslos auszuführen. Mehr nicht. Wir könnten das erkennen, reden den Prinzipien des Systems aber noch das Wort: „Bildung ist mehr Wert!“

Uns geht’s prima

Dass in den letzten vier Dekaden, die Zahl psychischer Erkrankungen sich hierzulande versiebenfacht hat, dürfte wohl damit zusammen hängen, dass die Zeit, die das Leben eines Robotermenschen ausmacht, nicht so recht zusammenpassen mag, mit dem Ideal dessen, was die Kulturindustrie als das richtige, erstrebenswerte Leben uns so vormacht. Die jährliche Anzahl stationärer Behandlungen aufgrund psychischer Störungen hat sich von 770.000 (1994) auf 1,23 Mio. (2014) fast verdoppelt. Ein Viertel von uns leidet unter Depressionen, ein Viertel unter Angststörungen. Und das sind nur die offiziellen Zahlen – ungeachtet all derer, die trotzdem weiter „funktionieren“.

Der Graben zwischen dem, wozu wir objektiv hier sind – das Leben eines Arbeitsautomaten – und seinem ideologischen Überbau, den wir uns zu eigen machen – „der Kultur“ – ist inzwischen in einem Maße unüberwindbar geworden, dass es die letzten Gewissheiten in unserem Seelenleben erschüttert. Der Ausweg aus einer Welt des Wahnsinns wird die Nervenheilanstalt.

Schauen wir es uns ehrlich an – unser Leben – und stellen fest: Nein, uns geht es hier ganz und gar nicht gut. Hören wir endlich auf uns das einzureden! Fangen wir an etwas dagegen zu tun!

* Der allzu sensiblen Kritik sei gesagt: Einige der zu ziehenden Konsequenz sind als Polemik zu verstehen und selbstverständlich ist der Redaktion bewusst, dass die konkreten Lebensbedingungen (drohende Armut schon im „Erwerbsleben“ oder die der eigenen Kinder, soziale Ausgrenzung, Psychoterror in der Hartz-IV-Mühle) den betroffenen Menschen einen Schritt weg vom gesellschaftlichen Arbeitszwang und hin zur Reflexion der eigenen Verhältnisse nicht gerade einfacher machen.

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