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Der Freier

09.09.2016

26.02.16  | Nachrichten

Zum Vorbild für die Jugend

Der Spanier Joaquín García kam für sechs Jahre nicht zur Arbeit.

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Was würden Sie machen, wenn Sie feststellen, dass es auf Arbeit nichts sinnvolles zu tun gibt und sich niemand drum schert was Sie machen?

a) Sie melden sich bei Ihrem/Ihrer unmittelbaren Vorgesetzten.

b):

„Ein spanischer Beamter der mindestens sechs Jahre lang nicht im Büro erschienen war – unter Umständen sogar länger – muss nun fast 30.000 € zurückzahlen für die Zeit, in der er Gehalt bezog ohne zu arbeiten.“ (Snopes.com, 15.02.)

„Ironischerweise wurde der Beamte nur deshalb entdeckt, weil der Bürgermeister ihm einen Preis für 20 Jahre „loyaler und engagierter Arbeit“ verleihen wollte.“ (USA Today, 14.02.2016)

„Der Grund, warum García solange nicht entdeckt wurde, während er nicht zur Arbeit erschien, war bürokratischer Natur: die Auguas de Cádiz Wasserwerke waren davon ausgegangen, dass er zurück zu seinem Job im Rathaus versetzt worden war und niemand machte sich die Mühe, ihn zu suchen, bis er den Preis erhalten sollte.“ (Snopes.com, ebd.)

Die sechs Jahre Abwesenheit, für die er zur Maximalstrafe – der Rückzahlung eines ganzen Jahreslohns – verurteilt wurde, sind nicht genau feststellbar; unter Umständen gelang es ihm für bis zu 14 Jahre. Bezüglich der Motivation und seines tatsächlichen Arbeitseinsatzes ist die bürgerliche Presse naturgemäß nicht in der Lage, mehr als widersprüchliche Hinweise zu geben, welche sie in der Gerichtsverhandlung, in der er gegen diese Strafe – leider erfolglos – Widerspruch einlegte, aufgeschnappt hatte:

„García sagte dem Gericht, dass er im Büro erschienen war, gleichwohl er zugab, dass er sich nicht an die regelmäßigen Arbeitszeiten hielt. Er behauptete, Opfer von Schikanierung am Arbeitsplatz geworden zu sein aufgrund der sozialistischen Politik in seiner Familie und dass er absichtlich vom Vorstand der Wasserwerke aufs Abstellgleis geschoben wurde.“ (Guardian, 12.2.)

Oder anderswo:

„Mr. García widersprach den Vorwürfen und behauptete, dass er jeden Tag erschienen sei, aber keine Arbeit zum Tun da war.“ (The Independent)

Mittlerweile ist er in Rente.

Die Berichte enthalten allerdings allesamt einen Hinweis, den die ausgebildeten JournalistInnen nicht verstehen und der in ihren Berichten unverständlich bleibt:

„Der Ingenieur holte aus der Verwirrung das größtmögliche heraus, wurde ein eifriger Leser philosophischer Literatur und ein Experte für die Werke Spinozas, dem niederländischen Philosophen, von dem gesagt wird, dass er den Grundstein der Aufklärung legte.“ (Guardian, ebd.)

Tatsächlich hätte der bekannte Vorläufer des Materialismus die Flucht aus einem kapitalistischen Büro nicht nur als nützlich, sondern auch als höchst tugendhaft angesehen, denn – Spinozas Ethik, dritter Teil, elfter Lehrsatz – :

„Alles, was das Tätigkeitsvermögen unseres Körpers vermehrt und vermindert, fördert oder hemmt, dessen Idee vermehrt oder vermindert, fördert oder hemmt das Denkvermögen unseres Geistes.“

Und um, nicht ohne Hintergedanken, noch etwas bei Spinoza zu verweilen:

„Alles, wonach wir aus Vernunft streben, ist nichts anderes als das Erkennen; und der Geist beurteilt, sofern er von der Vernunft Gebrauch macht, nur das als für ihn nützlich, was zur Erkenntnis führt.“ (Vierter Teil, sechsundzwanzigster Lehrsatz)

Vom materialistischen Standpunkt ist es nicht erklärungsbedürftig, warum ein Mensch nicht die erste sich bietende Chance nutzt, um für sechs Jahre seines eigenen Lebens der drögen und sinnentleerten kapitalistischen Zeit- und Lebensverbrennung zu entkommen und sich stattdessen intellektuellen Genüssen hinzugeben. Psychologisch erklärungsbedürftig ist, warum es Millionen Menschen nicht tun.

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