Abo  |  Probeabo  |   Login

Meistgelesen im November

Der Freier

09.09.2016

21.02.16  | Kritik

Syrien gibt es nicht mehr

Die neue linke Mode, gegen das faschistische Erdogan-Regime der russischen Militärintervention in Syrien zu applaudieren, möchte von der Realität der russischen Streubomben und iranisch-irakischen Mordkommandos nicht so viele Details wissen. Hauptsache klares Weltbild, ist man gern bereit, dafür die syrische Bevölkerung zu opfern. Hinter der neuen Identifikation mit Russland steckt schlussendlich die Krisenverleugnung in den westlichen Zentren.

Die Kritische Perspektive finanziert sich über Online-Abos von Leuten wie dir.

Du kannst ohne Abo jeden Monat 2 Artikel deiner Wahl lesen.

Wenn du die Arbeit unserer AutorInnen unterstützen willst, kauf bitte ein Online-Abo. Wenn du die Kritische Perspektive erstmal testen willst, kannst du ein kostenloses 4-Wochen-Probeabo bestellen.

Schon abonniert? » Login.

Das Nachrichtenportal Telepolis verwandte vor einigen Tagen einige Anstrengung, um die von Ministerin von-der-Leyen aufgestellte Behauptung eines „Bombenteppichs auf Aleppo“ zu widerlegen:

„[…] ein “Bombenteppich auf Aleppo” würde sich deutlich bemerkbar machen. Davon ist aber – bisher – in keiner der Publikationen, die sich mit der militärischen Lage befassen die Rede, auch nicht in solchen, die der westlichen Perspektive nahestehen. Es geht schon seit längerer Zeit um Luftangriffe auf die Umgebung Aleppos.

Zugunsten der Ministerin könnte man nun anführen, dass sie vielleicht die Provinz Aleppo gemeint hat, aber auch dann bleibt der Begriff des “Bombenteppichs” ein polemischer. Er bestärkt die Rhetorik, wonach die russische Luftwaffe auf Kosten der Zivilisten agiert. Die Ziele, militante Gruppen, also Kriegsbeteiligte, bleiben völlig unerwähnt – ein Muster, das sich nicht nur bei von der Leyen wiederfindet, sondern in vielen Berichten.“ (Telepolis 1, 13.02.)

Der Artikel bleibt dabei nicht stehen, sondern geht zum Lob der russischen Militärintervention über:

„Dass dabei keine Zivilisten getroffen werden, wie dies Medjedew behauptet, ist leider auch auf einer ähnlich abstrahierenden polemischen Ebene angesiedelt, aber es gibt zwei Punkte, auf die in dieser Situation zu achten wäre, wenn man denn genau zuhören oder hinschauen möchte. Der Raum, in dem die russische Luftwaffe operiert, ist eine Kampfzone, in der die al-Nusra, Ahrar al-Sham und der IS operieren. Diese Gruppen kann man ohne sich in Polemik zu verirren, als terroristische Gruppen bezeichnen.“

Eine wirklich miese Rechtfertigung. „Collateral damage“, hieß das früher, und hätte George Bush das getan, wäre es auf Telepolis sicher nicht als „abstrahierende polemische Ebene“ durchgegangen. Zur Bestärkung der eigenen Behauptungen ist der ganze Bericht dann mit Hochglanzfotos unterlegt, die Präsenz des Islamischen Staats in Aleppo beweisen sollen – und allesamt aus dem Propaganda- und Medienzentrum des IS stammen.

Die dieser Tage typische andere Seite dieser Argumentation leistet ein etwa zum gleichen Zeitpunkt dortselbst erschienener Artikel, der zwar zurecht das von der Türkei betriebene terroristische Vorgehen gegen die Kurden ankreidet, aber kein einziges Wort zu Assad oder zur russischen Intervention verlieren mag:

„Und genau dieser Logik folgt die derzeitige Eskalationstratege der autoritären und zunehmend offen islamistisch agierenden Führungsriege in der Türkei, die jahrelang mittels massiven Ölschmuggels den Islamischen Staat aufbaute, der nun kurz vor dem Kollaps steht. Wir oder sie? Dies soll durch eine militärische Eskalation erreicht werden, die Ankara provozieren will.“ (Telepolis 2, 14.02.)

Wir möchten an dieser Stelle nur am Rande erwähnen, dass es seit 2014 keine Zusammenarbeit anderer Rebellengruppen mit dem IS gibt, und dass zu den größten Abnehmern von Öl des islamischen Staates niemand anderes als das Assad-Regime gehört (siehe z.B. hier und hier).

An dieser Stelle soll es um die Realität des russischen Luftkriegs gehen. Es gab ja vor einigen Jahren, im Zuge des arabischen Frühlings, die verbreitete Einsicht und das Eingeständnis vieler JournalistInnen, dass die traditionellen Medien kaum in der Lage wären, die Realität vor Ort abzubilden, weil diese sich schlussendlich nicht in offiziellen Regierungsberichten, sondern bestenfalls in vielen Augenzeugenberichten und Twittermeldungen wiederfindet. Während Tagesschau, junge Welt und Telepolis bis heute darauf verwiesen sind, die Propagandabilder des Islamischen Staats oder des russischen Ministeriums abzudrucken, sind viele Blogs entstanden, die zwar andererseits wiederum zur Verklärung der lokalen Bevölkerung neigen, aber ein wesentlich realistischeres Bild der Situation vor Ort zeichnen. Wir zitieren, als einen unter vielen, einen Bericht des Middle East Eye mit dem Titel „Die russische Politik der verbrannten Erde“. Ähnliche Berichte findet man zu Syrien/Irak z.B. bei EA Worldview oder dem Institute for the Study of War. Im Bericht wird ein FSA-Kommandeur zitiert:

„Es ist wie Stalingrad. Sie machen ganze Gebiete dem Erdboden gleich. Dann schicken sie die Milizen,“ sagt Yamen Ahmad, ein FSA-Kommandeur in Latakia. Er war in Selma, in der Provinz Latakia, als das Regime im Januar das Gebiet von der Opposition zurückeroberte. „Es gibt keine Chance, der von Russland mit ihren Luftschlägen angewandten Strategie der verbrannten Erde zu widerstehen.“

Und weiter:

„Yamen Ahmad beschreibt, wie das Regime drei Jahre lang versuchte, das Gebiet von der Opposition zurückzubekommen. Er sagte mir, dass es über 50 Schlachten gab, aber mit wenig Erfolg. Als die Russen mit ihren Luftschlägen intervenierten „verbrannten sie die gesamte Gegend“, sagte er. In 40 Stunden gab es über 150 Luftschläge, zusätzlich zu den 1.500 Grad-Raketen. „Es gibt keine Möglichkeit, dieser Feuerkraft zu widerstehen.““

Von einem „Bombenteppich“ wird man hier wohl reden dürfen:

„Am Ende dieser Operation waren rund 80% der Gebäude in der Gegend beschädigt oder zerstört. „Sie können kaum ein Gebäude finden, dass von den Bomben unberührt ist.“ Er beschreibt eine ähnliche Dynamik in der Operation am Al Noba-Gebirge, Provinz Latakia, wo russische Luftschläge so schwer waren, dass „kein einziger Baum stehen blieb, der Berg komplett verbrannt war.“ 25 Luftschläge wurden auf ein 1 km² großes Gebiet geflogen. Danach kamen die Streubomben (cluster bombs) und eine nicht identifizierte Waffe, die ganze Gebiete verbrannte: „alles was es berührte wurde komplett schwarz“. Human Rights Watch publizierte diese Woche einen Bericht zur Dokumentation des russischen Einsatzes von „international geächteter Streumunition“ in Syrien.“

Die „Strategie der verbrannten Erde“ und der Bombenteppiche ist das typische Vorgehen der imperialen Mächte der zweiten Riege – also Russland, der Türkei und China. Die USA als erste und einzige imperiale Weltordnungsmacht waren im Irak noch auf die Befriedung und Wiederherstellung tragfähiger Verhältnisse angewiesen. In ihrem Interesse war ein wiederaufgebauter, demokratischer Irak – Bombenteppiche waren hierfür in der Regel nicht hilfreich. Im Kampf gegen Al Qaida im Irak versuchten sie, lokale sunnitische Milizen aufzustellen, und nicht auf die vom Iran finanzierten Schiiten-Milizen zu setzen, die in Hinrichtungen und Säuberungsaktionen dem IS in nichts nachstanden.

Wenn die USA an der Befriedung des Irak scheiterten, so ist es etwas ganz anderes, was Russland in Syrien anstrebt. Den Imperialmächten der zweiten Riege dagegen fehlt nicht nur das technische Arsenal, sondern auch das objektive Interesse für jede „Stabilisierung“. Für Flächenbombardements dagegen reicht auch der täglich schrumpfende russische Staatshaushalt noch, und diplomatische, mit Geld und Versprechungen unterlegte Taktiererei bezüglich der verschiedenen Bevölkerungsgruppen braucht’s hierfür auch nicht. Die dreckige Arbeit am Boden übernehmen dabei meist irakische schiitische Söldner und vom Iran angeworbene Afghanen, die in Syrien als Kanonenfutter dienen:

„In der Selma-Offensive sind laut Yamen Ahmad 75% der Regimetruppen Ausländer. Wenn sie ihre Radiokommunikation abhörten, waren die Befehle in Persisch während die Kommunikation zwischen den Truppen in einer unbestimmbaren Sprache war, die er als „aus Mittelasien“ beschreibt.“

Die russische Intervention lässt von Syrien nichts übrig. Es geht dort nicht mehr um die Wiederherstellung eines souveränen Staats, denn den gibt es schon lange nicht mehr, sondern dies ist das erste Vorspiel auf den kommenden imperialistischen Krieg der großen Krise. Auch wenn die Kriege von Europa und den USA im Kosovo, im Irak und Afghanistan ähnliche Züge aufweisen, zeigt erst das russische Vorgehen in Syrien, wie es aussieht, wenn den imperialen Staaten die Zügel aus den Händen gleiten. Zu Bombenteppichen wird er noch lange in der Lage sein, und den Rest übernehmen die wechselnden Söldnerbanden.

Und dass, auf einem „abstrakt polemischen“ Niveau, alle diesen zum Opfer fallenden Terroristen sind, daran sollten wir uns auch langsam gewöhnen. Nur Beifall sollte man dem nicht klatschen.

Wenn dir dieser Artikel gefällt, unterstütz uns mit einem Online-Abo.

Oder teste die Kritische Perspektive mit einem kostenlosen 4-Wochen-Probeabo.

Weiterhin diese Woche:

Theorie

Warum der Keynesianismus die Krise nicht lösen kann

Die kapitalistische Überproduktion verlangt den großen Krach und die Entwertung des überflüssigen Kapitals. Sie kann durch keinerlei Staatseingriff aufgehoben werden.

Weiterlesen

Zitat

Zitat der Woche

Marx und Engels zum Mitmachen bei der linksbürgerlichen Opposition

Weiterlesen

Weitere Artikel zum Thema syrien:

Ausgabe 25/2017
27.06.2017

Wenn die Revolution in Rojava wirklich so lebendig ist, wie uns die Berichterstatter erzählen, wäre eins zu erwarten: Forderungen nach Radikalisierung und Weitertreiben der sozialen Revolution

Weiterlesen
Ausgabe 23/2017
09.06.2017

Im verdorrten irakisch-syrischen Ruinenland gibt es keine Gewinner

Weiterlesen
Ausgabe 31/2015
04.12.2015

Sieben Gründe, warum der Bundeswehreinsatz in Syrien scheiße ist

Weiterlesen

Kritische Perspektive 2017 | Kontakt | Impressum | Über uns