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Der Freier

09.09.2016

22.01.16  | Nachrichten

“Bankenkrach” ahoi

In absehbarer Zukunft ist der Zusammenbruch des internationalen Banken- und Finanzwesens zu erwarten. Das munkeln jetzt sogar schon wohlbestallte bürgerliche Ökonomen.

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Selbst die Gockel krähen es jetzt schon von den Dächern

Die Weltwirtschaft steht offenbar kurz vor einem Finanzkollaps. Selbst die Häupter zwangsoptimistischer Wirtschaftsvereinigungen bereiten ihre Klientel und die von den anstehenden ökonomischen Verwerfungen betroffenen Leute auf die katastrophalen Folgeerscheinungen eines Zusammenbruchs der globalen Ökonomie vor. So erzählte William White der Vorsitzende des Economic and Developement Review Committe der OECD, also des Gremiums innerhalb des Wirtschafts-Klubs, das die ökonomischen Zukunftsentwicklungen der Weltwirtschaft beurteilen soll, dem britischen Telegraph, dass das globale Finanzsystem in hohem Maße instabil geworden ist und eine „Lawine von Bankrotten“ auf die Weltwirtschaft zurolle:

Die Situation ist schlimmer als 2007. Unsere makroökonomischen Mittel zur Bekämpfung von Abwärtsspiralen sind aufgebraucht. Die Schwellenländer (emerging markets) waren Teil der Lösung nach der Lehman-Krise [der Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers galt als Startschuss für den letzten Krisenschub; Anm. d. Red.]. Nun sind auch sie Teil des Problems.

Die Schulden haben weltweit in den letzten acht Jahren derart zugenommen, dass sie in jedem Teil der Welt zu einer potenziellen Gefahr geworden sind. In der nächsten Rezessionsphase wird es offensichtlich werden, dass viele dieser Schulden niemals zurückgezahlt werden können, was ziemlich ungemütlich für all jene Leute werden dürfte, die denken, dass sie Vermögenswerte besitzen, die irgendwas wert sind.“ (telegraph.co.uk)

Wenn selbst die Zwangsoptimisten der OECD die Lage derart realistisch einschätzen, dann steht ein internationaler Bankenkrach und in seiner Folge eine Welle von Staatspleiten offenbar unmittelbar bevor. Was 2007 und in den Folgejahren noch durch massive Ausweitung des Staatskredits verhindert werden konnte – laut White ist die Verschuldungsquote in den Schwellenländern auf ein Allzeithoch von 185% und im Klub der OECD-Staaten auf im Schnitt 265% gestiegen – und sich in Folge dessen bis heute anstaute, wird sich aller Voraussicht nach in nicht allzu ferner Zukunft in einem nie dagewesenen Entwertungsschock entladen müssen.

Aufgeschoben – nicht aufgehoben

Dabei ist die sogenannte Finanzkrise nicht zu verwechseln mit ihren materiellen Ursachen, der Krise der kapitalistischen Warenproduktion: Was 2007 und in der Folgezeit geschah, ist nur der Ausdruck stockender Verwertung des industriellen Kapitals selbst. Die Überkapazitäten in der globalen Warenproduktion auf der einen Seite und die stets durch die Produktionsverhältnisse selbst beschränkte Konsumtion dieser Waren durch die Lohnarbeiter*innen auf der anderen, haben sich derart zugespitzt, dass der ganze produzierte Plunder letztlich nicht mehr verkauft werden konnte und durch die internationale Verkettung der Zahlungsverpflichtungen das ganze kapitalistische Kartenhaus zusammenzubrechen drohte.

In dieser Phase griffen die Staaten in Form der Notenbanken ein und verhinderten die anstehende Entwertung durch großzügige Auflage von „Rettungsschirmen“, Wirtschafts- und Staatsfinanzierungssprogrammen sowie der massiven Lockerung der Geldpolitik, die die Leitzinsen weltweit gegen Null getrieben hat, um den Banken und damit den Unternehmen „billiges Geld“ zur Verfügung zu stellen. Man könnte sehr verknappend sagen, dass die Nachfrage für Waren 2008 und folgend durch die Ausweitung des Staatskredits künstlich aufrecht erhalten und durch denselben Mechanismus massenhaft Unternehmenspleiten verhindert worden sind, auch wenn die Kollateralschäden des Kapitals in der ökonomischen Peripherie – siehe Irland, Island, Griechenland etc. – für Millionen Menschen damals bereits verheerend waren und es hieß, es sei die schlimmste Krise seit den 1930ern.

Das Pulver zur „Rettung“ der fiktiven Kapitalberge ist nun verschossen. Die Staaten weltweit sind bis über beide Ohren verschuldet; der Leitzins – Werkzeug der Notenbanken zur Steuerung der Geldpolitik und indirekt selbst Ausdruck der Profitabilität innerhalb der kapitalistischen Produktion – in großen Teilen der kapitalistischen Welt (EU, USA, Japan) auf dem Nullniveau. Darauf, dass seine Erhöhung, wie jetzt in einem verzweifelten Schritt der US-amerikanischen Notenbank beschlossen, die Krise noch verschärft haben dürfte, haben wir bereits im Dezember angemerkt (Ausgabe 33/15).

Der Widerspruch zwischen dem beständigem Zwang zur Ausweitung der Verwertung, d.i .Mehrwertproduktion und -realisierung im Verkauf der Waren – und ebenso brachialer Beschränkung der Ausgaben für das „variable Kapital“ – die Löhne der Arbeitenden – hat sich zum absoluten Widerspruch gesteigert und kann nun selbst durch Ausweitung des Staatskredits, der letzten Bastion für künstliche Konsumnachfrage, nicht mehr vermittelt werden. Vielmehr müsste die anstehende Krise eine solch brutale Dynamik annehmen, dass die Anweisungen auf künftige Mehrwertproduktion – und nichts anderes ist der Kredit – aus der letzten Krise gleich noch mit entwertet wird. Die Vorboten einer solchen Krise schreien die Hähne allerorten von den Dächern: Die Deutsche Bank rechnet mit Milliardenverlusten, in Russland grassiert die Inflation, die Ökonomie befindet sich bereits in der Rezession und der Staat musste zuletzt seine Ausgaben um 10% kürzen, in Venezuela hat die Regierung wegen der Wirtschaftskrise den Notstand verhängt. Was sind die Folgen der nahenden Entwertungskrise?

Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Staatskrise, Menschheitskrise

Was den Verlauf und die Folgen einer solchen Entwertung angeht, haben wir natürlich auch keine Kristallkugel parat, in die wir schauen und das kommende Elend voraussagen können. Allem Anschein nach wird der Entwertungsschock aber alles bisher Gewesene in den Schatten stellen. Die Kette wird an irgend einem der schwächeren Glieder reißen, vielleicht Brasilien, vielleicht China, vielleicht Italien und eine Kettenreaktion auslösen, deren Auswirkungen sich zuerst an den Finanzmärkten zeigen wird.

Zahlreiche Privatbanken werden pleite gehen, weil sie feststellen, dass die Wertpapiere und Anleihen, von denen sie gestern noch behaupteten, dass sie Milliarden wert sind, nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie festgehalten sind. In Folge dessen werden weltweite bankruns stattfinden, die Leute also massenhaft versuchen ihr Geld von den Konten zu holen, was die Bankenkrise noch verstärken dürfte. Die Folge: Völlige Erschütterung des Kredit- und damit Geldsystems. Der Staat wird einspringen und zahlreiche Verstaatlichungen vornehmen müssen, um zu retten, was zu retten ist; dies mal besser können – vielleicht übersteht die deutsche Kreditwürdigkeit ja sogar den nächsten Krisenschub noch –, in den meisten Fällen aber aufgrund der überbordenden Verschuldung machtlos dem Zusammenbruch der nationalen Ökonomie zuschauen dürfen und mit dem Super-Gau der eigenen Existenzgrundlage selbst vor dem Zusammenbruch stehen. Die industrielle Produktion wird in großen Teilen der Welt zusammenbrechen und die Menschen massenweise aufs Pflaster werfen: Griechenland im Weltmaßstab, nur ohne die „rettende Hand“ des Hegemons, der den darbenden Menschen ihr Sklavendasein garantiert.

Mit dem massenhaften Zusammenbruch der staatlichen und ökonomischen Ordnungen stehen die Individuen der jeweils betroffenen Bevölkerung vor der Wahl: Entweder wählen sie die Flucht in die vermeintlich verbliebenen Prosperitätsregionen. Die zu erwartenden Fluchtbewegungen werden die jetzige „Flüchtlingskrise“ weit in den Schatten stellen. Sie könnten sich auch einem der verwahrlosten, gewaltaffinen, patriarchal organisierten letztlich barbarischen Rackets anschließen, die um die verbliebenen Verwertungsreste kämpfen und eine Sklavengesellschaft errichten, in der die nackte Gewalt regiert und nur lückenhaft durch eine entsprechende Heilsideologie bemäntelt wird. Das Ausmaß, des sich gegenseitig bedingenden Verhältnisses von „Flüchtlingen hier“ und „Terroristen dort“ und der um die Verwertungsreste kriegende Staaten überall wird sich auf absehbare Zeit ausweiten zu einer Krise der menschlichen Zivilisation. Schließlich könnten die Menschen – und dies ist die Hoffnung, die uns antreibt – sich zusammenschließen, sowohl gegen Staat und Kapital, als auch gegen die barbarischen Derivate kämpfen, die die anstehende Entwertung aus diesen hervorbringen wird. Für eine Welt, die unsere ist.

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