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Der Freier

09.09.2016

15.01.16  | Kritik

Nach Köln

Betrachtet man die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht in Köln mit etwas Abstand, stellt man fest, dass sie keineswegs aus heiterem Himmel kamen. Belästigungen, Beschimpfungen und Übergriffe auf Frauen sind Alltag in deutschen Großstädten, wie sie es in den Metropolen der arabischen Welt schon seit Jahren waren. Die Frage ist nicht, wo dieses Verhalten plötzlich herkommt, sondern warum es diese Männer in Deutschland offenbar ungebrochen fortsetzen können. Hier zeigt sich das Ineinandergreifen von arabischem und deutschem Sexismus.

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Wir hatten in den letzten Tagen dankenswerterweise die Möglichkeit, uns mit recht vielen Leuten zu Köln auszutauschen und denken, dass wir unseren Erklärungsversuch von letzter Woche stark korrigieren müssen. Richtig war und ist die Kritik der falschen Ausweich- und Vergleichsmanöver, die die neue Qualität der serienweisen sexuellen Übergriffe im öffentlichen Raum, die Schaffung von No-Go-Areas für Frauen, und schlussendlich die Identität der Täter leugnen. Festhalten möchten wir auch weiterhin, dass die Herkunft der Täter eine soziale Kategorie ist, die in jede Betrachtung einbezogen werden muss: nicht der Moslem ist der Täter, sondern junge Männer aus den kapitalistischen Zusammenbruchsregionen. Ersterer Punkt – die Kritik an der Ausblendung der Täter – ist inzwischen selbst im Mainstream angekommen (z.B. hier) und damit uninteressant geworden, gleichwohl die nun auf der Entdeckung dieser Auslassung herumreitenden Artikel sich schlussendlich auf dieselbe Weise um eine Erklärung der Taten herumdrücken.

An diesem Punkt hatten wir vergangene Woche geschrieben, dass es der Ausschluss von der als Ware dargestellten Frau sei, die den offenkundigen Hass dieser Männer auf Frauen erregte und sich, geeignete Bedingungen vorausgesetzt, im sexistischen Pogrom entlädt. Auch wenn wir voraussetzen möchten, dass derartige Projektionen keinen Automatismus bedeuten, d.h. dass das Individuum die Entscheidung zum Übergriff und zur Gewalttat selbst trifft und dafür verantwortlich ist, besitzt diese Erklärung noch zu starke Ähnlichkeit mit der gängigen Vergewaltigungsapologie, dass Männer halt ihre Triebe auslassen müssten (sie ist gewissermaßen eine kulturell-psychologische Version davon).

Wir denken im nachhinein, dass einer der Grundfehler unserer Betrachtung war, dass sie von Köln als isoliertem Ereignis ausging und die Vorgeschichte ignorierte. Mit einigem Abstand betrachtet, ist das Ausmaß der Gewalt von Köln zwar bisher einzigartig, ordnet sich aber ein in die vielfältigen Belästigungen von Frauen, die im letzten Jahr in vielen deutschen Innenstädten Alltag geworden sind – von sexuellen Anmachen und Beschimpfungen, bis hin zum Hinterherlaufen, dem gewalttätigen Begrapschen und zur Vergewaltigung. Jede und jeder kennt die Orte: der Hauptbahnhof, die Fußgängerpassage, das Einkaufszentrum. Die Täter sind allen Berichten nach ähnlich den von Köln: junge Männer, meist Flüchtlinge, meist aus Nordafrika und dem arabischen Raum; für eine Zusammenstellung der in den letzten Tagen zur Anzeige gebrachten Übergriffe siehe z.B. hier.

Dabei ist dieses Verhalten keineswegs erst in Deutschland entstanden, wie wir letzte Woche meinten. Alle Statistiken und Berichte von Kabul bis Casablanca belegen, dass dort öffentliche Anmachen und Übergriffe nach demselben Muster Alltag sind. Z.B. Ägypten, wo Statistiken existieren:

„Sexuelle Belästigung ist in Ägypten ein gefährliches Phänomen. Es kam vor einigen Jahren in der ägyptischen Gesellschaft auf, und hat sich soweit verstärkt, dass alle Frauen außerhalb ihrer Wohnung Opfer wurden. Ende 2013 gab die Organisation UN Women zusammen mit dem Cairo Demographic Center eine Studie über sexuelle Belästigung von Frauen in Ägypten heraus, die darstellte, dass 99,3 % aller befragten Frauen von der ein oder anderen Form von Belästigung betroffen waren.“ (Al Monitor, 17.1.2014)

In Ägypten geben 60 % der Männer offen zu (!), Frauen sexuell zu belästigen, viele regelmäßig usw. Was das real bedeutet, lässt sich anhand von Zahlen schwer erfassen; wir sind auf die Erlebnisberichte von Frauen angewiesen, die die Kraft und den Mut hatten, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Diesmal Iran:

„Manchmal sind es nur Blicke. Wenn ich die Straße runter laufe, sehe ich ihn mir entgegen kommen. Er ist mehrere Meter weg wenn ich bereits zusammenzucke. Ich senke meinen Blick oder schaue weg.

Ich will meinen Mantel [manteau] schließen […], um seinem schnüffelnden Blick zu entgehen, aber es ist zu spät. Wie ich an ihm vorbeigehe, fühle ich, wie seine stechenden Augen unter meinem dicken Mantel nach meinen Brüsten suchen und meinen Körper mit scharfer Intensität abchecken. […] Es gibt nicht den geringsten Versuch, dies zu verstecken: das Gaffen ist vollkommen ungeniert, sowohl lässig wie selbstbewusst.

Von Zeit zu Zeit gibt es Geräusche. Wenn er vorbeiläuft, dreht er seinen Kopf zu mir und schnalzt seine Zunge gegen seinen Gaumen. Oder macht einen lauten Kuss in die Luft. […] Manchmal kommt es direkt von hinter meinem Rücken: ein Zischen, direkt in mein Ohr. Manchmal ist es eine schnelle Bewegung in letzter Minute, wenn wir aneinander vorbeilaufen, wie eine Schlange die plötzlich ihre Zunge rausstreckt. Jedesmal ist es derselbe hinterhältige Ausdruck von hemmungsloser Begierde, die mich erschaudern lässt.

Oft gibt es auch Worte. Zum Glück ist mein Persisch nicht gut genug um die in mein Gesicht geworfene Obszönität zu verstehen. Oder vielleicht will ich es auch gar nicht wissen.

Am Ende macht es auch keinen Unterschied: die Art und Weise, in der mir diese Worte zugeworfen werden, mit einem bestimmten Ausdruck im Gesicht des Typen, gebleckte Augen und die Oberlippe leicht hochgezogen, ist Teil einer universellen Sprache. ich kann nur raten, dass er meine Kleidung oder meinen Körper kommentiert, mich zu seinem Haus einlädt oder mich eine Hure nennt. […]

Sexuelle Belästigung an öffentlichen Plätzen ist eine tägliche Realität im Iran. […] Aber es kein Flirten. Es ist eher wie eine große Jagd [hunting], in der die ganze Stadt ein einziges Jagdgebiet wird. Für Frauen kann das Laufen auf der Straße ein qualvolles, unerträgliches Erlebnis werden. […] Alleine im Park oder auf einer Bank zu sitzen, wird als offene Einladung gesehen. […] Das Nachstellen passiert überall im hellen Tageslicht, mit der stillschweigenden Einwilligung von allen Seiten – einschließlich derselben Autoritäten die angeblich Frauen schützen sollen. Es gibt kein Risiko bei dieser Jagd.“ Usw. (Guardian, 15.9.2015)

Wer nicht damit vertraut ist, lese diese Berichte (unsere eigene Erfahrung und die Berichte von vielen Bekannten bestätigt derartiges). Wichtig ist es, dabei tatsächlich zu verstehen und ernst zu nehmen, was diese Frau schreibt: es ist keine Situation, die ihr einmal passiert ist oder auch nur jede Woche einmal passiert – wie dies auch in Deutschland immer wieder geschehen kann und geschieht –, sondern sie beschreibt, was ihr täglich mehrmals und an jeder Straßenkreuzung geschieht, sobald sie sich in der Öffentlichkeit bewegt.

Damit ist natürlich keineswegs gesagt, dass diese „street culture“ von allen Männern dort oder allen Flüchtlingen aus diesen Ländern hier geteilt würde; man findet gerade dort auch unter Männern scharfe Kritiker dieser „Kultur“, gleichwohl die sexuelle Belästigung auf der Straße nur die Spitze des Eisbergs ist. Der Riss geht durch diese Gesellschaften ebenso wie der der Pegida-Sympathie durch die deutsche. Es ist wichtig, auch zu verstehen, dass diese Belästigungskultur kein Ausdruck des Islam oder irgendeiner traditionellen arabischen Kultur ist; vielmehr ist sie vor allem in in den letzten Jahrzehnten aus dem Boden geschossenen arabischen Mega-Städten wie Teheran oder Kairo, allgemein an allen Punkten der Auflösung der traditionell-patriarchalen arabischen Gesellschaft präsent. (Ihre spezifische historische Entstehung wäre an einer anderen Stelle genauer zu untersuchen.)

Eine notwendige Differenzierung

Man mag noch so viele Vergleiche mit dem Oktoberfest, Vergewaltigungen in der Ehe, Prostitution und Pornographie bemühen – diese selbstverständlichen Belästigungen von Frauen in der Öffentlichkeit; dieser Spießrutenlauf durch die Innenstädte ist ein in Deutschland neues Phänomen. Alle interessierten Versuche, diese öffentlichen Übergriffe durch arabisch-nordafrikanische Männer als in Deutschland schon immer dagewesen darzustellen, werden schlussendlich dadurch widerlegt, dass es gerade geflüchtete oder emigrierte Frauen sind, die diesen Unterschied sehr scharf spüren und immer wieder benennen: die Freiheit, sich in der Innenstadt frei bewegen zu können, ohne fremde Hände, Sprüche, und – auch das gehört dazu – ohne Kopftuchzwang. Diese Freiheit ist es, die nun auf der Kippe steht:

„Am ersten Tag, als meine beste Freundin über Griechenland in Berlin ankam, gab ich an, wie sicher diese Stadt sei. Ich sagte sogar: „Und das hier gilt als die unsicherste Stadt in Deutschland.“ Es war acht Uhr an einem Sommerabend. Wir waren mit zwei weiteren syrischen Freundinnen auf dem Alexanderplatz unterwegs. Wir wurden von einer Gruppe junger Männer belästigt, und hier muss ich sagen, dass es junge afrikanische Männer waren. Sie versuchten, das Handy meiner Freundin zu klauen. Als sie davonrannte, begann einer der Männer, ihr nachzulaufen. Sie schrie – drei Minuten lang, mitten auf dem Platz – „Nein, nein“ – während wir anderen drei ihnen folgten und die Diebe anschrien. Die Männer waren betrunken. Irgendwann ließen sie von uns ab. Alaa und ich waren schockiert. Auf einem öffentlichen Platz kam keiner, um uns zu helfen oder dazwischenzugehen. Alle schauten zu, aber niemand wagte es, uns beizustehen. Wir waren junge Frauen, mitten in Berlin, und ganz alleine.“ (Riham Alkousaa: „Meine Erfahrung mit Sexismus in Deutschland“, Cicero, 6. Januar 2016, zitiert nach Die Störenfriedas)

Das Perfide an diesen Übergriffen ist, dass auch die arabischen Täter zwischen verschiedenen Opfern unterscheiden. Es sind nicht Frauen der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft, sondern junge, als irgendwie arabisch identifizierte Frauen, die von den Tätern als bevorzugtes Ziel ihrer Belästigungen ausgemacht werden:

„Ich bin aus Frankfurt und hier gibt es Orte, die ich tagsüber sogar vermeide. Dort sind viele Männer, die – je nachdem – in einem Café sitzen, Drogen verticken oder halt nach Frauen Ausschau halten (ganz nah neben einer Polizeidienststelle). Viele Männer aus einer bestimmten Region, mit einem bestimmten Migrationshintergrund, suchen explizit nach Frauen, die Kopftücher tragen. Ich muss sagen, dass ich keine 2 Minuten dort bin ohne irgendeine dumme Bemerkung zu hören.“ (Sultana Sha: „Übergriffe in Köln: Als Muslima erlebt man dasselbe“, Huffington Post, 8. Januar 2016, zitiert nach Die Störenfriedas)

Die Belästigungs- und Übergriffskultur aus diesen Ländern ist mit den Flüchtlingen inzwischen in Deutschland angekommen. Es mag ein winziger Bruchteil der Flüchtlinge sein, der hierfür verantwortlich ist, aber die Herkunft dieses Verhaltens ist eindeutig.

Es wäre aber verkürzt und falsch, bei diesem Faktum nun stehen zu bleiben, vielmehr fängt die eigentliche Fragestellung hier erst an. Die Frage, die wir beantworten müssen, ist nicht mehr: wo dieses Verhalten plötzlich herkommt, sondern vielmehr: warum die Täter dieses Verhalten in Deutschland offensichtlich ungebrochen fortsetzen können und fortsetzen wollen.

Wenn deutsche und arabische Gesellschaft ach-so-unterschiedlich sein sollen – wieso gelingt hier, was dort gelang? Wieso gibt es keinen gesellschaftlichen Widerstand – gerade einmal 1.000 Frauen und Männer kamen zu einem Flashmob nach den Übergriffen der Silvesternacht in Köln zusammen, in der Presse ging dies meist unter Berichten zur Pegida-Demo am gleichen Abend verschüttet? Wieso gibt es aber keine Unterstützung der Frauen in der Öffentlichkeit (siehe z.B. das vorletzte Zitat)? Und schlussendlich: warum gibt es keine staatliche Verfolgung dieser Übergriffe?

Es ist doch höchst eigenartig: die deutsche Gesellschaft und Politik möchte gern als antisexistisch dastehen, und trotzdem kann sie sich nirgendwo entschließen, Frauen gegen Übergriffe zu unterstützen:

„Die eigentliche Hohnsprechung der Opfer aber ist, dass es für die Taten, die da in Köln begangen wurden, überhaupt keine rechtliche Handhabe gibt.“ (Die Störenfriedas: Die Farce von Köln, 6.1.2016)

Täter wie Opfer machen immer wieder die Erfahrung, dass sexuellen Übergriffe in Deutschland genauso toleriert und straffrei bleiben wie in Kairo, Tunis, Istanbul oder Teheran. Ein Beispiel unter vielen:

„LEIPZIG – Nach dem sexuellen Übergriff auf eine Frau am Samstag am Leipziger Hauptbahnhof hat die Staatsanwaltschaft gestern die Freilassung der zwei von der Polizei festgenommenen Nordafrikaner gerechtfertigt. Nach Auffassung der Behörde war der Griff zwischen die Beine des Opfers keine sexuelle Nötigung, sondern eine Beleidigung. […] Verwunderlich: Auch die im Gesetz (§ 177 StGB) aufgeführte „Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist“, sieht die Staatsanwaltschaft nicht. Dabei hatte das Opfer laut Polizei ausgesagt, von etwa 15 Männern umringt worden zu sein. Aus dieser Situation sei dann der sexuelle Übergriff erfolgt.“ Usw. (MOPO24.de, 11.1.2016)

Deutscher und arabischer Sexismus

Es ist nun aber falsch, aus diesem offensichtlichen Unwillen und der Unfähigkeit, sexuelle Übergriffe gegen Frauen zu verfolgen, den Schluss zu ziehen, dass deutscher und arabischer Sexismus (wie wir ihn zur Vereinfachung nennen wollen), identisch seien. Die Differenz ist ja gerade, dass solche Spießrutenläufe bisher nicht zum Alltag in deutschen Städten gehörten. Was sich hierin zeigt, ist ja gerade eine grundlegende Verschiedenheit der sexistischen Ideologie und des gesellschaftlichen Geschlechterleitbildes: im Gegensatz zur arabischen sexistischen Ideologie ist in Deutschland die vollendete Gleichheit der Geschlechter Ideologie und Leitbild. Frauen sind nicht weniger wert als Männer, sondern gesellschaftlich gleichgestellt.

Aber diese Gleichheit bleibt zugleich Ideologie deshalb, weil sie abstrakt bleibt, auf der Oberfläche verharrt und die reale Ungleichheit verdeckt. Nicht nur die in Deutschland ebenso fortbestehende Gewalt gegen Frauen, der Zwang zur Zurichtung und Verdinglichung von Frauenkörpern, die Schönheitsideale, Pornographie und Prostitution, sondern ebenso die unterschiedlichen Lebens- und Berufsaussichten sprechen der Gleichheit Hohn. Anstatt aber diese Differenzen biologistisch oder religiös zu rechtfertigen, werden sie durch die abstrakte Behauptung der erreichten Gleichheit – zum Verschwinden gebracht. Alle fortbestehende Ungleichheit, Ausgrenzung, Herabsetzung und Gewalt ist damit gar nicht mehr thematisierbar (wer es doch tut, begeht Verrat an der aufgeklärten und demokratischen Gesellschaft). Diese abstrakte Gleichheitsideologie ist so fest verankert, dass sie scheinbar widersprüchliche, banal biologistische Ideologien unter ihrem Mantel beherbergen und zudecken kann – für die Kollegen aus der Frühstücksrunde war es noch nie ein Problem, zwischen der schon längst erreichten Geschlechtergleichheit und der natürlichen Veranlagung von Frauen für Kinder, Putzen und Sentimentalität hin- und herzuwechseln.

Es ist damit gerade nicht die bewusste Herabsetzung von Frauen, die diese gegenüber der nun aufkommenden männlichen Gewalt im öffentlichen Raum schutzlos lässt, sondern es ist diese genehme Ideologie, dass die Gesellschaft de facto keine Geschlechterunterschiede hätte und folglich keine berücksichtigen müsste, die zur Weigerung führt, irgendetwas zum Schutz von Frauen zu tun, auf individueller ebenso wie auf staatlicher Ebene: die landläufige Argumentation gegen die Verschärfung des Vergewaltigungsparagraphen in Deutschland ist nicht, dass Vergewaltigung männliches Recht oder männlicher Trieb wäre, sondern dass durch jede Vereinfachung der Beweispflicht einer unlauteren Ausnutzung durch Frauen Tür und Tor geöffnet wäre, ja, Frauen dann einen unlauteren „Vorteil“ erhielten, den sie als Machtmittel gegen Männer missbrauchen könnten – was doch der Gleichheitsforderung widerspräche, undsoweiter undsoweiter.

Die Dialektik des kapitalistischen Patriarchats

Der Grund für diese falsche, zu Lasten von Frauen gehende Gleichheitsideologie liegt schlussendlich selbst in der materiellen Realität des kapitalistischen Patriarchats. Frauen sind zwar nach wie vor auf ihre gesellschaftlich zugeschriebene „weibliche“ Rolle festgelegt – Kindererziehung, Sexualität, Emotionalität –, zugleich aber sind sie als gleichberechtigte Arbeits- und Verwertungssubjekte anerkannt. Ihre Gleichheit und relative Freiheit ist an bestimmte Funktionen und gesellschaftliche Sphären gebunden: am Hauptbahnhof, auf dem Rückweg zur Arbeit, in der Einkaufspassage und in der Fußgängerzone sind sie in Deutschland Arbeits- und Zirkulationssubjekte, d.h. Arbeitskräfte und Geldbesitzerinnen auf zwei Beinen und als solche Freie und Gleiche. Es ist genau diese Gleichheit und relative Freiheit, die von den geflüchteten und emigrierten Frauen so geschätzt wird, und die – auch wenn es auch hier Übergriffe und Belästigungen gibt – eine andere Welt darstellt verglichen mit der Realität in arabischen Großstädten. Der Nachteil dieser falschen und beschränkten Gleichheit ist dann andererseits die ungeheure Doppelbelastung: dass Frauen unter der Oberfläche weiterhin für die „weiblichen“ Tätigkeiten und für die Darstellung von „Weiblichkeit“ zuständig sind, dies aber zugleich kaschieren müssen. Es ist, in einem Wort, die Dialektik der Wertabspaltung, die sich hier entfaltet.

Wir denken, dass nur auf diese Weise, die sowohl die grundsätzliche Gemeinsamkeit wie die andere Gestalt der sexistischen Realität wie Ideologie in Deutschland und den arabischen Ländern anerkennt, die Ereignisse in Köln wie der nachfolgende gesellschaftliche Diskurs begreifbar und adäquat kritisierbar werden.

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