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09.09.2016

26.06.15  | Kritik

Mit medienwirksamen Ritualen gegen Stacheldrahtzäune, Drohnen und Helikopter

Am Sonntag fand der „Marsch der Entschlossenen“ zur symbolischen Friedhofseröffnung vor dem Reichstag statt. Was der linken Szenekultur die Tränen der Entrückung in die Augen treibt, dürfte den sterbenden Flüchtlingen herzlich egal sein.

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Mit der Entschlossenheit von Dreijährigen, die ihre Sandburg am Strand vor der zerstörungswütigen großen Schwester verteidigen, schützten am vergangenen Sonntag in Berlin die Demonstranten des „Marschs der (Un)Entschlossenen“ ihre Kindergartenarchitektur vor den überforderten Cops. Leztere, zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, versuchten mit Gewalt die jungen Leute am Umgraben der Rasenfläche vor dem Reichstag abzuhalten, was ihnen nur für kurze Zeit gelang. Wer sich jetzt fragt, warum sich Tausende mit der Polizei um ein paar Sandhaufen prügeln – 91 Verhaftungen inklusive – und auch noch denken, damit irgendetwas zu bezwecken, braucht sich nur die Ankündigung zu diesem Bestattungsevent anzuschauen:

„Seien Sie dabei, um an diesem Sonntag mit den Toten Kurs auf das Kanzleramt zu nehmen und die Grundsteine des Vorplatzes für ein Friedhofsfeld der Superlative aufzustemmen: eine Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas unter dem titelgebenden Bogen “Den unbekannten Einwanderern”.“

Nicht nur, dass hier in Form einer Helene-Fischer-Konzert-Ankündigung für die kollektive Selbsterniedrigung geworben wurde. Das Anlegen der symbolischen Gräber in aller Öffentlichkeit zu einem Happening auszurufen, entmenschlicht geradezu die Toten durch die Ästhetisierung ihres Leids. Die Toten an den Grenzen Europas sind gar nicht Zweck der Veranstaltung, sondern eher Mittel zur Selbstvergwisserung der Berliner Szenelinken. Das gemeinschaftliche Schauspiel, die inszenierte Trauer und die unentwegt gezückten Smartphones versinnbildlichen geradezu den Bezug der Linken in der Postmoderne zu ihrem eigenen Handeln: Es ist rein symbolisches Handeln, das jeden Bezug zur Realität verloren zu haben scheint – Kreativität als Politik. Sie glauben tatsächlich durch ihr unentwegtes „Zeichengesetze“ in der Wirklichkeit etwas zu ändern. Sichtlich genossen die Anwesenden, dass die offiziellen Kamerafutzies ständig draufhielten. Ohnehin hatten geschätzte 2/3 dieser Menschen ihr Smartphone ständig in der Hand, was den Eventcharakter, also letztlich das Fühlen des „entrückenden Erlebnisses“, noch einmal verdeutlicht, der durch die penetrante Digitalisierung des Moments ins unendliche vervielfacht werden wird. Mit welcher fast schon ins transzendente übergreifenden Ergriffenheit sie es bestaunen, wenn sie das Symbol, um das es eigentlich geht, entgegen den Auflagen der Polizei dann doch heimlich errichten können, verdeutlicht den Bezug der DemonstrantInnen zum Symbolischen. Sie glauben tatsächlich durch dessen Errichtung irgendetwas bewegt zu haben und scheuen auch die physische Auseinandersetzung zu seinem Schutz nicht, während im Mittelmeer an diesem Tag, wie auch an allen folgenden, Menschen sterben werden, die dieses Schauspiel wohl wahrlich wenig interessiert.

Schließlich kniet sich ein halbes Dutzend dieser Leute über den von Gerührten umzingelten Sandkasten und buddelt selbst fleißig mit. Besser kann die Infantilität dieser Aktion und der an ihr Beteiligten wohl kaum ausgedrückt werden. Davor wird sie auch die stets präsente Selbstdistanzierung durch die latente Ironisierung allen Handelns und Sagens nicht schützen, in der sich die VeranstalterInnen in Wirklichkeit unangreifbar machen wollen. Ein Hoch auf die heilsame Kraft des Symbolismus!

Zudem scheinen die Menschen, die dem Aufruf des „Zentrums für politische Schönheit“ gefolgt sind, zu glauben, dass den Regierenden oder den Beherrschten nicht bewusst wäre, was sich da „vor den Toren Europas“ abspielt. Es dürfte mittlerweile dem letzten CSU-Hinterbänkler genau wie seiner Klientel bewusst sein, dass an der EU-Außengrenze tausende Menschen sterben und dass daran nicht irgendwelche „kriminellen Schlepperbanden“ schuld sind. Es ist der überbordende Zynismus in Regierung und Bevölkerung gegenüber dem Schicksal der Ausgestoßenen aus dem Süden, die Gleichgültigkeit angesichts der eigenen Verstrickung in die Verhältnisse und die heimliche Freude darüber, nicht das größte Opfer dieser Verhältnisse zu sein, was den aktuellen Zustand des Massenbewusstseins wohl am besten charakterisiert. Die Hoffnung ist vergebens, dass sich die Vernunft in Form von Mitmenschlichkeit und Solidarität schon einstellen wird, wenn nur der Blick der Masse richtig justiert ist. Den Zynismus wird keineswegs die „Symbolistische Aktion“ (zu der Teile der Antifa verkommen zu sein scheinen) sprengen, sondern der Hang zu Ironie und Tatenlosigkeit (in Form der symbolischen Tat) verhält sich geradezu wie das passende Gegenstück zu dieser mörderischen Gleichgültigkeit: „Ihr Tod kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber ihre sterblichen Überreste können Europas Mauern zu Fall bringen. Diese Aktion wird Europa in einen Einwanderungskontinent zurückverwandeln“, heißt es passend dazu auf der Webseite der Organisatoren. Dort wird auch penibel ausgerechnet, was eine Überführung und die Bestattung eines Flüchtlings kostet. Über 50.000€ an Spenden hat die Organisation bisher dafür eingesammelt. Die Frage sei gestattet: Was hilft das, zu allem Überfluss ins Transzendente übergreifende, Gerede von der „Würde der Toten“ den gerade ertrinkenden Flüchtlingen? Wie ist den Verdurstenden, den Gefolterten, den Vergewaltigten und Misshandelten geholfen, wenn drei oder vier von ihnen symbolisch auf einem Stück Rasen in einer fernen Stadt verbuddelt werden? Den AktivistInnen scheint es in jedem Fall lieber zu sein, ihren Hang zum Religiösen (dem großen Bruder des Symbolismus) zu befriedigen, als mit dem Geld das Los der noch Lebenden zu erleichtern.

In Zeiten der Postmoderne scheint selbst die katholische Kirche bisweilen progressiver zu sein, als die Berliner Szenelinke: Der Gründer der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, Rupert Neudeck, der bereits in den 80er Jahren tausende boat people aus dem Südchinesischen Meer rettete, sammelt bereits Spenden, um erneut ein Schiff für die Flüchtenden auf dem Mittelmeer zu chartern. Man kann ihm nur Glück wünschen und hoffen, dass er nicht unter das Label „kriminelle Schlepperbanden“ subsumiert und das Schiff vom deutschen Militär versenkt wird.

Während dessen heulen die Leute auf dem Berliner Hauptstadtrasen ihr müdes „Solidarität muss praktisch werden…“ und bilden dazu eine Menschenkette. Die Kapitulation der Linken vor dem organisierten Totschlag der Flüchtlinge kann sie wohl selbst kaum besser ausdrücken, als in den Symbolen, denen sie nachweint: „Wir können nichts für euch tun, als euch zu bestatten.“ – lautet die Botschaft dieser Aktion – „Und mit euch tragen wir uns selbst zu Grabe.“

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